Pfeffer im Dach und worüber der Kaiser noch staunte

… ist «ein Museumsbuch für Kinder und eine spannende Reise durch die einzigartige Kunstkammer Wien.» Halt: Auch Erwachsene dürfen sich das Buch zu Gemüte führen. Und halt: Museums-Buch ersetzt nicht Museums-Besuch. Aber immerhin!


1. Die Story: Böse Zungen könnten es ja – wie die Unterlippe – als pathologisch bezeichnen: das Messie-Syndrom der Habsburger. Aber: Dass sie wie andere Herrscher auch gesammelt haben, ist ein Glücksfall! Da kann keine Rede von «mess» sein, alles war wohlgeordnet in Schränken und Kammern. Wirklich alles? Ja, «alle Schätze dieser Welt», so stellen die ersten vier Worte des Vorworts gleich einmal klar. So sahen es die Fürsten, und so sehen wir es noch heute, entweder wenn wir die neue Kunstkammer Wien des Kunsthistorischen Museums besuchen, oder wenn wir dieses Buch aufschlagen.

2. Die Helden: … dieser Geschichte verrät der Inhalt ebenfalls gleich zu Beginn. Es sind Materialien – allen voran kostbare wie Gold, Silber, Bronze, Bergkristall, (Edel-) Stein und (Edel) Holz; dann verblüffende wie Drachen-Zahn, Nas-Horn, Nattern-Zunge, Monster-Perle oder Magen-Stein; schließlich solche mit Migrationshintergrund wie Straußenei, Elfenbein, Kokosnuss; und endlich: textile, mechanische und wissenschaftliche. Um von all dem eine Vorstellung zu bekommen, gerade darum gibt es dieses Buch, das man mit seinem handlichen Format mit nach Hause nehmen kann, um sich für seine eigene private Kunstkammer anregen zu lassen. Sollte einmal etwas kaputtgehen: Hier gibt es auch ein Kapitel über Restaurierung. Dass man aus der Lektüre klüger wird, versteht sich von selbst.

3. Der Sound: Dass Kinder viel wissen, große Naturforscher sind und leidenschaftlich sammeln, hat die in Dresden geboren Pädagogin Donata Elschenbroich eingehend beschrieben. Die AutorInnen des Kunstkammer-Buches knüpfen an all diese Begabungen an. Hier wird auf der einen Seite abgeholt, angesprochen, an die Hand genommen, behutsam geführt, gezeigt, geantwortet und gerätselt, und auf der anderen Seite gewartet, zugehört, gefolgt, geschaut, gefragt (besonders: Wie macht man das?) und gelöst.

4. Coole Bilder: Man kann in diesem Buch aber auch wie im Museum seine eigenen Wege gehen, ungeführt, verführt höchstens durch die zahlreichen Abbildungen. Die Seiten sind teilweise farblich oder dekorativ unterlegt, Linolschnitt-Typen nehmen den Text, Linolschnitt-Motive die abgebildeten Objekte spielerisch auf. Im Gegensatz zur Sachlichkeit etwa der Buch-Reihe «Gerstenberg visuell» lockert die Illustratorin Michaela Noll den Inhalt nämlich mit diesen kleinen Capriccios auf. Außerdem stellt sie Zeitgenössisches ins Bild der Kunstkammer-Stücke: einen Teddy, eine Eisenbahn, einen umgestoßenen Salzstreuer etwa. All das nimmt diesen Preziosen die Erhabenheit und sagt uns: Es sind Dinge, denen man sich mit unverstelltem Blick nähern soll, es sind Dinge, die interessante Geschichten erzählen.

5. Coole Worte: «Email» ist hier vielleicht speziell zu erwähnen, weil es doch so viel älter und auch etwas ganz anderes ist als elektronische Post.

6. Zum Nachdenken: Der Titel diese Buches könnte einen nachdenklich stimmen. «Pfeffer im Dach»? Das hat mit der berühmten Saliera zu tun, also mit dem Salz.

7. Die AutorInnen: Solche und noch viel mehr Informationen erhält man von Barbara Herbst, Rotraut Krall, Konrad Schlegel, Anges Stillfried, Daniel Uchtmann und Andreas Zimmermann gut aufbereitet. Sie hatten zweifelsohne die Qual der Wahl – denn insgesamt gibt es in der Kunstkammer Wien ja mehr als 2000 Objekte. Wieder einmal geht es um die Würze (in der Kürze), und diese Würze ist – ganz abgesehen von Salz und Pfeffer – so vorhanden, dass einzelne Ingredienzien nicht hervorstechen. Man kann nur sagen: Es schmeckt!

8. Das Buch: Sabine Haag (Hg.): Pfeffer im Dach und worüber der Kaiser noch staunte. Die Kunstkammer Wien für junge Besucher. Wien: Christian Brandstätter Verlag 2013, 112 Seiten, EUR 19,90


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