Sterben kann jeder

29.06.2013

Schon der Titel zeigt das Spiel, das Jens Dittmar so gekonnt mit dem Leser zu treiben weiß. Jeder weiß um die genannte «Fähigkeit» zu sterben, deren Akzeptanz er nach Tunlichkeit meidet und ist sich der Ironie des Gegensatzes, der Ironie der Relativität von Realität, Erlebnis und Bewertung als «Mensch in seinem dunklen Drange halb bewusst». Der Mephistopheles Jens Dittmar verführt in unterhaltsamer Weise zu Selbsterkenntnis.


«Eins», «Zwei», … «Acht» sind die Kapitel betitelt. Auf schlanken Arachnoidenbeinen spinnt der Text seine Fäden, fängt den Leser im Netz seiner Erwartungen und der Spannung, ob sie zutreffen oder nicht.

Am 24. Juli 2008 wird Barack Obama in Berlin erwartet, ein Erdbeben erschüttert eine japanische Hauptinsel, der Post-Chef stellt Steuersünden straffrei, und Lorenz Kaufmann hat vor, seine sterbende Mutter im Pflegeheim zu besuchen. Ereignisse ohne sichtbaren Zusammenhang treffen zusammen. Der Alltag ist jene Absurdität, die wir ausblenden und von uns wegprojizieren weil wir uns in einer kalkulierbaren Welt sicherer fühlen. Auch wenn wir sie erst selber konstruieren müssen.

Lorenz fährt ins Pflegeheim. Er kontaktiert den Heimleiter, der sofort seinen Betrieb zu loben beginnt und lobklagend dabei dessen Unzulänglichkeiten preisgibt. Dabei hat Lorenz ihn nur aufgesucht, um ihn um den Postkastenschlüssel zu bitten, kommt aber gar nicht zu Wort.
Über all die Beschwernisse des Pflegeheims verliert Mutter Ilse kein Wort. Worüber sie klagt, ist, dass von der Pizza immer nur die erste Hälfte schmeckt und sie verhängnisvoller Weise auch immer mit der schmackhaften Hälfte beginnt. Das müsse vielleicht einmal dem Leiter gemeldet werden.

Lorenz liebt seine Mutter nicht, aber er kümmert sich um sie. Sie hat ihm nichts angetan, außer ihn in ein völlig anderes Tun-und-lassen-Ambiente hineinzugebären als jenes, das ihr selber lebenslänglich verpflichtend vermittelt wurde. So verpflichtend, dass ihr seine Ansprüche ans Leben ebenso fremd und ungebührlich bleiben wie ihm ihre Zwänge - erklärbar, aber über eine Generationenkluft hinweg nur sehr fragmentarisch einfühlbar. In der Aktualität des bevorstehenden Abschieds stellt er sich die Frage, ob die Nichtliebe zur Mutter ihm Schuldgefühle verursache und kommt unmittelbar zur Antwort nein. Gleichzeitig entspinnt sich in dieser situativen Herausforderung die Rückschau auf Stücke von Zeit- und Lebengeschichte, auf Orte, Momente und Begegnungen, die einen Teil jenes Resonanzraums ausmachen, in dem ein fragmentiertes Bild der Mutter Ilse zu finden sein sollte.

Als junges Mädchen hat sie als Gymnastikelevin im Dritten Reich Pokal um Pokal erturnt, sich als Siebzehnjährige in den viel älteren Jodok verliebt und sich gegen den Willen ihres Vaters mit ihm verbunden.

Dabei wird der Vater zum Geist, der Trennung will und Verbindung schafft, denn er verbannt Ilse genau an jenen Ort, an dem rein zufällig auch Jodok Ausbildung und Arbeit gefunden hat. Er wird Fotograf und erlebt sich als einen «Fotosophen», mit der Fähigkeit, die Welt in scheinbaren Nebensächlichkeiten wahrzunehmen und darzustellen, in denen sich ein Gesamtgefüge kumuliert,
Er komme aus Vaduz, erklärt er Ilse, aus dem «Höfle». «Überall Kuhscheiße, Hühnerdreck und Plumpsklos mit runden Holzdeckeln – grauenvoll. »Mit Holzdeckeln?« Ja, mit Holzdeckeln.»

Der unscheinbare Gegenstand Abortverschluss wird zum Träger der Abrechnung mit den Widerwärtigkeiten einer ganzen Kindheit. Auch seine Sprache bedient sich der Momentaufnahme der scheinbaren Nebensächlichkeit. Und der Autor selbst übernimmt gelegentlich die Technik seiner Figur. «...Opa Johannsen mit seinem blinden Zwergpudel war auch auf dem Deich unterwegs...». Besser kann man das Erlebnis Deich wohl kaum vermitteln.

Ilse und Jodok, einander verbunden und aneinander zweifelnd (ob sie mit diesem «Pussierstängel» wirklich die richtige Wahl getroffen habe?), im not- und zwängegeschüttelten Geschichtsabschnitt von Vorkriegs-, Kriegs- und Nachkriegszeit, mit ihrer Überlebenskunst, ihren Vorurteilen, Klugheiten und Irrtümern fordern den Leser ständig in subtiler Weise und gerade deshalb nachhaltig zur Selbstreflexion heraus. Gepaart mit der plausiblen Ironie des Lebens, die man am liebsten Andere erfahren lässt.

Vom unvergleichlich größeren Sozialraum Deutschlands angezogen, versucht Jodok sich dort als Berufsfotograf und fällt sofort in Ungnade, weil sein «Notwehr»-Versuch, mit dem perfekten Bild der Propaganda zu dienen, den Nazis unverständlich und suspekt ist. Er schlägt sich nach Asien durch, um unter Entbehrungen, ständiger Lebensgefahr und größten Widrigkeiten Pelze nach Europa zu bringen und sich Wohlstand zu schaffen. Am Ende gelingt das riskante Unternehmen, und zugleich scheitert es an einem winzigen Tierchen.

Trotz langer Trennung während der Kriegs- und Nachkriegswirren - bis 1948 ist Jodok im Lager Buchenwald interniert - und trotz einer Untreue, die er begeht, bleiben beide einander treu, in einer ebenfalls paradoxen Form von Treue, bis Jodok in einem Großbrand umkommt. «...Dass er mit Waltraud geschlafen hatte, machte ihr nichts mehr aus. Es war ihr egal. Es interessierte sie nicht, und es tat auch kein bisschen mehr weh. Selbstmord bot sich nicht als Lösung an, wie sie heute wisse. Der sei ebenso sinnlos wie das Leben selbst. Und warum sollte sie sich um das Vergnügen der Rache bringen? – Nein! Sie wollte leben: »Lieber Gott, du sollst mein Racheengel sein. Lass ihn bloß nicht ungeschoren davonkommen.«»

Hatte Ilse etwas mit dem Feuertod Jodoks zu tun? Sie hat ihre Briefe pedantisch gesammelt und nummeriert. Aber die Nummern 51 bis 82 fehlen. Manche Rätsel lösen sich im Text, bei manchen bleibt der Leser Detektiv seiner eigenen Fantasie. Elemente, deren dieser Text nicht bedarf und die ihn dennoch bereichern. In erster Linie aber ist es die Kunst der subtilen Pointen, die Jens Dittmars Stil unverkennbar und seine Bücher zu besonderen Leseerlebnissen machen. Jede Sequenz ist vergnüglich, befremdlich, persiflierend oder mit feiner Ironie Bekanntes betonend assoziationsdurchwachsen.

Jens Dittmar: Sterben kann jeder
Bucher, Hohenems 2013. ISBN 978-3-99018-125-6

Franz Blaha

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  • Cover Jens Dittmar: Sterben kann jeder - Bucher

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