Der Himmel anderswo

04.07.2013

Zwei junge Menschen, ein Mädchen und ein Bursch. Zwei Erzählstränge, die einander regelmäßig unterbrechen und so in bewährtem Schema einander Pausen und dem Leser die Neugier auf Fortsetzung verschaffen. Soweit entspricht das Konzept jenem des vorangegangenen Romans «Gegen einsam». Eine weitere Parallele ist die lange Erzählstrecke, die sich jeder der beiden Hauptfiguren für sich widmet, ehe sie einander durch Zufall begegnen.


Diesmal hat sich die Autorin allerdings mehr vorgenommen. In diesem Roman sind Ort, Zeit und Biografieausschnitt nicht eng begrenzt. Irina ist am Anfang des Textes siebenjährig, Milo noch ein Säugling. Wir verlassen sie am Ende des Buches als junge Erwachsene, die entschlossen sind, Gemeinschaft zu wagen.

Irina gerät schon als Kleinkind durch die unglückliche Orts- und Berufswahl des Vaters in eine Armutssituation, in deren matriellen Zwängen nur die gemeinsamen Erlebnisse mit dem älteren Bruder ein wenig Beziehungsfähigkeit keimen lassen, der sie auch den Blick nach außen lehrt, das Interesse für alles, was wächst und lebt, gepaart mit dem Blick sachlicher Analyse. «…Er fängt Käfer und Spinnen. Lässt Irina die sechs oder acht Beine zählen…». Dieser Blick nach draußen soll für das kleine Mädchen bald zur Überlebensstrategie werden. Der Vater verunglückt tödlich. Der Bruder stirbt an einer Krankheit, die auch sie erfasst. Aber sie überlebt. Zum ersten Mal wird dem Leser ihre ungewöhnliche Widerstandskraft nahegebracht.

Irinas Onkel bemächtigt sich der Witwe und der Halbwaise und einverleibt sie – gemeinsam mit seinen eigenen Kindern – der Bettlerorganisation, in der er über eine Schar von ihm abhängiger «Läufer» herrscht. Die Organisation ist mafiös und gnadenlos. Irina überlebt das Unerträgliche. Sie «stiehlt» dem Onkel kleine Münzen, die sie in seinem Auftrag erbettelt hat, indem sie diese nicht abliefert, sondern unter der Zunge verbirgt, bis sie das jeweilige Geldstück in einem unbewachten Augenblick hinter einem gelockerten Ziegelstein verstecken kann. Zwei Jahre lang gelingt ihr dieses Spiel, ohne sich dabei eine Infektionskrankheit zu holen. Erst als ihr die Aussichtslosigkeit des Unterfangens, sich auf diese Weise freizusparen, bewusst wird, gibt sie es auf.

In dieser Resignation erst wird ihr Körper sich seiner Weiblichkeit bewusst, und erst jetzt, bei der inzwischen 14jährigen, setzt die erste Menstruation ein, mit einer langes Versäumnis nachholenden, schmerzhaften Heftigkeit. Als sie zur jugendlichen Frau zu erblühen beginnt, gelingt ihr die Flucht mithilfe einer Model-Agentur, die sich als organisierte Straßenstrichmafia entpuppt. Auch in der Hölle der Zwangsprostitution wird sie nicht krank. Ihre seelischen und körperlichen Abwehrkräfte lassen sie alles überstehen, Infektionsgefahren, wie auch unendliche Demütigungen und Misshandlungen. Eines Tages sieht sie in der Krone des Baumes vor ihrem Fenster einen jungen Mann schlafen. Von da an immer wieder, ohne zu ahnen, dass ihr Schicksal sich mit dem des Burschen kreuzen wird.

Milos Lebensweg ist kaum weniger tragisch. Sein Dorf wird von Soldaten überfallen, sein Vater getötet, die Mutter vergewaltigt. Sie flieht mit dem Säugling in ein Land, in dem Friede herrscht, aber die Aufnahme der beiden mündet nie in wirkliche Integration. Obwohl sich die Mutter mit dem Eifer der Verzweiflung die Sprache des fremden Landes aneignet und sich für den Pfarrer der Gemeinde zu Tode arbeitet, muss sie ihm noch mehr geben als ihre Arbeitskraft. Als sie stirbt, wendet sich die Begierde des polyperversen Priesters Milos knabenhaftem Körper zu. Milo flieht, schlägt sich durch und schafft es sogar, im fremden Land Bleibe und Arbeit zu finden.

Eines Tages trifft er auf Irina, die, von einem Zuhälter zusammengeschlagen, blutend vor ihm zusammenbricht. Er nimmt die fast sieben Jahre ältere junge Frau bei sich auf. Aber die heimliche Flucht vor der Zuhälter-Clique bleibt ihnen nicht erspart. Ihr Wagnis endet nach einer abenteuerlichen Odyssee im Hohen Norden, in einer Chance auf einen Lebensstart ohne die Zwänge eines sozialen Umfelds, das ständig danach trachtet, sich ihrer Körper und ihrer Arbeitsleistung zu bemächtigen.

Der Roman ist mit der Art von Spannungselementen ausgestattet, die in sehr guten Jugendbüchern zu finden sind, und vielleicht auch als ein solches gedacht. Die Veränderungen, denen Sprache, Körpersprache, Wahrnehmung, Kommunikationsmuster etc. im Laufe des Entwicklungsabschnittes vom Säugling zum jungen Erwachsenen und vom Kleinkind zur jungen Frau unterliegen, werden an wenigen Stellen angedeutet. Im Wesentlichen aber lässt der Text hier ein Vakuum, das der Leser selber zu füllen hat. Der Tod von Irinas Vater z. B. ist mit einer einzigen Geste des Mädchens an seinem Totenlager abgehakt.

Bis ans Romanende ist keine Rede mehr von ihm. Über die Kontakte, Gespräche, Berührungen zwischen Mutter und Tochter, den Cousins und Cousinen, heranwachsend, vorpubertierend, ist so gut wie gar nicht die Rede. Einzig das Vermächtnis des Bruders, sich in bitteren Situationen auf eine zählbare, geordnete Natur zu konzentrieren, auf deren tröstende Schönheit und Logik anscheinend einzig Verlass ist, begleitet die Protagonistin durch Kindheit, Pubertät und junges Erwachsensein.

Die Textkonstruktion ist präzise, die Sprache klar und luzide, das Erzähltempo jeder Sequenz optimal angemessen. Dass Gedanken an die Eltern fast ständig verbannt werden und Irina alles Gedankenspiel um fantasierte Beziehungen der Menschen um sie herum aus ihrem Leben ausklammert, ist plausibel. Das Prozesshafte solcher Ausklammerungen verschweigt der Text fast völlig. Er zeigt streckenweise ähnliche Berührungsängste mit zwischenmenschlichen Fantasien wie die Protagonistin der Erzählung, was dieser aber nicht unbedingt abträglich ist.

Daniela Meisel: Der Himmel anderswo. Roman
Picus, Wien 2013
ISBN 978-3-85452-694-0

Franz Blaha

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