Ein schwaches, verfehltes Plädoyer

15.06.2013 Haimo L. Handl

Es ist ja nicht so, dass die österreichische Literatur der Zwischenkriegszeit unbekannt, nicht bearbeitet und gedeutet worden wäre. Als geschrumpfter Kleinstaat mit Identitätsproblemen und einer dunklen, blutigen, wüsten Vergangenheit, gab es seit je Debatten um die Nation und ihre Kultur, um Historie und Geschichten, um Zusammenhänge, Erinnerungen und Vergessen.


Der früher korrekte Hinweis auf eine allzu zaghafte Beschäftigung mit der Vergangenheit lässt sich seit einigen Jahren erfreulicherweise nicht mehr aufrecht erhalten; Geschichte und Zeitgeschichte sind quicklebendig und produzieren kritische Arbeiten. Vergangenheitsbewältigung, wie dieses Phänomen im Hilfsbegriff holprig heißt, findet statt (wiewohl ein Unding, denn was soll «bewältigt» werden, da nicht einmal die Gegenwart bewältigt werden kann – aber das gilt generell, nicht nur für Österreich!).

In einer pluralistischen Gesellschaft existieren auch keine verbindlichen Kanons mehr. Das mag man bedauern. Die unverbindlichen oder weniger verbindlichen werden bemüht oder debattiert; es herrscht keine Einstimmigkeit. Wenn also jemand eine Kanonrevision fordert, müsste er gewichtige Gründe liefern, die auch die Frage bedenken und reflektieren, wie sinnvoll ein Kanon ist oder heute sein kann, um welchen es sich handelt, nach welchen Kriterien von wem für wen der Kanon revidiert werden soll.

Das vollmundig im Untertitel genannte Plädoyer ist aufgrund seiner Dürftigkeit jedenfalls nicht ernst zu nehmen. Auch die Behandlung des Hauptthemas erfolgt ohne bündige Einbettung in eine Theorie, ohne Deutung und zusammenfassende Interpretation. Die Arbeit ist eine fleißige Kompilation, wie man sie von strebsamen Seminaristinnen erwartet, denen das Vermögen zur These und Synthese mangelt, und die diesen Mangel durch Quantität und Fleißarbeit der Datenmengen wettzumachen suchen.

Aber ähnlich wie Datenatlanten zur Geschichte kein Geschichtswerk ersetzen, in welchem eine Historikerin DEUTET, liefert diese Zusammenstellung keine Geschichte zur Literatur der Zwischenkriegszeit, sondern nur ein Sammelsurium von Daten und Anmerkungen einer persönlichen Auswahl, die selbst fragwürdig bleibt.

Eigentlich hätte die Einleitung, die sich «Vorspann I» und «Vorspann II» nennt, für einen Zeitschriftenaufsatz gereicht. Aber zur Erfüllung des FWF-Projektes «Moderne und Antimoderne. Zur Literatur und Kultur im Österreich der Zwischenkriegszeit» von Primus-Heinz Kucher war doch mehr gefordert. Also liefert die Autorin ihre Materialsammlung, die sie in drei Teilen ausbreitet: 1) Sachwerte, Kursstürze, Projektionsfiguren; 2) Der Erste Weltkrieg und die Töchter, 3) Großstadtleben und Medienwelten.

Es folgen Anmerkungen und Verzeichnisse der Primärliteratur in alphabetischer und chronologischer Reihung. Die in den 306 Anmerkungen angeführte Literatur wird jedoch nicht in einer Liste der Sekundärliteratur ausgewiesen, was die Nachprüfung natürlich erschwert, vor allem weil bei vielen Einträgen «a.a.O.» lange gesucht werden muss, wo die erste Angabe notiert war.

Sogar in der alphabetischen Primärliteraturliste sind Titel enthalten, die in der chronologischen fehlen, weil sie aus jüngerer Zeit stammen, und nicht den gewählten Zeitraum von 1918-1938 betreffen. Im Register sind wiederum X Titel und Autorinnen und Autoren, die in den Fußnoten der Anmerkungen aufscheinen, nicht enthalten. Das erschwert die kritische Arbeit.

Völlig erstaunlich, dass relevante Sekundärliteratur zum Thema nicht erwähnt wird. So finden sich z. B. literatur-zeitgeschichtliche Arbeiten nicht, die nicht unbekannt sind: Alfred Pfoser: Literatur und Austromarxismus, Wien 1980; Klaus Amann/Albert Berger (Hg.): Österreichische Literatur der dreißiger Jahre, Wien 1985; Klaus Amann: Die Dichter und die Politik. Essays zur österreichischen Literatur nach 1918; Wien 1992. Aber auch Publikationen zu vergessenen Autorinnen und Autoren, wie die Anthologie von Hans Heinz Hahnl, «Vergessene Literaten. Fünfzig österreichische Lebensschicksale» (1984) wird nicht erwähnt, ebenso wenig wie jene von Rüdiger Görner: Sprachrausch und Sprachverlust. Essays zur österreichischen Literatur von Hofmannsthal bis Mayröcker (2011).

Dass in dem Buch «Erfolg und Verfolgung. Österreichische Schriftstellerinnen 1918-1945. Fünfzehn Porträts und Texte», herausgegeben von Christa Gürtler und Sigrid Schmid-Bortenschlager (2002), einer Arbeit, die dem Thema von Polt-Heinzl entspricht, gründlichere Informationen und Deutungen zu finden sind, als EPH kompiliert, mag ein Grund gewesen sein, es nicht zu zitieren (unangenehme Konkurrenz?).

Sicher, Auswahlen können nicht erschöpfend sein. Aber für eine gewichtige Studie fallen gewisse Fehlstellen dennoch peinlich auf. Nicht erwähnte Autorinnen und Autoren der Zwischenkriegszeit, vor allem des Expressionismus: Ernst Angel, Paul Bandisch, Uriel Birnbaum, Erhard Buschbeck, Rudolf Felmayer, Ernst Fischer (wird auf Seite 45 erwähnt, scheint nicht im Register auf), Wilhelm Franke, Felix Grafe, Joseph Gregor, Paula Grogger, Albert Paris Gütersloh, Jakob Haringer, Paul Heller, Elisabeth Janstein, Oskar Jellinek, Hildegard Jone, Hans Kaltneker, Lili Körber, Georg Kulka, Lina Loos, Paula Ludwig, Emil Alphons Rheinhardt, Hugo Sonnenschein (Sonka), Adrienne Thomas (= Hertha A. Strauch), Jesse Thoor, Berthold Viertl (nur kurz erwähnt), Josef Weinheber, Hermina Zur Mühlen (nur kurz erwähnt). Vom «Prager Kreis» werden nur Max Brod und, ganz kurz, Kafka, erwähnt, überhaupt nicht Felix Weltsch und Oskar Baum. Die geforderte Kanonrevision beschränkt sich also auf Teile der in der Primärliteraturliste genannten Autorinnen und Autoren.

Dafür leistet sich die Autorin eine Sprache, die dem heutigen Neudeutsch mit üblicher Verwendung des Denglish entspricht. Man darf sich ob der modernen Sprache freuen, besonders wenn sie zur Zeit spricht, als solche Ausdrücke unbekannt waren: Banker, Börsenhypes, Branding-Specialist, Castingbüros, Clash of Civilisation, dimmen, Faction-Bericht, Global Player, Homestories, Inbetween, Jobdescription, Krimiboom, Layout, Link, Liveberichterstattung, Mastermind, Networker, Networking, neuer Sound, Newstart, off records, One-Night-Stand, Operetten-Happyend, Patriarchen-Väter, Printmedien, Publicity, Relaunch, scannt, Seitenblicke-Ehrgeiz, Seitenblicke-Formate, Setting, Societyevent, Society-Zeichen, Sound der Zeit, StatistInnen, Story-Management, Story-Telling, Textpools, Textsamples, Upper-Class-Strukturen, Vermarktungsgag, Zeitungsfakes. Imposant, wie die damals im Zwischenkriegsösterreich redeten...

Aber man muss auch Stilblüten lesen wie «Denn immerhin erschien 1936, also mitten im österreichischen Ständestaat, Elias Canettis Roman...». Mitten im Ständestaat? Wo liegt diese Mitte? Im Salzburgischen? Nein, sie meint die kurze Epoche des Ständestaats, die von 1934 bis zum Anschluss 1938 dauerte. «Die Verortung auf der Zeitachse» wird den amtsdeutscherprobten Lesern vielleicht gar nicht störend auffallen...

«Weibliche Autorschaft spielt bei Kanonisierungsfragen nach wie vor eine Rolle.» (S. 8) Nicht nur dort, möchte man meinen. Dann folgt ein Lamento über die Subsumierung österreichischer Literatur zur Deutschen durch die in Deutschland erschienen Literaturgeschichten einerseits, durch die fehlende Aufarbeitung der «Neuen Sachlichkeit» der österreichischen Literatur andererseits. Aber anstatt zu klagen, dass die Deutschen nicht die österreichische Literaturgeschichte schreiben, wäre es angebracht, selbst solche Studien zu verfassen, was ja unternommen wurde, hier aber im Lamento so dargestellt wird, als ob es einsamer Kämpferinnen wie der Autorin bedürfe, um diesen vermeintlichen Missstand abzuschaffen. Eine typische Haltung, die nicht nur nicht überzeugt, sondern peinlich ist.

Immer wieder flicht die Autorin Bewertungen ein, die eine subjektive Negativhaltung zeigen, derer sich Historikerinnen eigentlich enthalten sollten. Besonders Karl Kraus mag sie nicht: «... aber wie in all seinen Feindstellungen war Kraus in weit größerem Ausmaß, als sein Nimbus als Moralist vermuten lässt, von persönlichen Motiven und Gekränktheiten getrieben, keineswegs nur von harten Fakten und hehren Zielen.» Das ist ungeheuerlich. Hier drängt sich der Schluss auf, dass andere, lauterere Personen als Kraus, NICHT von persönlichen Motiven und Gekränktheiten getrieben waren, weiters, dass davon getrieben geworden zu sein, einen unverzeihlichen Makel darstelle, drittens, dass wegen dieser Antriebe das Urteil verzerrt, krank usw. sei bzw. sein müsse.

Mit dieser Sicht, so en passant eingestreut, wird das gängige Klischee perpetuiert, wird ein Urteil als gegeben und gesichert transportiert. Dass Karl Kraus von Polt-Heinzl nicht nur der Desavouierung beschuldigt wird, sondern «vor allem [der] Entpolitisierung des Blicks auf die Ereignisse» (S. 43), verwundert da nicht mehr. Auf ähnliche Weise hat man seit jeher die Rolle des Literaten oder Künstlers bzw. von anderen, der Gesellschaft unangenehmen Persönlichkeiten, angegriffen und zerstört, man denke nur an Oscar Wilde oder an André Gide, um hier zwei Beispiele aus dem nichtdeutschsprachigen Raum zu nennen. (Paul Valéry sagte treffend: «Wer das Denken nicht angreifen kann, greift den Denkenden an.»)

Wichtiger zur Beurteilung ist aber die unausgesprochen zugrundeliegende Ansicht, dass Literatur die Gesellschaft und ihre Verfasstheit widerspiegele. Von dort her wird ja argumentiert, werden Belege angeführt und Urteile gefällt. Die schwammige Theorie wird nicht weiter ausgeführt oder gar hinterfragt. Gerade nach dem Zusammenbruch der realkommunistischen Länder und ihrer Literaturtheorien wurde aber die Dürftigkeit und Kurzsichtigkeit dieser Sicht eingehend behandelt. Was erwartet Polt-Heinzl dennoch von der damaligen Literatur? Dass sie einerseits die Zeitprobleme behandelte? Dass dies, je nach Autor oder Autorin, reaktionär, althergebracht, oder veränderungswütig, revolutionär geschah? Dass es daneben auch ums Überleben als Publizierender ging, um den Markt und den Publikumsgeschmack?

Die wichtige Trennung von Autor und Werk erfolgt nicht. Dadurch können tendenziöse Werke, die wir heute nach unseren Maßstäben anders lesen, als sie das Publikums damals rezipierte, der Persönlichkeit des Autors oder der Autorin zugeschlagen werden. Handelt es sich um eine Frau, ist natürlich die gesellschaftliche Determinante zur Hand, die den Misserfolg erklärt oder auch den Erfolg. Damit werden persönliche Leistungen gemindert, indem sie der Zeit und ihren Umständen zugeschrieben werden. Dabei schneiden die Männer immer besser ab, obwohl es auch unter den Schriftstellern nicht nur Erfolgreiche gab.

Bemängelt man z. B. die Flucht in Scheinwelten, so unterschlägt man vielleicht die Problematik von Leserwünschen: wer im Dreck steckte, wollte nicht auch noch neue, sachliche Literatur zum Dreck. Er wollte ein Gegenbild, Unterhaltung. Wieweit das gut, klug und richtig war, ist eine andere Frage. Aber sie nur gängig nach heutigen Werten zu beurteilen, ist einfach kurzsichtig.

Die Problematik der Neuen Sachlichkeit wäre durchaus diskussionswert. Korrespondiert doch die Orientierung auf Fakten und ihre nüchterne Darlegung mit den antiintellektuellen Reinigungen der diktatorischen Regimes, der Nazis und Kommunisten (Leninisten und Stalinisten, sozialistischer Realismus), die sich gegen subjektivistische Freiheiten der Literaten wandten. Nichts davon wird hier reflektiert. Die Erwähnung, dass dieser und jener Autor dies und das vertrat oder einforderte, reicht aus. «Generell wird in den Erzählwelten der 1920er Jahre das Thema Sachlichkeit mit Abstand am meisten im Zusammenhang mit Liebeskonzepten thematisiert.» (S. 77) Wie einheitlich war diese Gängigkeit? Je einheitlicher, desto geringer das subjektive Abweichvermögen, nicht? Wie sind die Unterschiede zu deuten, die in Werken aus dieser Zeit zu finden sind, z. B. bei Arthur Schnitzler, Max Brod, Joseph Roth, Hilde Spiel, Vicki Baum, Friedrich Torberg oder Alma Johanna Koenig bzw. Sir Galahad (Bertha Eckstein-Diener) oder gar Franz Kafka, der nur mal kurz zitiert, nicht aber untersucht wird?

Die andere Frage ist, ob und weshalb wir die alte Neue Sachlichkeit heute brauchen? Was ist es nach welchen Kriterien wert, vom Publikum gelesen zu werden? Nur, weil es von vielen damals nicht populär publiziert worden war, reicht als Begründung nicht aus. Viel Vergessenes ist nicht deshalb wert, aus der Vergessenheit geholt zu werden.

Aber hier rächt sich das unterlassene Nachdenken über Aufgabe und Funktion eines Kanons. Ein Kanon wird nicht einfach konstruiert und dekrediert. Er ist das Resultat einer kollektiven Übung, die natürlich beeinflusst ist. Diese Beeinflussung ist, je nach gesellschaftlicher Organisation und Verfassung einheitlicher, bündiger, normierender oder nicht. Zudem existierte und existiert eine Art Literatur neben der offiziellen, kanonisierten. Markterfolg ist ein anderes Kriterium als Werturteile von Literaturkritikern oder Literaturwissenschaftlern. Die vielen Veröffentlichungen über vergessene Autoren und Werke haben noch nie eine massenwirksame Rezeptionsänderung bewirkt, höchstens den Fachdiskurs angereichert. Diesbezüglich ist also das Rezeptionsmodell der Autorin zu hinterfragen, ihr Verständnis von Literatur damals und heute.

Oder soll das blöde Publikum abgeurteilt werden? «Es ist die Problematik literarischer Kanonbildung, dass unorthodoxe Konzepte selten Aufnahme finden.» Dann führt sie als Beleg die vierfachen «Anläufe zur Wiederentdeckung von Rudolf Brunngrabes Roman »Karl und das 20. Jahrhundert«» an, die dennoch zu keiner breiten Publikumsbeachtung führten, obwohl die Fachleute ihn als «richtungsweisend» priesen. Es ist halt alles sehr kompliziert.

Die Art, wie Polt-Heinzl mit dem Wissen von damals und heute umgeht, wie sie Bewertungsmaßstäbe wechselt, zeigt auch die kurze Behandlung von Veza Canetti. Sie hatte unter anderem in der Arbeiter-Zeitung geschrieben und nutzte mehrere Pseudonyme. Eine Erzählung erschien in der von Wieland Herzfelde herausgegebenen Anthologie «Dreißig neue Erzähler des neuen Deutschland. Junge deutsche Prosa», weiters war sie in Wien in Lesungen aufgetreten. Weshalb sich sich dem Druck von Elias Canetti beugte und öffentlich nicht als Autorin auftrat, sondern dienend ihrem Gatten half, seine Berühmtheit zu erreichen und zu festigen, ist bislang nicht plausibel zu erklären.

Aber hier griffe eine Deutung auf übliche Gesellschaftsverhältnisse zu weit, eine auf das Böse des Machos Canetti ebenfalls. Es bedurfte schon auch ihres eigenen Zutuns zu ihrer Rolle. Sie war nicht gezwungen Opfer zu sein, obwohl sie vielleicht die Umstände als Zwang, entsprechend IHREM Wertsystem, interpretierte. Evelyne Polt-Heinzl zitiert nicht aus den damals veröffentlichten Texten, sondern aus dem erst posthum publizierten Roman «Die gelbe Straße». War es ihr zu schwierig, die Originalquellen zu finden und zu konsultieren? (Immerhin liegt ihr die Autorin am Herzen; am 27.4.2013 veröffentlichte sie in der WIENER ZEITUNG einen längeren Beitrag zu Veza Canetti unter dem Titel «Alltagsdramen der Schwachen».)

Vergleicht man Betrachtungsweisen und Urteile seriöser Historiker, z. B. des vor einem halben Jahr verstorbenen Eric Hobsbawm, wie er sie sogar in seiner Autobiographie «Gefährliche Zeiten» («Interesting Times», London 2002, deutsche Ausgabe München 2003). äußerte, merkt man den himmelweiten Unterschied zwischen einem verantwortungsvollen, gebildeten Wissenschaftler und einer es sich allzu leicht machenden Schreiberin. Erstens macht Hobsbawm immer die Bedingtheit seiner Deutungen klar und trennt zwischen historischer Beschreibung und Interpretation, wobei er die damaligen und seine gegenwärtigen Wertsichten berücksichtigt. Nichts davon bei Polt-Heinzl.

Und zur Frage literarischer Qualität, die gut als Beispiel für die unbelegte Parteinahme Polt-Heinzls und ihres Plädoyers zum Nichtvergessen so vieler «Töchter» taugt, schreibt er zum Fall seiner Mutter, die damals in Wien versucht hatte als Autorin zu arbeiten und zu verdienen:

«Wann begann sie sich als eine Schriftstellerin zu sehen, für Frauen im Mitteleuropa jener Zeit ein wesentlich ungewöhnlicherer Beruf, als er es in der bereits stark feminisierten Szene der britischen schönen Literatur gewesen wäre? ... Bis 1924 hatte sie bereits dem Rikola Verlag Manuskripte geschickt und einen Roman geschrieben oder zumindest einen Entwurf dazu verfasst – den, der vermutlich auf ihren eigenen Erlebnissen als junges Mädchen in Alexandria beruhte und 1926 bei Rikola unter dem Titel Elisabeth Chrissanthis erschien. Einen weiteren Roman schrieb sie zu der Zeit, als mein Vater starb, doch zu ihrem Kummer war der Verleger nicht davon angetan, verlangte, dass sie ihn umschrieb, und am Ende wurde er nie veröffentlicht. ... Es ist unmöglich zu sagen, wie ernst sie die Kurzgeschichten nahm, die sie für Zeitschriften schrieb. ...

Wie gut war sie als Autorin? Ich habe ihren Roman erst viele jahre später gelesen. ... Sie schrieb ernsthaft und mit Stil in einem eleganten, lyrischen, harmonischen und gewählten Deutsch, das bei einer jungen Wiener Intellektuellen vielleicht nahelag, die früher regelmäßig die Lesungen des großen Karl Kraus besuchte, aber ich kann beim besten Willen nicht behaupten, dass sie den Eindruck einer erstklassigen Schriftstellerin gemacht hätte. Sie schrieb auch Gedichte, die nicht mehr existieren. Als ich sie als Heranwachsender las, schockierte ich meine Tante Gretl mit der Bemerkung, ich hätte keine hohe Meinung von ihnen. Ich war schon damals der Überzeugung, dass man sich nicht selbst betrügen soll, auch wenn es um Menschen oder Dinge geht, die einem im Leben am meisten bedeuten.»

Soweit der reife, weise Hobsbawm. Nun verlangt niemand, dass eine Schreiberin ein so umfassendes Vermögen haben müsse wie dieser außerordentliche Historiker. Aber etwas von der gesunden Haltung hinsichtlich realistischer Urteile ist wohl zu wünschen und zu fordern. Doch das kommt dem gutmenschlerischen Opferkult nicht zugute. Der scheint heute mehr herzugeben, vor allem, wenn man im Namen der vermeintlichen Opfer eine Kanonrevision verlangt. Verantwortliche Literaturwissenschaft und -kritik müsste eben «kartrographieren» (Hobsbawm), strukturieren, Zusammenhänge herausschälen – und deuten. Nicht nur Daten als Pseudobelege versammeln.

«Unbedingt in der Tradition der inventiven Kritik muss der Literaturwissenschaftler arbeiten; er darf nicht vorgefertigte Kategorien an ein Werk anlegen, sondern muss sich um die Erhellung von dessen immanenten Strukturen bemühen. Wenn er an einem Werk Abweichungen von Normen konstatiert, hat er deskriptiv und nicht wertend vorzugehen.» So fordert es der Literaturwissenschaftler Sigurd Paul Scheichl in seinem Beitrag «Die Omnipräsenz der Literaturkritik» im von ihm herausgegebenen Buch «Große Literaturkritiker» (Innsbruck 2010). Ich wünschte, Frau Polt-Heinzl hätte sich daran orientiert.

«Wenn Gesellschaften sich überhastet umwälzen, schleichend oder auch über Nacht tradierte ökonomische wie mentale Sicherheiten wegbrechen oder doch relativ werden, schlägt die große Stunde des Hochstaplers». (S. 114) Sind Umwälzungen nicht immer direkt, in einer Form, die man «überhastet» nennen könnte, wollte man den unpassenden Ausdruck verwenden? Wird eine schleichende Umwälzung überhaupt als Umwälzung erkannt? Nehmen wir unser gegenwärtiges Europa, das seine Veränderungen erfahren hat. Wurden die als Umwälzungen verstanden? Umgekehrt hieße die Behauptung, dass dort, wo (vermeintliche) Sicherheiten gelten, Hochstapler keine große Stunde hätten, was aber nicht stimmt, blickt man z. B. nur auf die Vereinigten Staaten von Amerika. Weiters wäre zu diskutieren, wieweit Sicherheiten je und in welchem Maße als sicher angesehen wurden. Hier wird simplifiziert etwas unterstellt, damit aufgrund der gebastelten Prämisse wunschgerecht gefolgert und bewiesen werden kann. Mit solchen Konstruktionen werden Komplexitäten flachgeredet.

Die Arbeit von Polt-Heinzl wird nicht in einem eigenen Kapitel oder Abschnitt abgeschlossen, sondern auf der letzten Seite des dritten Teils in drei Absätzen. Im ersten Absatz geht sie auf die Auswirkungen der Naturwissenschaften auf unsere Denkweise ein. Im dritten, letzten, formuliert sie den Bedarf an weiterer Forschung zwecks «Sichtung der Epochenzeugnisse» für den notwendigen «fortwährende[n] Prozess» des Nachdenkens über Kanonfragen. Also Legitimation für weitere Forschungsgelder und Publikationsmöglichkeiten.

Der zweite, mittlere Absatz soll hier zitiert werden:

«In der Literaturwissenschaft entbehren neue Analyseinstrumente in der Regel einer eindeutig überprüf- und beweisbaren Zuordnung auf der imaginären Skala definiter Aussagen über die Wirklichkeit. Eine großflächige Umwertung ist in der Regel an Phasen gesellschaftspolitischer Umbrüche gekoppelt. Ein neues politisches Regime hat eine große Bandbreite an Möglichkeiten, »seinen« Kanon durchzusetzen, von gelenkter Förderpolitik bis zu offener Zensur. Aber auch eine dissidente Bewegung von unten wird versuchen, ihre Traditionen in der Vergangenheit aufzufinden – wenn auch oft mit geringerer Durchsetzungswahrscheinlichkeit.»

Das klingt nicht nur hohl und holprig, es ist obstrus und obskur. Auf welche historische Zeit und Gesellschaft bezieht sie sich? Wer hat je, außer in ganz frühen Zeiten bzw. in Diktaturen mit verordneter Ideologie, «definite Aussagen über die Wirklichkeit» geboten oder gefordert? Welche neuen Analyseinstrumente meint denn die Autorin? Weiters ist es nicht so, als ob die alten eine eindeutige Zuordnung im dargelegten Sinne erlaubt hätten.

Wovon schwafelt Frau Polt-Heinzl? Die netten Einfügungen «in der Regel» sollen wohl ein Hintertürchen offen halten, falls doch wer auf das Argument eingeht. Welches neue Regime mag gemeint sein? Wo gibt es heute in Europa oder den USA litererarische Dissidenten, da doch alles frei sagbar und machbar ist? Wo sieht sie offene Zensur? Ist bei ihr etwas aus der DDR-Zeit hängen geblieben? Stellt sie die Förderpolitik, die hoffentlich lenkt (ein ungelenkte wäre politisch unverantwortlich und nicht vertretbar!), gleich mit Zensur und unlauterer Bevormundung? Was für ein Weltbild unterliegt diesem Denken?

Evelyne Polt-Heinzl bietet mit ihrer Arbeit unfreiwillig einen Hinweis auf den bedauerlich niederen Stand einer bestimmten, heimischen Literaturwissenschaft, wie er mehr und mehr sich breit macht in unserer Art von Gesinnungskultur. Wenigstens diesen Beleg hält man in Händen.


Evelyne Polt-Heinzl: Österreichische Literatur zwischen den Kriegen
Plädoyer für eine Kanonrevision. Sonderzahl, Wien 2012; ISBN 978 3 85449 380 8

weiterführende Links:

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Evelyne Polt-Heinzl, Wikipedia

  • Cover Polt-Heinzl: Österr. Literatur zwischen den Kriegen

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