Ohne Gummi

18.05.2013

«Warum Kurzprosa?» hebt die Einleitung des Autors mit einer Fragestellung an. Und in der persönlich gemeinten Frage einer Freundin ortet dieser zunächst eine solche allgemeiner Natur, die ihre Antwort sucht in den speziellen Bedürfnissen moderner Zeit und eben deren Mangel an letzterer, die das Einlassen auf einen längeren Text nicht gerade begünstige, um dann die Situation des Verfassers zu beleuchten, deren jeweilige Umstände gerade jene Form zwingend hervorbringe und erfordere.


Allerdings hat die kurze literarische Form sowohl einen festen Platz in der Literatur als auch gleichzeitig eine Art Imageproblem, das stets einen inhärenten Rechtfertigungsdruck zu erzeugen scheint, gilt doch allgemein ein mehr oder weniger umfangreicher Roman unterschwellig als die ernstzunehmendere Gattung. Dass sich der Autor dann zum Schluss in die Feststellung rettet: «Weil ich es muss» (nämlich Kurzprosa schreiben), mag zwar durchaus zutreffen, ist aber auch nicht gerade glücklich, weil hier letztlich ein besonders abgedroschenes Klischee bemüht wird.

Aber wie auch immer: Kurzprosa ist eine legitime literarische Form und Klaus Ebner darin zweifellos ein Könner.

Den Auftakt bildet mit «Abendstern» eine in ihrer Kürze und Gerafftheit geglückte poetische Miniatur, eins der Prosagedichte, wie sie sich in weiterer Folge durch das ganze vorliegende Werk ziehen. Gelungen zum Beispiel auch «Papierhain», wobei das Lesevergnügen hin und wieder durch altertümelnde Wendungen gestört wird, die Ebner liebt, die aber meist nichts zur Hebung der Qualität des Textes beitragen (z.B. «ein knorrig Stamm»), abgelöst wiederum durch sensible und geglückte Formulierungen, wie z.B. «Fische, die Wellenringe schlagen, als betupften sie mit dem Maul empfindliche Membranen».

Im zweiten Text «Anrufung» lässt Ebner seiner Neigung zu dergleichen altfränkischer Butzenscheibenromantik dann völlig die Zügel schießen. Da ist von «Weiten des Alls, die von Sphären der Gedanken durchmessen werden» die Rede, da wird «Der Kreislauf des Wassers mit peinvoller Sehnsucht und eloquenter Erzählsamkeit beobachtet», da «schäumen die Wogen des Unaussprechlichen empor» etc.

Der Versuch, dem Text auf diese Art Würde und Tiefe zu verleihen, misslingt. Der Schauder vor der Erhabenheit und dem Höhenflug der eigenen Empfindungen bleibt in den anachronistischen Startlöchern stecken und endet in einer Bauchlandung.

Überzeugender und authentischer wirkt der Verfasser, wenn er den Kothurn abschnallt, und sich ganz auf Situationen einlässt, denen reale Erlebnisse zugrunde liegen, bei deren Beschreibung er seine beobachtende und reflektierende Sensibilität einsetzen kann und die Gegenstände damit gewissermaßen adäquat und angemessen bekleidet. Dazu zählen zum Beispiel «Auftakt», auch Kapitel wie «Auftrag», «Auslassung», «Berichtigung» – pointierte Momentaufnahmen des Lebens, gesellschaftlicher Zustände. Auch zwischenmenschliche Grotesken des Alltags wie «Brand», detailliert geschilderte Komik alltäglicher Verrichtungen wie «Cuisine». Hervorragend auch eine Miniatur wie «Durst», die hinter einer banalen Situation zwischenmenschliche Dramatik aufblitzen lässt.

Dass Ebner ein kenntnisreicher Reisender ist, zeigen Texte wie «Flug» und «Inadäquatheit» und erinnern mit ihren vielfältigen eingestreuten Reflexionen wiederum an seinen schönen, 2011 im Mitter Verlag erschienenen Band «Dort und Anderswo».

Unterhaltsam und böse «Götterdämmerung», ein Opernabend aus der Insidersicht eines alternden Opernsängers, erheiternd und gnadenlos dessen Blick auf eigene Unzulänglichkeiten und die teils unappetitlichen Eigenheiten der Kollegen, ein illusionsloses Streiflicht auf menschlichen Makel und Kleinlichkeit. Auch Texte wie «Machthunger» – das schonungslose und bissige Porträt eines Literaturkritikers – offenbaren die satirische Begabung und die beachtliche Vielseitigkeit Ebners.

«Die Krähenmutter»: «Kalter Stein und toter Geist», sagt sich die Protagonistin beim Anblick einer Kirche. Dergleichen aufgesetztes Pathos durchzieht die gesamte Erzählung. Und hier sind es nicht nur einzelne Wendungen, es ist die Gesamtheit des Textes, die anachronistisch wirkt. In der wohlfeilen sentimentalen Manier eines Groschenromans aus dem 19. Jahrhundert wird eine junge Frau samt ihrem unehelichen Säugling, von Krähen verfolgt, durch eine winterliche Stadt gejagt. Mit anzengruberscher Wucht und Derbheit ist sie zuvor vom eigenen Vater aus dem Haus geworfen worden, hinaus in die bittere Kälte, umschwirrt von den krächzenden Unheilsvögeln, um dann trotz ihrer Skepsis gegen den «kalten Stein und toten Geist» das «Balg2 irgendwie an der Schwelle des Kirchenportals loszuwerden.

Solche »Brüche« sind bei einem versierten Literaten wie Ebner doch ziemlich erstaunlich. Auch Texte von einigermaßen konstruierter Phantastik wie »Traum« oder das alptraumhafte »Gassenstau« vermögen nicht recht zu überzeugen. Nicht etwa wegen des oben erwähnten falschen Pathos, sondern im Gegenteil wegen der in andern Texten so adäquat angewandten »Leichtfüßigkeit«, die weder ein intensives Gefühl der Irrealität noch des Unheimlichen aufkommen lässt. Mit einem solch »phantastischen« Kapitel, »Ziel«, endet denn auch dieser in seiner Qualität so widersprüchliche Band.

Klaus Ebner - »Ohne Gummi". Prosa
arovell verlag, gosau salzburg wien 2013
ISBN 978-3-902808-36-3

Gabriele Folz-Friedl

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