Fremde Wasser

22.06.2013 Haimo L. Handl

Yoko Tawada, 1960 in Tokio geboren, wo sie Literaturwissenschaft mit Schwerpunkt russischer Literatur studierte, reiste mit der transsibirischen Eisenbahn 1979 nach Deutschland, wo sie sich 1982 niederließ; zuerst in Hamburg, wo sie studierte und bei Sigrid Weigel in Zürich promoviert wurde. Seit 2006 wohnt sie in Berlin. Sie schreibt auf japanisch und deutsch und ist mit ihrer Literatur gut am Markt vertreten; sie erhielt etliche Auszeichnungen und Stipendien.


Tawada ist die erste Autorin, der die Hamburger Gastprofessur für Interkulturelle Poetik zuerkannt wurde, gestiftet von der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius. Aus den Vorlesungen dieser Professur und den damit organisierten Tagungsbeiträgen «Internationale Tagung zu Yoko Tawadas Interkultureller Poetik» (23. und 24. Juni 2011) erwuchs die umfangreiche Buchpublikation, die in sehr schöner Aufmachung des Konkursbuch Verlags (2012) nun vorliegt.

Zwei Aspekte, ein formaler und ein inhaltlicher, fallen sofort auf. Das festgebundene Buch ist mit Farbeinlagen und –abbildungen illustriert und auf schwerem Papier gedruckt. Es zeigt eine Ästhetik der hausbackenen Konsumgesellschaft: ansprechend, freundlich, wie für Gartenliebhaber oder Küstenspaziergänger. Gartenlaube auf neu. Inhaltlich nehmen die eigentlichen Vorlesungen nur 73 von den insgesamt 590 Seiten ein, die auf den ersten 122 neben dem Vorwort auch noch drei Gespräche beinhalten. Den umfangreichsten Teil machen die 17 wissenschaftlichen Beiträge aus. Wir haben also ein interessantes, aussagereiches Verhältnis: Ein Viertel Tawada, drei Viertel Wissenschaftler, Apparat sozusagen.

Yoko Tawada spricht offensichtlich nicht nur deutschsprachige hier und japanische Leser daheim an, sondern als fest integrierter Teil des Literaturbetriebs die Professionellen; immerhin liefert die Ehrung 17 Arbeiten, beweist den dauernden, tiefschürfenden Umgang mit der Exotin, deren Person und Texte viel, viel herzugeben scheinen für wissenschaftliches Argumentieren und Raunen. Die Autorin ist also eines der schillerndsten positiven Beispiele für Das Phänomen der Integration, der grenzüberschreitenden Literatur, der Integration, der Interkulturalität, der Multikulturalität, des Austausches.

Neben Gedichten, Prosa, Hörspielen und Theaterstücken schreibt sie auch Essays. 1998 erschienen ihre Tübinger Poetikvorlesungen «Verwandlungen». Eine erfahrene, geübte, vielversprechende Schriftstellerin. Wird dieses Versprechen mit der Publikation der Hamburger Poetikprofessur erfüllt? Leider nein. Sie ist eine Enttäuschung, ja stellenweise ein Ärgernis.
Ich werde versuchen, die Gespräche und Tawadas Vorlesungen näher zu beleuchten und von den vielen, durchaus interessanten Beiträgen nur einige herausnehmen. Um aber einen Überblick zu bieten, sei hier das Tagungsprogramm angeführt, das, manchmal mit etwas veränderten Titeln und anderer Reihung, Eingang ins Buch gefunden hat; in Klammer sind die Seiten der Buchpublikation angeführt.

Prof. Dr. Dr. hc. Sigrid Weigel (Zentrum für Literatur- und Kulturforschung Berlin): Mimetisches Vermögen. Yoko Tawadas Poetik am Übergang der Sprache(n) [Seiten 127-143]
Prof. Dr. Dieter Heimböckel (Universität Luxemburg): «Die Wörter dürfen nicht das sein, was sie meinen.» Yoko Tawadas Beiträge zu einer interkulturellen Kritik der Sprache [144-168]
Prof. Dr. Michaela Holdenried (Universität Freiburg): Eine Poetik der Interkulturalität? Zur Transgression von Grenzen am Beispiel von Yoko Tawadas Schreibverfahren und Sprachprogrammatik [169-185]
Dr. Julia Genz (Universität Tübingen): Inter- und Transkulturalität in Yoko Tawadas Schwager in Bordeaux und Das nackte Auge [186-202]
Dr. Andrea Bandhauer (Universität Sydney): «Wenn du es bist, wer bist du dann?» Metamorphosen der Weiblichkeit in Yoko Tawadas «Das Bad» und «Schwager in Bordeaux» [203-217]
Prof. Dr. Manfred Weinberg (Universität Prag): Von Spiegeln, Fotos und Worten. Zu Yoko Tawadas frühem Kurzroman «Das Bad» [218-236]
Dr. Hansjörg Bay (Universität Erfurt): «Über Seezungen und andere Wassermonster.» Zu Yoko Tawadas Poetik des Wassers [237-268]
Prof. Dr. Monika Schmitz-Emans (Universität Bonn): Schriftzeichen bei Yoko Tawada im Spannungsfeld westlicher und östlicher Konzepte und Semantisierungen [237-268]
Prof. Dr. Ottmar Ette (Universität Potsdam): Inseln der Sprache – Sprachen der Inseln: transarchipelisches Schreiben bei Yoko Tawada [296-332]
Prof. Dr. Vibha Surana (Universität Mumbai): Was hört auf, wo Europa anfängt? Die interkulturelle Grenzpoetik von Yoko Tawada [333-349]
Prof. Dr. Christine Ivanovic (Universität Tokio): Die Uneinheitlichkeit von Zeit und Raum. Zum Ort der Geschichte im interkulturellen Dialog [394-416]
Dr. Clara Ervedosa (Universität Kiel): Postkolonialismus als Inspiration. Zum Verhältnis von Theorie und Poesie in Tawadas Texten [368-378]
Jun. Prof. Dr. Esther Kilchmann (Universität Hamburg): Die Reiselust der Buchstaben: Überseezungen [350-367]
Jun. Prof. Dr. Anne-Rose Meyer (Universität Hamburg): Zungenspiele und Gaumengenuss: Zeichen, Sprechen, Essen in Werken Yoko Tawadas [379-393]
Dr. Yasemin Dayioğlu-Yücel (Universität Hamburg): Magischer Realismus bei Tawada? [437-450]
Prof. Dr. Franziska Schößler (Universität Trier): «Ein Opernstück über meine Köpfe»: Klang(t)räume in Yoko Tawadas Theatertexten [417-436]
Prof. Dr. Ortrud Gutjahr (Universität Hamburg): Vom Hafen aus. Die Fremde des Fluiden in Yoko Tawadas Interkultureller Poetik [451-476]

Die Titelwahlen, die professionelle Spezialisierung der Expertinnen und Experten, der ausgewiesenen Professorinnen und Professoren machen jeden Wissensdurstigen neugierig. Hier geht es zur Sache, hier geht es um Poetiken: Poetik am Übergang, Grenzpoetik, Poetik des Wassers, Poetik des Fluiden, Poetik der Interkulturalität. Es geht um Magie und magischen Realismus, um das Eigenleben der Buchstaben und Zeichen, um westliche und östliche Semantisierungen. Vor allem geht es um Interkulturalität (die tiefe und breite Auseinandersetzung der Interexperten beweist die Wichtigkeit dieses Themas und der fremden, globalisierten Welt, wo Transkulturalität auf Interkulturalität trifft, und die bloße Sprachkritik endlich auf die interkulturelle Kritik der Sprache (Singular!). Es geht um Dialog über fremde und bekannte Wasser hinweg, nah und fern, eben interkulturell, herausragend in «transarchipelischem Schreiben» bei Yoko Tawada als Beitrag und Ausweis ihrer Inspiration durch den so festgemachten Postkolonialismus.

Seit den Heimsuchungen des Strukturalismus und Poststrukturalismus, der verschiedenen Semiologien, der wuchernden Gender-Studies-Programs, ist man ja einiges gewohnt und vielleicht schon ermüdet oder abgestumpft. Aber das darf nicht sein, man soll sich nicht abschrecken lassen vom Jargon: dahinter verbirgt sich ein wissenschaftliches Denken, das unserer Zeit voll und ganz entspricht.

Als Leser bin ich dankbar, dass die kurzen Vorlesungen, die sich wie Anekdoten einer sympathischen Asiatin im kalten Deutschland lesen, die reminisziert, und sogar aktuelle Tupfer als Gegenwartsbezug einstreut, durch ein kundiges Vorwort und drei Gespräche ergänzt werden, so dass das Bild der Poetik, das die Professorin vermitteln soll oder will, wenigstens in einigen Ansätzen oder Ahnungen und Andeutungen vor einem Gestalt annimmt.

Das theoretische Unvermögen ist ihr nicht anzulasten. Der Betrieb oder Apparat glänzt schon seit geraumer Zeit durch den Mangel an Theorie bzw. die Unwilligkeit, theoretisch bündig zu denken und dieses Denken zu kommunizieren. Was früher, bei Ernst Jandl, noch Kunstgag war in seiner Büchnerpreisrede, wurde später zur flotten Übung, wenn, dem Zug der Zeit, das heißt, der extremen Personalisierung, folgend, nicht mehr ÜBER oder ZU etwas gehaltvoll gedacht wird, sondern die Sache selbst für sich spricht, weil das nicht nur authentischer ist, sondern billiger, direkter und moderner, ähnlich dem Recycling-Denken der copy-and-paste-culture, als deren Meister Thomas Meinecke seine Poetikvorlesung nutzte um nicht vorzulesen, igitt igitt – wie altmodisch –, sondern um Fremdmaterial, Sekundärstoff, abzuspielen, vorzuzeigen. Es überzeugt die Montage, die Kompilation, die Sammlung. Weshalb noch viele Worte machen, eigene gar? Heute gilt man als auf der Höhe der Zeit, wenn nicht eingelöst wird, was man vorgibt oder verspricht.

Wie zum Beispiel Frau Juli Zeh, die ihre Poetikvorlesung als Verkaufsshow für ihre Publikationen nutzte und mit ihren charmant vorgetragenen Abfälligkeiten gegen Poetikvorlesungen und solche, die sie besuchen, Beifall erhielt, denn Poetik sei ja was für «Aufschneider, Quacksalber, Schwächlinge, Oberlehrer, Zivilversager und andere Scharlatane».

So simpel operiert Frau Tawada nicht. Sie liefert zwar keine Vorlesungen, aber immerhin kein lustiges Spielchen als Verarschungsnummer im Unterhaltungszirkus. Sie überlegt ernsthaft. Macht das Ernsthafte halt an ihrer Person, ihren Erlebnissen, ihrem Leben, ihren Sprachen fest. Das Anekdotische als Ersatz für ein Denken zur Sache, aber kundig, fein, gebildet, sympathisch. Immerhin. Die Theorie liefern ja die Theoretiker. Warum sie dann aber Poetikvorlesungen hält, ist mir, wie bei vielen anderen, die als Clowns auftreten, nicht einsichtig.

Vielleicht, weil es heute dazugehört und die Kunden, Konsumenten, so willig mitmachen? Weil es für sehr viele eine Erholung ist, endlich nicht angestrengt denken zu müssen, wie anno dazumal, als ein Max Bense sprach oder Theodor W. Adorno (deren beide Arbeiten zum Genre des Essays aufzeigen, was wir heute vermissen müssen), ein Paul Valéry oder George Steiner, ein Walter Muschg oder Hermann Broch, ein George Orwell oder Wolfgang Hilbig.

Welche Tradition diese Vergessenheit hat, diese gepflegte Unverbindlichkeit, das lustvolle Suhlen im Fragmentarischen, Rapportierenden, Positionslosen, lässt sich an zwei einschlägigen Publikationen aus den Neunzigerjahren zeigen: «Tendenz Freisprache. Texte zu einer Poetik der achtziger Jahre» (Frankfurt 1992), worin die beiden Herausgeber im Vorwort festhalten: «Das Erstaunlichste ist nicht unbedingt, dass sich keiner der Autoren an die öffentlich prämierten Denkregeln des Jahrzehnts gehalten hat. Egozentrik, Monomanie, Autismus sind die vielversprechenden Begriffsgötter der Anfangsjahre. Die Spielmanier der Achtziger und ihrer Poetik, ob verbissen oder flockig-leicht, demonstriert den Paradigmenwechsel, den Einschnitt: der Abschied vom Ich ist eingetreten.»

Und in der seriöseren, von Paul Michael Lützeler herausgegebenen «Poetik der Autoren» (Frankfurt 1994) heißt es in der Einleitung: «Alle Autorinnen und Autoren sind vom Entwurf einer verbindlichen Poetik weit entfernt und plädieren im Gegenteil eher für das, was Hugo Loetscher als »permissive Ästhetik« bezeichnete.» Es fallen die Schlüsselbegriffe dezentralisiert, assoziative Nichtmethode, Absage an Exaktheit und Eindeutigkeit, Mehrfachkodierung, keine fixen Identitäten (wo war je eine seit dem Ende des 19. Jahrhunderts fix?) usw. usf.

Da wäre also ein Feld vorgegeben. Yoko Tawada passt sich gut ein in dieses postmoderne Unverbindliche, weil das Pseudoverbindliche nicht überzeugt, nicht taugt. Nimmt man einen «strengen» Autor (im Sinne von «radikal») wie Wolfgang Hilbig, springt einem der Kontrast zu den gegenwärtigen chicen Interkulturalitätsmanagern sofort ins Auge. Ich empfehle die Lektüre seiner Büchner-Preis-Dankesrede (2002) «Literatur ist Monolog». Er zitiert nicht zufällig mehrmals Hans Erich Nossack, einen heute vergessenen Schriftsteller, der nach dem Krieg links liegen gelassen wurde, weil er nicht ins junge Konzept der damals Jungen 47er passte. Hilbig zitiert aus Nossacks Büchnerpreisrede: «Die tiefe Verachtung, in der die Literatur heute steht, indem man sie entweder als ungefährlichen Zeitvertreib betrachtet oder sie mit hohen Lobesworten bedenkt, wenn sie sich für machtpolitische Zwecke missbrauchen lässt, ist so kränkend, dass jeder Literat sich fragen muss, ob das Schreiben überhaupt noch Sinn hat.»

Dass diese Gefahr für Yoko Tawada und den übergroßen Apparat, der sie «behandelt», nicht besteht, ist deutlich. Auf die Frage nach der Trennung von Person und Werk, Autor und Text, geht Hilbig indirekt ein. Seine Antwort passt überhaupt nicht in unsere Zeit mit ihrer zugespitzten Fokussierung auf die Person. «Alles, was der Schreiber über seinen Text hinausgehend von sich preisgibt, gehört nicht mehr der Literatur, es gehört den Massenmedien und der Vermarktung der Literatur.»

Man kann das wegwischen, wie es ja geschieht, als Ausdruck eines zwar gepriesenen, aber nie allgemein geschätzten Autors, der die Modernisierung des Betriebs nicht mitmachte. Aber man kann auch die Belege in diesem schön aufgemachten, in Neudeutsch: «aufgemotzten, aufgepeppten» Buch im Sinne Hilbigs lesen. (Hilbig gab auch eine Poetikvorlesung. Seine war eine der wenigen, wo noch niveauvoll theoretisiert wurde; siehe «Abriß der Kritik.» Frankfurt 1995.)

Im Vorwort der Herausgeberin Ortrud Gutjahr finden wir schon einige Entdeckungen. «Wie keine andere Autorin der Gegenwartsliteratur macht Tawada mit ihrem Schreiben das auf Übersetzung angelegte Vermögen der Sprache produktiv und entwirft damit eine interkulturelle Poetik und Sprachtheorie zugleich.» So kann man's auch sagen. Aber es wird dadurch nicht stimmiger. Einerseits wird behauptet, mit ihrem Schreiben schon entwerfe Yoko Tawada eine Poetik und Sprachtheorie. Nun, das ist Humbug. Für eine Theorie bedarf es schon mehr. Je nach freizügigem Umgang kann man heute ja vieles als «Poetik» hinstellen, nicht aber als Theorie. Sollen die Elaborate doch als Theorie gelten, disqualifizierte das Frau Gutjahr und alle, die dem folgen, als Theoretikerin oder Wissenschaftlerin. Andererseits gibt der Sprachschwulst mehr vor, als er sagt. Vielleicht bin ich zu altmodisch und sehe nicht, was alle sehen, obwohl dieser Aspekt auch nicht gerade überzeugt, weil wir seit den Märchentagen wissen, dass des Kaisers neue Kleider gar nicht von allen gesehen werden können, sondern nur von Würdigen, Auserwählten, Esoterikern, würden wir heute sagen. Ich gehöre nicht dazu und sehe ihn bzw. sie nackt.

«Gerade innerhalb der Literaturwissenschaften übt diese Fähigkeit der Autorin, in ihren poetisch-selbstreflexiven Werken über die Sprache theoretisieren zu können, besondere Faszination aus. Nicht umsonst wird Tawada weltweit in Literaturhäusern, Kulturinstitutionen und Universitäten gleichermaßen eingeladen.» Da haben wir«s! Ich gehöre nicht dazu und kann deshalb nichts sehen und wertschätzen. Mir entgeht die Raffinesse, dass über selbstreflexive Texte theoretisiert werden kann. Ich verstehe, dass all dies »nicht umsonst« geschieht, sondern hoch bezahlt – oder meinte Frau Gutjahr etwas Anderes? Sicher, ich sollte nicht so kleinlich sein. Dank der gutdotierten Literaturhäuser, Kulturinstitutionen und Universitäten, die zwar die Philosophie weggeschafft haben, glänzt aber und wächst die Kulturwissenschaft, nein, die Interkulturwissenschaft mittels selbstreferentieller und selbstreflexiver Poesien als Theorien. Da freuen sich sicher viele.

Wir erfahren in diesem Vorwort auch, dass Yoko Tawada eine hochpolitische Person ist, die sich der Verantwortung stellt (siehe: selbstreflexive Poesie) und daher die Fukushima-Katastrophe einwirken ließ auf ihre aktuelle Arbeit, die Vorlesungen.

»Die Skripte durchliefen einen Veränderungsprozess, noch ehe sie vorgetragen wurden, und veränderten sich auch weiterhin, nachdem die Vorlesungen ... stattgefunden hatten. Die Katastrophe hatte Phantasien über weibliche Wasserwesen in den Hintergrund geschoben und hob erneut ins Bewusstsein, wie sehr die Menschen durch das weltumspannende Ökosystem der Meere miteinander verbunden sind«. Das ist deutlich. Das Sein bestimmt das Bewusstsein, auch bei Yoko Tawada und ihrem Gefolge. Referenz wird erwiesen, zumindest dem Gedanken ans weltumspannende Ökosystem und seine Gefahren.

Prima! Das ist fast hegelianisch und zugleich modern auf der Höhe der Zeit. Jetzt erfahre ich endlich, was es mit dem selbstreflexiven Aspekt auf sich hat: »So ist ihr selbstreflexiver Blick weniger auf ästhetische Strukturen ihres Schreibens denn auf die Übersetzungsleistungen der Sprache gerichtet, die im Meer ihren fluiden Metaphernpool wie auch die Geschichten findet, die zu erzählen sind.« Fein ausgedrückt. Nicht, wie sie erzählen »will«, nein, die Passivform suggeriert sozusagen ein Programm von anderer Autorität, höher oder tiefer, ein MUSS für die sensible Literatin, die der Stimme gehorcht. (Hier schwingt schon das an, was später im magischen Aspekt stärker rauskommt, wobei, je nach Kontextwissen, Sprachmagier am Rande fröhlich winken, seien es deutschsprachige oder frankophone oder asiatische. »Die zu erzählen sind.« – Wer traut sich das heute noch so offen sagen? Frau Gutjahr und Frau Tawada. Vielleicht folgen neue Forschungsarbeiten dazu? Vielleicht bin ich hier etwas unfair, weil die Wendung »die zu erzählen sind« auch als Möglichkeit gelesen werden könnte; mir erschließt sich dieser Sinn jedoch nicht aus diesem Kontext.)

Wir erfahren also etwas über die alte Geschichte der Meere und Seefahrten, des Kolonialismus mit Vertreibung, Vernichtung und Missionierung und über mentale Muster und Denkstrukturen. »Tawada gibt mithin in ihren Hamburger Vorlesungen zur Interkulturellen Poetik Einblick in ein Verfahren korrespondierender Lektüren und wechselseitiger Übersetzungen, das sich in seinen fluiden Übergängen und inneren Verbundenheiten im navigierenden Lesen erschließt.«

Mein Lesen, meine Lektüren waren und sind dergestalt, dass ich das Navigieren, das Re-Kreieren nicht besonders herausstreichen oder festmachen muss(te), weil es unbedingter Teil der Kulturtechnik Lesen ist. Die Lektüren waren und sind nicht nur korrespondierend, sondern ergänzend, erweiternd, erschaffend, widersprechend, verbindend, zusammenfügend usw. usf. Will hier im Ernst jemand eine grundlegende Eigenschaft, eine alte, als Novum hinstellen? Muss jemand auf Frau Tawada warten, um die Erfahrung navigierenden Lesens zu machen? Wie dürftig muss die Welt von Leuten wie Frau Gutjahr sein, wenn sie auf diese Weise meint positiv hervorheben zu können?

Über Lesen und Schreiben oder Schreiben und Lesen haben etliche Profundes gesagt. In seinem Lichte stehen diese Überlegungen allerdings im Schatten. Ich denke vor allem an George Steiner, aber auch ein Autor wie C. S. Lewis schrieb Bedenkenswertes dazu (»An Experiment in Criticism«, deutsch »Über das Lesen von Büchern«).

Obwohl ihr Werk nicht mit den modischen Etiketten der Inter- und Multikulturalität durchsetzt, verseucht, ist, bietet die Arbeit »Das Denken lernt schreiben. Lesekultur und Identität« von Ivan Illich und Barry Sanders sehr viel, von dem ich nur wünschte, dass es die Experten von heute mal durchdächten. Kein Leser, wenn er denn einer ist, nimmt nur passiv auf, sondern eröffnet und gestaltet einen Prozess der Wiederbelebung, der Vergegenwärtigung, der Interpretation; alles aktive Vorgänge eines hoch komplexen Gebildes. Dass dies natürlich (kultürlich) Übersetzungen miteinschließt, samt damit verbundener Problematiken, liegt auf der Hand (die Belege der wechselseitigen Beeinflussungen aller wichtigen Kulturen sind überdeutlich).

In den Gesprächen erfahren wir einige persönliche Erlebnisse der Autorin, wie sie nach Deutschland kam, was ihr Antrieb und ihr Interesse war, welche Beobachtungen sie machte usw. Das rundet das Bild ab. Sie ist an russischer Literatur interessiert, ist von Dostojewski fasziniert und zugleich angewidert, findet die tschechische Literatur eindeutig eine europäische (im Gegensatz zu Dostojewski), weil »ihre Leichtigkeit von dieser Distanznahme und Illusionslosigkeit [kommt]«, »diese Distanz, die Cervantes bereits hatte, ist da.« Hm, könnte ein neuer Blick sein, müsste aber ausgeführt werden. So bleibt es eine Bemerkung. Wir erfahren, dass die Autorin mit dem deutschen Begriff »Ich« ihre Probleme hat, weil er ihr sehr fremd ist. Sie kontrastiert dieses »Ich« mit dem »Du«, das sie ebenfalls problematisiert: »Auch in einer strengen Ich-Du-Beziehung verlangt das Du vom Ich, dass es immer dasselbe bleibt, sonst kann das «Du» sich nicht im Ich spiegeln.« »Aber das Ich ... hat doch die Freiheit zu sagen: «Ich möchte befreit sein vom Spiegelsein». In diesem Moment ist «Du» der Ort der Leere.« Hier zeigt sich ein Problemkern, der viel hergäbe für ein Hinterfragen, für die völlig unterschiedlichen Auffassungen von Ich und Du, von der individuellen Freiheit und dem Verkehr solcher Individuen miteinander.

Bemerkenswert, was im zweiten Gespräch über die Katastrophe gesagt wird, das spezifische europäische Verständnis davon, die Unterschiede zu Japan. Da erfahren wir einiges, nur sagt es nichts zur Poetik. Im dritten Gespräch geht es mehr um die Sprachen, die Mutter- und die Fremdsprachen. »Wie ich schon sagte, haben mich bereits als kleines Kind einzelne Wörter und ihre Wirkung fasziniert. «Wenn man einen Stein ins Wasser wirft entstehen Wellen. Immer wenn ich ein Wort in die Menschen hineingeworfen habe, dessen Bedeutung ich noch gar nicht genau kannte, konnte ich doch sehen, dass es Wellen gibt.» Wenn die Formulierung auch holprig ist, das Bild ist aussagereich. Aber dann sagt sie «Wir lernen als erste Fremdsprache die Muttersprache.» Hier stocke ich. Konnte ich das Bild, dass sie als Kind jemandem ein Wort «hineinwirft», als ob die andere Person ein Kübel, ein Gefäß sei, wohinein sie ihr Wort wirft, noch hinnehmen, kann ich hier nicht mehr folgen.

Fremd definiert sich in Abgrenzung und im Unterschied zum Eigenen. Nach Tawadas Formulierung könnte jemand NUR Fremdsprachen erlernen, weil auch die erste, die Muttersprache, eine Fremdsprache sei. Nein. Der Spracherwerb in der primären Sozialisation ist zwar ein Prozess des Entfremdens, wie Sozialisation ja Einfügung ins bekannt Werdende ist, aber das damit prozessual Erreichte ist nicht fremd. Es ist zum Eigenanteil der sich entwickelnden Person geworden. Erst nach dieser Primärsozialisation kann Sekundäres und Tertiäres folgen. Mann kann sogar polyglott muttersprachlich sozialisiert werden, wobei schwierig werden kann festzustellen, welche der Muttersprachen die «eigentliche» oder vorherrschende ist. Jede Muttersprache zeichnet sich dadurch aus, dass sie durch die primäre Sozialisierung EIGEN wurde in einem Maße, wie es jede weitere, andere Sprache, die man später erwirbt, nicht mehr werden kann, was nicht heißt, dass jede später erworbene Sprache einen bleibenden Mangel litte, sondern nur, dass ein Spezifikum des Muttersprachlichen nicht vorliegt. Wieweit später erworbene, andere Sprachen «tauglich» werden, hängt von der Intensität des Lebensvollzug in einer gewählten Sprachgemeinschaft ab.

Die erste Poetikvorlesung lautet «Tanegashima – Die Europäer landen an». Tawada umreißt kurz die Geschichte, die Handelsbeziehungen, den Ethnozentrismus, Eurozentrismus, Typisierungen (Langnase, Auge), ihre ersten Lektüren von Kristeva, Said, Tdorov und, vor allem, Barthes. Sie bettet ihre Bemerkungen zwischen die historischen Angaben, findet aber nie zu einer theoretischen Aussage ihrer Poetik. Sie rundet die historischen Hinweise ab mit Eindrücken ihres Schreibens auf deutsch, aber da muss sich der Leser den theoretischen Gehalt selbst herausklauben: «Deutsch zu schreiben bedeutet für mich, so zu tun, als hätte ich ein Bild vom »Ganzen« vor Augen.» Sie führt das noch näher aus, wir erfahren etwas über japanische und europäische Werte und Zuschreibungen, aber es folgt keine poetische Erörterung. Alles bleibt auf dem leicht erzählten Niveau des Anekdotischen, verwoben mit historischen Einsprengseln.

In der zweiten Vorlesung, die «Dejima – Die Seefahrt der Sprachen» heißt, erzählt Tawada zuerst von ihrer Erfahrung einer Lesung in Südafrika, die sie als eine neue Gattung, wie ein Sprachlehrbuch, verstanden wissen wollte. Das erinnert an Eugène Ionesco, und wie er mit seinen absurden Stücken, basierend auf einfachen Sprachübungstexten, Furore machte. Aber das war in den Fünfzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts. Die Autorin weist darauf hin, dass die Sprache, als Sprache, die Wirkung verhindere. Diese Problematik haben die Dadaisten versucht zu bewältigen. Sie sind gescheitert. Sie mussten scheitern, obwohl ihre Sprache dem bösen Slang ihrer Gegenseite voll und ganz entsprach. Aber die Praktiker waren ihnen voraus: sie handelten. So gesehen klingt der Satz von Tawada befremdlich: «So lange wie sie aus Wörtern gemacht ist, kann uns nicht einmal die Geschichte der Sklaverei einschüchtern.» Alternative? Keine Wörter, sondern Handlungen? Welche wären das, in diesem kruden Realismusverständnis? Rachefeldzüge, Foltern, Kriege? Das haben wir ja. Soll Sprache einschüchtern? Ein kurzer Satz, der, wenn man nicht vor lauter Interkulturalität vernebelt ist, aufschreckt.

«Als ich Als Freud das Meer sah von Georges-Arthur Goldschmidt las, wurde mir klar, dass ich durch die Freud-Lektüre gelernt habe, in den Körper der deutschen Wörter hineinzugehen. Heidegger versuchte das zwar auch, wenn er sich ins Zeuge legt und ins Wort hineinblickt als wäre es sein Zeug, aber bei ihm riecht die Nähe der Sprache manchmal nach vermoderter Erde, was höchstwahrscheinlich nur an meiner Nase liegt, die kein heimatsuchendes Gefühl zu schätzen weiß.»

Wieder eine leicht hingeworfene Reminiszenz, keine Ausführung, obwohl das Thema viel hergäbe. Irgendwie schade, wie hier Themen locker verheizt werden, weil alles im Anekdotenfließstil dahinschwimmt, jedes mögliche Bedeutsame leicht bleibt, damit es oben dahintreibt.

Sie spricht über Afrikaans, belastete Sprache, den Buddhismus, das Opferwesen. Aber alles bleibt nur Stichwort für kurze Erwähnungen persönlicher Erlebnisse oder Begebenheiten, verbunden mit kurzen oder längeren historischen Ausführungen.

«Wie stark ist eine Sprache belastbar? Gibt es die Unschuld der Sprache? Bin ich vielleicht eine perverse Autorin, die sich nur für belastete Sprachen interessiert? Warum beschäftige ich mich nicht mit der Sprache der Zulu oder Xhosa?»

Ja, warum nur nicht? Sollten die Fragen ernst gemeint sein und nicht so kokett, wie sie klingen, lieferten sie Stoff für tiefergehende Reflexionen. Die bleiben leider aus.

Der von mir vorher positiv erwähnte George Steiner leistete sich 1959 in seinem Essay «The Hollow Miracle» einen ärgerlichen Fehler, den er später auszuräumen versuchte. Er behauptete einen direkten Zusammenhang zwischen der deutschen Sprache und dem Nazismus. Das widersprach zwar seinen eigenen theoretischen Positionen sprachwissenschaftlicher oder semiotischer Art, war aber diktiert von seiner Ideologie. Eine bestimmte Sprache kann man nach bestimmten Kriterien als «belastet sehen», mehr nicht. Dabei muss man jedoch erklären können, was «Belastung» bedeutet, wodurch sie ausgewiesen wird, worin ihre Wirkung liegt. Meist kommt man auf einen bestimmten Sprachgebrauch oder eben auf eine präferierte Sprachübung, die über Dauer zu einer Sprache werden kann, die sich dann aber von der ursprünglichen abhebt. Das Nazideutsch hat sich zwar in wenigen Jahren gebildet, nicht aber die deutsche Sprache als solche vergiftet. Noch weniger haltbar die Annahme, aus der deutschen Sprache folge notgedrungen die Nazisprache, der Nazigeist. Dieser Unsinn ist unverzeihlich, auch wenn er zu Zeiten ideologisch verständlich scheint. Die Studien über die Nazisprache, über bestimmte Formen und Sprachweisen belegen dies. Zudem hielte es keiner Prüfung stand zu verneinen, dass lebende Sprachen, und zwar alle, sich verändern, weil sie leben und in Sprachgemeinschaften lebendig sind. Das kann positive wie negative Aspekte haben. Die negativen, nicht nur politisch ideologisch hinsichtlich einer Sprache der Nazis, einer Diktatur, der Stalinisten, der Maoisten usw., sondern besonders bezüglich des (allgemeinen) Sprachverfalls, überwiegen, hat oft ein trügerisches Bild einer Ursprache, eines paradiesischen Gebildes als Grundlage. Immerhin versteigt sich sogar Walter Benjamin, den viele der Literaturprofessorinnen in diesem Buch zitieren, zum Begriff der «reinen Sprache», ganz zu schweigen von den Sprachmagiern, die dem verlorenen Paradies der Ursprache, der reinen, nachtrauern und keine positive Sprachentwicklung kennen, sondern nur Verfall.

Andererseits gibt es eine Sprachskepsis bzw. ein Wissen um eine Sprachkrise, die nicht nur mit dem Wertschätzen des Althergebrachten abgetan werden kann, sondern eine wesentliche Funktion von Sprache beinhaltet, die nicht mehr zu funktionieren scheint. Diese Funktion steht in bedingtem Konnex mit dem Individuum und seiner Werthaltung bzw. dem Angebot an Werthaltungen des Kollektivs, worin das Individuum als Teilhaber der Sprachgemeinschaft sich bewegt, bewegen muss.

Berühmt als Schlüsseltext der literarischen Moderne im deutschsprachigen Raum wurde Hugo von Hofmannsthals «Ein Brief» aus dem Jahr 1902. Der Text wird von vielen schnöde als privater Krisenausdruck abgetan. Er ist paradoxerweise aber sprachmächtig auf höchstem Niveau formuliert. Er bzw. seine Sprache ist nicht, wovon sie handelt. (Ähnliches Problem, wenn Schweigen beredt beschrieben wird, weil sich konkretes Schweigen nicht unberedt schriftlich vermitteln lässt. Zudem besteht ein Unterschied zwischen dem Akt des Schweigens, dem Bericht oder gar der Studie darüber. Das gilt für die Sprache ebenso. Auch im Primären kommen wir nicht über die Sprache hinaus. Dort, wo wir es versuchen oder unternehmen, verlassen wir den Sprachbereich. Solange etwas sprachlich ist und bleibt, kann es nicht zugleich außerhalb seiner sein. Bricht und bröckelt das Instrumentarium, das Symbolsystem, taugen die Referenzen nicht mehr, wird die Krise «spürbar». Das Denken darüber geht aber über die Gefühlsschauer, die Erregungen, die Panik hinaus, sonst wäre es kein Denken. Und die Mitteilung des Denkens erfolgt sprachlich. Der authentische Todesschrei ist zwar authentischer, «wahrer», aber einer Kommunikation untauglich. Sobald jemand zur Sprache findet, hat er nicht nur Inhalt, sondern auch Form gefunden.

Und das unternahm Hofmannsthal. Rudolf Hirsch (1905-1996) hat darauf verwiesen, dass zur Zeit der Abfassung dieses Krisentextes der 28jährige Hofmannsthal nicht resigniert gelähmt darniederlag, sondern an mehreren Werken gleichzeitig schuf (Elektra, Das gerettete Venedig, Das Leben ein Traum). Der erwähnte George Steiner hat in seinem epochalen Buch «After Babel. Aspects of Language and Translation» (1975) diesen Text und sein Umfeld, das weit über den deutschsprachigen Raum hinausreicht, näher erörtert.

In der dritten Vorlesung, «Uraga – Die schwarzen Schiffe der Moderne» führt die Autorin wieder die Geschichte der Aufschließungen Japans durch die Europäer und Amerikaner im 18. du 19. Jahrhundert aus, geht auf Stereotypen und Klischees ein, unter anderem «Madame Butterfly», deren Inszenierung sie in Hamburg einst sah, und streift dann noch die japanische Kriegskatastrophe von Hiroshima vom 6. August 1945. Fertig.

Es folgen die wissenschaftlichen Beiträge. Den Beginn macht Sigrid Weigel. Sie führt den Entwicklungsweg der Autorin an der Uni aus und schreibt: «Sie [Yoko Tawada] macht kein Geheimnis aus der Bedeutung, die die Schriften von Benjamin, Derrida und anderen für ihre eigenen Wahrnehmungen und Beobachtungen haben. ... Allerdings ist es keineswegs so, dass die Theorie den Grund oder Hintergrund ihres literarischen Schreibens abgibt. ... Wenn die Theorie in Yoko Tawadas Texten eine Rolle spielt, dann in dem Sinne, dass sie die Verhältnisse wieder umkehrt, hinter die konventionellen Bedeutungen und Ordnungen zurückgeht und aus dem Umgang mit Buchstaben und Schriftzeichen wieder ein Götterfest – oder besser ein Geisterfest – macht.»

Aha. Die Theorie spielt bei Tawada nur als Umkehrwerkzeug eine Rolle. Wie sieht die Ordnung hinter der konventionellen Ordnung aus? Wie können die Schriftzeichen kommuniziert werden, wenn sie nicht mehr als Schriftzeichen, sondern als Geisterfest erscheinen? Ist Tawada dann im schamanischen Delirium, muss es die Leserin sein? Tawada als Neonietzscheanerin durch ihre Umkehrtheorie? Klingt fast wie der Titel des schönen, lustigen Films von der «Familie mit umgekehrtem Düsenantrieb» (Sogo Ishii, 1984).

Weigel zitiert Tawada und führt fort: «»Das Onomatopoetische in der Sprache wird als primitiv angesehen«. Tawadas Schreiben ließe sich so auch als Versuch deuten, diesem sogenannt Primitiven wieder zum Recht zu verhelfen. Insofern versteht sie sich auch als Schriftstellerin der Exophonie, d. h. als Autorin des Andersschreibens. Weniger Fremdheit als Andersheit und Differenz stehen im Zentrum ihrer Poetik.» Gut, dass Frau Professor das so klar mitteilt. Und sie gibt noch eins drauf: «Vor dem Hintergrund dieser erinnerten Rituale wird deutlich, dass es sich bei Tawadas Schreiben durchaus auch um Geisterbeschwörung handelt. Mit ihrer Hilfe lässt sie aus der deutschen Sprache die verschwundene Schriftbildlichkeit vergangener Zeiten auferstehen.» Welche? Kurrent, Sütterlin, Fraktur? Nein, indem sie, ähnlich einer Person, die leseunkundig zu direkt am Zeichen, am Buchstaben klebt, diesen verzerrt sieht, wie Alice im Horrorland. Aus einer falschen Nähe, aus der Befangenheit, wird nicht nur eine Tugend gemacht, sondern eine künstlerische, literarische, interkulturelle Qualität! Das nenn' ich Leistung. Schreiben als Geisterbeschwörung, Lektüre als esoterisches Bücherlrücken anstatt Tischerlrücken.

Weit unter dem Niveau von Mallarmé oder vergleichbaren Symbolisten und Sprachmagiern, zu denen auch der erwähnte Hofmannsthal zählt, aber auch Größen wie Hölderlin und sein Chefdeuter Heidegger, dessen Sprache der japanischen Autorin aber zu heimatverbunden ist, wird hier etwas als modern, interkulturell herausgestellt, das, wenn wir schon von Entwicklung sprechen, einen Rückfall darstellt.

Frau Weigel befindet weiter: «Wenn sie beispielsweise im »Brezel« ein »B-Rätsel« sieht oder in der Mitte des Wortes »Nichts« ein »Ich« entdeckt, dann liest sie nicht nur Buchstaben als Ideogramme, sondern praktiziert auch Totenbeschwörung.» Vielleicht ist das der eigentliche Grund für ihren Erfolg in Europa, besonders in Deutschland? Die hübsche Totenbeschwörerin erlaubt den gestressten Modernen wieder spielerischen Umgang mit der Sprache, wie er im Kindergarten, der längst zur Trainingsstätte für Hochleistung und politisch korrekte Interkulturalität verkommen ist, nicht mehr vermittelt und erfahrbar gemacht wird. Was früher übliche Praxis von Kindern war, deren Kreativität auch ohne Coaches und Pädagogen mit multikultureller Ausbildung sich unter anderem in verwegenen Sprachspielen zeigte, wird heute von Pseudoschamaninnen und Totenbeschwörerinnen offeriert und gierig willkommen aufgenommen, nicht zuletzt deshalb, weil sie und ihre Stoffe damit einen Betrieb festigen, einen Apparat füttern, der immer weitere Entdeckungsreisen auf fremden Wassern, die man klug abgesteckt hat, erlaubt, immer wieder erfolgreiche Konferenzen, Tagungen und Symposien, deren Ergebnisse in immer schöneren Büchern publiziert werden, worauf viele Rezensenten, (ich komm' dem nicht aus – das WIE rettet mich hoffentlich) immer wieder entzückt, enthusiasmiert von den Geisterbeschwörungen berichten, erschauern vor der Tiefe dieser weltgewandten Künstlerin, die die Magie liefert, weil sie Sprache nicht als Sprache versteht.

Yoko Tawada in einem Interview 2012: «Wenn man eine Sprache bewusst als Transportmittel nutzt, dann kommt diese Magie nicht zustande. Es ist leicht, die Politik zu kritisieren; und man sollte das auch tun. Aber dabei geschieht nichts weiter. Es machen sich nur Enttäuschung und Langeweile breit.» Aber die Sprache, die nichts mehr befördert, nichts vermittelt, wo die Buchstaben der Schrift ihr Eigenleben führen, den Blick verstellen, da stellt sich Magie ein, ist die Langeweile weg. Das nennt die Autorin dann subversiv. Die als politisch Apostrophierte behauptet im selben Interview «Ich sehe mich nicht als Autorin, die eine Grenze überschreitet.» Es gibt zwischen ihrer Muttersprache, die sie ja als Fremdsprache erwarb, und Russisch oder Deutsch keine Grenze. Alles ist eins, weil magisch.

Es gab immer wieder Autoren, die das Eigenleben der Sprache betonen, auf den Primat der Form pochen, vor allem in der Lyrik, den Wert der Sprache nicht in der Mitteilungsfunktion sehen. Das sagt nicht nur der deutsche Philosoph Heidegger, sondern auch der mexikanische Dichter Octavio Paz. Heidegger: «Sie [die Sprache] befördert das Offenbare und Verdeckte als so Gemeintes nicht nur erst in Wörtern und Sätzen weiter, sondern die Sprache bringt das Seiende als ein Seiendes allererst ins Offene.» Paz sieht die Sprache ebenfalls beseelt, alle Sprachen verbunden, weil eine Art Ursprache allen unterliegt. Auch er sinkt in die Tiefen der magisch Träumenden und versteigt sich zu Spekulationen, die zwar schön klingen, theoretisch aber nicht überzeugen. Bei einem hoch erfolgreichen Autor und Literaturnobelpreisträger wiegt das aber wenig. Da verstummt fast alle Kritik. Nun, Paz gehört zu meinen geschätzten Autoren, obwohl ich ihm in der sprachtheoretischen Sicht gar nicht folge. Das eine hat mit dem Anderen für mich als Leser nichts zu tun. Mich begeistern Gedichte von Hölderlin, während ich gleichzeitig seine Sprachauffassung nicht teile, ebenso wenig wie die von Heidegger & Co.

Aber zurück zum Mexikaner: «Die jeweilige Einzelsprache mündet in eine Sprache jenseits der Lexik, der Referenzen und der Wortbedeutungen. Der Sinn verflüchtigt sich nicht, aber er lässt sich nicht auf Bedeutung reduzieren: er ist eine Form.» Und dann folgen Sätze, die Tawada vielleicht kennt, wenn nicht, unbedingt lesen sollte, weil sie eine Gemengelage von Heidegger-Buddhismus darstellen, was Yoko Tawada ja anzieht: «Die Auflösung der Zeichen gipfelt in der Erscheinung einer Gegenwart oder einer Leere, die beide unsagbar und undenkbar sind. Das Sein zerfließt in seine Merkmale und Äußerungsformen; die Leere negiert sich selbst in ihrer Leerheit. Das eine wie das andere, die Gegenwart und die Abwesenheit, sind vom Widerspruch zerfressen.» Huch! Wer da nicht zum Gläubigen wird, zum Kirchenmann oder zur Kirchenfrau, der muss wahrlich ein Profaner sein. Tawada und ihre esoterischen Gesundbetergeisterbeschwörer gehören zur Kirche, zur Gemeinde der Willigen. Trotz Theorieaufsatz und wissenschaftlichem Geschwätz.

Die Geschichte der Aufklärung hat uns gelehrt besonders alert zu werden, wenn von Göttlichem gesprochen wird oder vom Natürlichen in einem Sinn, als ob Natur «Sinn» im Wertesystem von gut und böse hätte. Einem Zeichensystem, einer Symbolik, Eigenleben und Eigenbedeutung zusprechen, als ob die Zeichen für sich sprächen, die Sprache mit sich redete, ist ein Zerreden, Zerdenken dessen, was der Schwache (ohne Schwäche – wie Krankheit – zum Vorwurf zu machen!) nicht mehr bedenken kann, weshalb er dann sich anmaßend versteigt, das Unsagbare zu sagen, das Undenkbare zu denken.

Hinter diesen oft verzweifelten Versuchen geht es um ein Kaschieren, Flüchten, Umbenennen (als vermeintliches Mittel der Umkehrung), weil anders der Realitätsdruck nicht ausgehalten werden kann. Das, was als schrecklich geahnt wird, ist das Ziel, das im aufklärerischen Denken versucht wird zu erreichen: ohne Gewissheit, ohne Kenntnis des Ganzen, Ersten, Letzen oder Absoluten, die Spannung zwischen dem Offensichtlichen, Offenbaren und Unbekannten auszuhalten und die Sphäre des Bekannten, Wissen, Wissbaren, kontinuierlich zu erweitern, ohne dabei dem Rationalen, eng gefasst, den Primat zu überlassen, zugleich aber, ohne in Instinktsehnsucht (Vertierung) zu verfallen, und sich im magischen Denken zu befangen. Vielleicht auch, weil der fundamentale Widerspruch zwischen Individuum und Kollektiv, zwischen Gegebenheit und Möglichem, Gewünschtem, zu tief reicht, zu extrem schmerzt.

Dazu bemerkte in seinem «Jargon der Eigentlichkeit», der Kritik an Heidegger, Theodor W. Adorno: «Unterschlagen ist, dass die Sprache selbst bereits jenen ganzen Menschen, das je redende Einzelsubjekt, vermöge ihrer Allgemeinheit und Objektivität verneint: erst einmal geht sie auf Kosten des Soseins der Individuen. Durch das Gebaren aber, der ganze Mensch rede und nicht der Gedanke, spiegelt der Jargon als 'zuhandene' Kommunikationsweise vor, er wäre vor entmenschlichter Massenkommunikation gefeit; gerade das empfiehlt ihn dem enthusiastischen Einverständnis aller.»

Es gab etliche herausragende Poeten und Philosophen, die in dieser Hinsicht versagten, die Aufklärung über Bord schmissen, ins dunkle Reich des Raunens absanken oder Beschwörungsformeln murmelten, denen die Gemeinde ergriffen lauschte. Das mag ihnen unbenommen sein. Nur darf die Kritik aus falscher Pietät davor nicht Halt machen.

Warum das Form-Inhalts-Problem immer noch so tief verstrickt, mag verwundern oder auch nicht. Gerade Autorinnen, die übersetzen, die die Übersetzungsproblematik kennen (Tawada hat ja Benjamin gelesen, der immer noch als gewichtiger Übersetzungstheoretiker rangiert), müssten, wenn sie semiotisch dächten, die brüchige Fragilität ihres Gedankenbodens ermessen können. Ginge es in den Sprachen oder in der Sprache primär um die Form jenseits einer möglichen Bedeutung, erübrigte sich jede Übersetzung. Klar, poetische Formen können nicht von einer Sprache X in die Sprache Y übertragen werden. Was übertragen, übersetzt werden kann, sind Entsprechungen aus dem Symbolsystem X in das Symbolsystem Y. Wären die gleich, müsste nicht übersetzt werden. Die Übersetzung versucht, in Nutzung eines Transfers von einem System in ein anders den «Sinn» zu befördern. Wenn man aber im Transport, in der Vermittlung das zu vernachlässigende Profane sieht, nicht weiter schätzenswert, weil nicht geheiligt, kann die Übersetzung nicht anerkannt werden. Die Musik belegt das eindrücklich: sie muss nicht übersetzt werden, sie kann gar nicht übersetzt werden. (Was übersetzt wird, sind Liedtexte oder Libretti, nicht aber die Musik, die Komposition.)

Sprache, die nicht Sprache sein will, die als Form glänzen soll, ist ein Missverständnis. Solche Autorinnen hätten komponieren lernen sollen. Wenn man die Sprache so weit treiben will, dass sie nichts mehr sagt, kann man doch gleich Musik schaffen, die von vornherein nichts sagen will (im sprachlichen Mitteilungssinn). Sind also solche Sprachverstiegene nur verhinderte Musiker? Wahrscheinlich. Oder auch solche, die meinen eine Sonderleistung zu erbringen, weil sie ein System missverwenden und damit in einem Zwischenbereich zu schillernden Tierchen werden, die man bestaunt.

Es ist kein Zufall, dass die Konkrete Poesie nur ein Nischenprodukt blieb. Sie ermüdet rasch. Auch DADA verschliss sich rasend schnell. Zudem war der Protest zu zeitgebunden. Die Zeitverbundenheit fehlt den Konkreten. Aber das stereotype Berechenbare ihres anscheinend anarchisch-spielerischen Unterfangens gelangt bald an seine Grenzen. Da nichts gesagt wird, weil die Autorinnen nichts zu sagen haben, da keine Musik sich einstellt, verdorrt das Experiment. Fein, dass es Lernende immer wieder üben. Das gehört zum Heranwachsen. Und wenn einige es schaffen, damit über längere Zeit am Markt zu reüssieren, ist das auch nett. Mehr aber nicht.

Der Beitrag von Dieter Heimböckel, «Die Wörter dürfen nicht das sein, was sie meinen.», geht auf einige Autoren der Sprachkrise ein, behandelt näher Hofmannsthals Chandos-Brief und Paul Celans «Kampf um die nahe und verlorene, durch die »tausende Finsternisse todbringender Rede«. Hier wird die oben skizzierte Problematik mit einigen Zitaten und Verweisen beleuchtet, um dann im Fazit zu schließen: »Ist ... das Fremde in Tawadas Schreiben eng mit dem Wasser verknüpft, so hat sie zwar an der Neigung zur Begriffsauflösung und –dekonstruktion der sprachskeptischen Dichtung der Moderne Anteil, aber nicht so, dass sich ihr Interesse auf die Rekonstitution oder Neubelebung der einen Sprache richtet, sondern eher mit Blick darauf, was zwischen den Sprachen geschieht. Im Zwischen verschwimmen, wie im Wasser, ihre Grenzen, werden die «Dinge wie ihre Darstellung im Fluss» gehalten. ... Denn das Unsagbare liegt bei ihr – als Effekt ihrer interkulturellen Sprachkritik und ethnologischen Poetik – zwischen den Sprachen und nicht jenseits von ihnen."

Ein würdiges Schlusswort. Tawada, die die Zwischenräume auslotet, wo alles verschwimmt. Jetzt verstehe ich, weshalb sie ernsthaft sagt, sie überwinde keine Grenzen. Sie treibt im Zwischenraum.

Ortrud Gutjahr (Hg.): Yoko Tawada: Fremde Wasser. Hamburger Gastprofessur für Interkulturelle Poetik. Vorlesungen und wissenschaftliche Beiträge. Konkursbuch Verlag Claudia Gehrke. Tübingen 2012. ISBN 978-3-88769-777-8

weiterführende Links:

Verlagsseite

Seite der Autorin

  • Cover: Yoko Tawada: Fremde Wasser, konkursbuch Verlag

artCore

Verein zur Förderung von
Online-Kulturberichterstattung
und Kunstpräsentationen im Internet

Kontakt

Schendlinger Straße 2, A-6900 Bregenz
T +43 (0)5574 85362
info@kultur-online.net

Kultur-Online Schweiz
T +41 (0)79 437 79 33
kapi@kultur-online.net

©artCore 2001-2016. Alle Rechte vorbehalten. Nutzung ausschließlich für den privaten Eigenbedarf. Eine Weiterverwendung und Reproduktion über den persönlichen Gebrauch hinaus ist nicht gestattet.