Liebestrommeln – Eine Kur-Schmonzette

25.05.2013

Liebe und Verliebtheit, bevor es zu spät ist, ein Seitensprung, gegenseitige Schuldzuweisungen – alles bestens bekannt und vielfach thematisiert –, trotzdem gelingt es Jutta Treiber, all den bereits vorhandenen literarischen Werken zu trotzen und auf überaus subtile Art, dieses alte Thema neu zu beschreiben. Die Personen ihres Romans sind allesamt nicht mehr ganz taufrisch: Da ist Fabian, die gemeinsamen Kinder mit seiner Frau Amarante sind längst erwachsen und verheiratet.


Wiewohl sie getrennt leben und die einstige Blüte ihrer Liebe schon etwas angewelkt ist, halten Fabian und Amarante einen ständigen Kontakt zueinander aufrecht. Amarante ist Malerin, nicht erfolglos, doch in der Kunstszene auch kein Star, finanziell hält sie sich eher mit Malkursen über Wasser. Eliane ist Witwe und heißt eigentlich Dita Dickstur, kämpft hartnäckig mit andauernden Geldproblemen. Einzig und allein bei der Gesichtskosmetik pflegt sie nicht zu sparen. Beppo ist Schriftsteller und Biertrinker, Single und zur Kommunikationsauffrischung Anhängsel seiner ebenfalls singulären Schwester, die ihm rät, anstatt zu schreiben, mit dem Malen zu beginnen, weshalb sie ihm einen Malkasten aus ihrer Kindheit schenkt. Aber Beppo plant, einen Roman zu beginnen, was er allerdings immer wieder vertagt, verwocht, vermonatigt. Nicht verjährt.

Wie halt die Gesundheit so mit dem Leben spielt, sind die Gebeine von Beppo, Fabian und Eliane angegriffen, sodass sie sich einer Operation unterziehen – warum eigentlich unterziehen und nicht überziehen? Jedenfalls ist die Operation gleichermaßen unvermeidlich wie zwingend notwendig. Danach gilt es, in einem Kuraufenthalt die Hüften wieder zum Genesen anzuregen: Sie werden heilgymnastiziert, kältebepackt, kraftkammertrainiert, akupunktiert, nordisch gewalkt, ergotherapiert, koordinationsgeschult und vieles mehr. Unvermeidlich: Sie begegnen einander auf der «Insel der Krückseligen»: Fabian, Eliane und Beppo. Hinzu mischt sich der auktoriale Erzähler, der zwar über vieles, indes längst nicht über alles Bescheid weiß.

Sowohl Fabian als auch Beppo verlieben sich in die «Kurschättin» Eliane, die sich für Fabian entscheidet, immerhin verfügt er offenbar über einiges Erspartes und die Ehe mit Amarante besteht ohnehin nur mehr auf dem Papier, weil er eben zu faul war, sich scheiden zu lassen. So jedenfalls sieht es Eliane und Fabian plaudert in einem ähnlichen Tonfall, weil sein Hirn chemikalische Verbindungen ausschüttet, die der auktoriale Erzähler als Liebestrunkenheit beurteilt und zudem feststellt, dass Fabians Hirn liebesveralzheimert.

Eliane errötet zwar nicht, sondern errosarötet nur, weil sie nicht schwimmen kann und daher für den Pool der Kuranstalt – warum eigentlich Anstalt? – nicht infrage kommt. Ihr Trumpf und Triumph ist das Trommeln, weil sie an jedem Verkauf einer Trommel prozentuell beteiligt ist, weshalb sie Fabian überredet, einen Trommelworkshop zu besuchen, denn irgendwann ist jede Kur zu Ende. Stattdessen Liebestrommeln. Zugleich vermittelt sie ihn an ihren Psychiater. Der Auktoriale weiß zu berichten, dass sich durch zwingende Zufälle alle irgendwie begegnen, und Beppo erkennt, dass seine Verliebtheit zu Eliane eine körperliche Fehlentscheidung war. Stattdessen schreibt er endlich seinen Roman. Er muss nur im Gehirn speichern, was er hört, sieht und beobachtet. «Im Moment ist Beppo nämlich relativ zufrieden und beschließt, ein Exposé seines Romans an einen größeren Verlag zu schicken.»

Fabian und Eliane dagegen skypen fröhlich drauflos, da sie leider – oder glücklicher Weise – nicht in derselben Stadt wohnen. Als Amarante Fabian Daheim überrascht, kommt es zu einem Skypitus interruptus – nachdem Fabian seinen Laptop zugeklappt hat.

«Amarante setzte sich auf die Couch im Wohnzimmer und barg ihr Gesicht in ihren Händen. Der ganze Schnee schneite direkt in ihre Seele. Amarante wischte sich den geschmolzenen Schnee von den Wangen.»

Wie die Liebestrommelei ausgeht, darüber schweigt der Rezensent eisern. Oder bleiern oder silbern. Wir wissen das nicht so genau.

Manfred Chobot

Jutta Treiber: Liebestrommeln – Eine Kur-Schmonzette. edition lex liszt, Oberwart 2012. 260 Seiten. ISBN:978-3-99016-035-0

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  • Cover - Jutta Treiber: Liebestrommeln
  • Jutta Treiber (Foto von der Internetseite der Autorin)

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