Entsiegelte Geschichtsräume – die multikulturelle Geschichte der Stadt Olmütz

11.05.2013

Olmütz, die Stadt an der March und das Zentrum der mährischen Tiefebene Hanna, habe ich mehrmals besucht. Und jedes Mal mutete es mich an wie in einem Dornröschenschlaf: schön, aber beklemmend still. Die Schritte hallten auf den alten Pflastersteinen der verwinkelten Straßen und Plätze, die schmucken historischen Fassaden erschienen wie steinerne Masken, in deren dunklen Fensterhöhlen sich etwas staute, das ans Freie strebte. Nur was? Und in welchen Fesseln war es gefangen?


Nun liegt mir die Publikation «Literarische Wanderungen durch das deutsche Olmütz» vor, und ich habe das Gefühl, damit einen Schlüssel zu der spröden Unnahbarkeit gefunden zu haben, die diese geschichtsträchtigen Stadt mit ihren knapp 100.000 Einwohnern ausstrahlt, eine Formel zu ihrer Entzauberung. Vielleicht ist es ja gerade die verdrängte Geschichte der ehemaligen deutschsprachigen Bevölkerung, die neu erzählt werden will, damit das erstarrte Blut in den Adern von Olmütz wieder temperamentvoll pulsiert.

Dabei hatte die alte Hauptstadt der Markgrafschaft Mähren, deren Name volkstümlich als «hohler Berg» gedeutet wird, während die Linguisten nach wie vor über seinen etymologischen Ursprung streiten, schon früh ein eigenständiges Kulturleben. Der Přemyslide Vratislav II. errichtete hier 1063 ein Bistum, das zweite der böhmischen Länder nach Prag, und 1573 bekam Olmütz eine Jesuitenhochschule, aus der später die heutige Universität hervorging, ebenfalls die zweitälteste Tschechiens. Bis zum Dreißigjährigen Krieg blieb Olmütz mährische Hauptstadt, dann verlor es diesen Rang an Brünn. Noch heute ist die ehemalige Garnisonsstadt aber Sitz eines der beiden tschechischen Obergerichte und des Oberkommandos der tschechischen Streitkräfte.

Deutschsprachige Einwohner hatte Olmütz schon im Mittelalter. Am Beginn des 20. Jahrhunderts machten sie mehr als die Hälfte der Stadtbevölkerung aus, nach der Gründung der Tschechoslowakei verschob sich das Verhältnis zugunsten der Tschechen. Die jüdische Gemeinde von Olmütz war klein, weil den Juden erst 1848 ein Niederlassungsrecht eingeräumt worden war. Beim Einmarsch der Nationalsozialisten gab es in Olmütz, das damals etwa halb so groß war wie heute, rund 2.500 Juden.

Obwohl die deutsch-tschechisch-jüdische Koexistenz für Olmütz prägend war, konnte sich die Forschung erst nach dem Fall des Kommunismus frei mit ihr auseinandersetzen. 1998 entstand an der Olmützer Universität, die nach dem Historiker František Palacký benannt ist, eine Forschungsstelle für deutschmährische Literatur. Sie gründet auf der Einsicht, dass alle Geschichtskenntnis einer Region, die bis 1945 einen erheblichen Anteil an deutschsprachiger Bevölkerung aufwies, ein Halbwissen bleiben muss, wenn sie sich auf eine monokulturelle Sichtweise beschränkt. Die Forschungsstelle sammelt und inventarisiert den Nachlass der deutschmährischen Autoren. 2000 Biographien verzeichnet die Datenbank bereits, neben bibliographischen Nachschlagwerken sind auch einzelne Autoren und Werke in Diplomarbeiten, Dissertationen und Studien wissenschaftlich bearbeitet worden.

Mit ihrer jüngsten Publikation, dem populärwissenschaftlichen Gemeinschaftswerk «Literarische Wanderungen durch das deutsche Olmütz» will die Forschungsstelle nicht nur Fachkreise, sondern auch breitere tschechische und deutschsprachige Leserschichten erreichen. Das zweisprachige, reich bebilderte Buch im Querformat ist ein Stadtführer und ein Führer durch die mit Olmütz verbundene deutschsprachige Literatur zugleich. Die zwanzig Kapitel über Denkmäler und Kultureinrichtungen der Stadt, Gruppen und Vereine der deutschsprachigen Bevölkerung sowie einzelne Schriftsteller bringen nach kurzen Einführungen Textauszüge aus Werken der deutschmährischen Literatur, in denen unmittelbar auf die Kapitelinhalte Bezug genommen wird. Die dargebotenen Episoden, Reminiszenzen und lyrischen Impressionen geben eine plastische und berührend menschliche Vorstellung vom Olmützer Leben in historischen Zeiten. Die Autoren der Werkauszüge werden fortlaufend durch biographische Medaillons vorgestellt. Im Ergebnis dieser Methode entsteht ein buntes Kaleidoskop, das die ganze Vielfalt der Lebensformen, des Kulturschaffens und der Ideologien, die in Olmütz zu Hause waren, erahnen lässt. Neben den überwiegend katholischen deutschsprachigen Olmützern kommen auch jene jüdischen Glaubens zu Wort.

Die letzten vier Kapitel sind den bekanntesten Literaten gewidmet, die Olmütz hervorbrachte: Franz Spunda, die Brüder Julius und Otto Emil Krick, Otto F. Babler und Peter Härtling. Peter Härtling ist allerdings kein gebürtiger Olmützer. Er wurde 1933 in Chemnitz geboren und verbrachte drei Kindheitsjahre in Olmütz. Sein Vater, ein Anwalt, war dorthin ausgewichen, um sich der Kontrolle durch die Nazibürokratie zu entziehen. Härtling besuchte nach fünfzig Jahren Abwesenheit 1992 Olmütz wieder und schrieb danach die Novelle «Božena» und das Erinnerungsbuch «Leben lernen». Schon zuvor hatte er Olmütz in «Nachgetragene Liebe» thematisiert.

Nebenher erfährt der Leser wenig bekannte Einzelheiten, wie etwa, dass der Přemyslidenkönig Wenzel III. in Olmütz ermordet wurde und Kaiser Franz Josef in Olmütz den Thron bestieg; dass Leo Slezak einige Jahre lang am Olmützer Theater sang, Ferdinand von Saar als Kadett in Olmütz war und George Taboris erste Geliebte aus Olmütz stammte; aber auch dass der hitlertreue Nazifunktionär Arthur Seyß-Inquart, der im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess 1946 zum Tod verurteilt und hingerichtet wurde, in Olmütz aufwuchs. Sein Vater, Emil Seyß-Inquart, war Altphilologe und Direktor des deutschen Gymnasiums von Olmütz – das unter anderem auch der aus dem mährischen Prossnitz stammende Edmund Husserl, der mit Stefan Zweig verwandte Dramatiker Max Zweig, der Architekt und Möbeldesigner Paul Engelmann und der Wegbereiter der katholisch-jüdischen Verständigung Johannes Österreicher besuchten.

Der Grundsatz der ideologischen Unvoreingenommenheit, den die Autoren durchgängig walten lassen, ist programmatisch. Er ist eine Antwort auf die Einseitigkeit der kommunistischen Geschichtsschreibung, zugleich aber auch ein Schutz vor neuen Vereinnahmungen, etwa durch sudetendeutsche Revisionisten. Auf Ausgrenzungen aufgrund politischer Kriterien wird verzichtet, anspruchsvollere Texte stehen neben solchen mit geringem künstlerischen Wert. Diese Herangehensweise ermöglicht eine umfassende Darstellung, die durch ihre Lebensnähe überzeugt. Anderseits ist es oft nur ein kleiner Schritt von der Gleichbehandlung zur Wahllosigkeit, von der Vorliebe für das Detail zur Plattheit, von der politischen Korrektheit zur Scheinobjektivität. Ein allzu vorsichtiger Umgang mit den Fakten führt an manchen Stellen des Buches zu einer Ausdünnung der Begriffe, einer unerträglichen Leichtigkeit des Wortes. So heißt es im Zusammenhang mit der Okkupation durch die Wehrmacht verharmlosend: «Die Verfolgung der Juden wurde deutlich verstärkt, ihr Eigentum wurde beschlagnahmt und ihre Rechte minimalisiert.» Und der militante Antisemit, Kreispropagandaleiter und Schreiberling Walter Haage wird als «von zeitgenössischem Antisemitismus und Nationalismus stark beeinflusst» bezeichnet. Hier wäre mehr Mut zu deutlicher wertenden Stellungnahmen angebracht, wenngleich die Darstellung der Zeit des Nationalsozialismus insgesamt ausgewogen ist. Auch hätte eine Gewichtung der Autoren nach ihrem literarischen Stellenwert die Orientierung des Lesers erleichtert. Ein entschiedener Vorzug ist die sorgfältige Redaktion des deutschen Textes, der fast fehlerfrei ist.

Eines steht jedenfalls fest. Bei meinem nächsten Besuch in Olmütz werde ich die «Literarischen Wanderungen» mit im Gepäck haben. Dann werden die alten Torbögen nicht mehr so verlassen, die schmucken Fassaden nicht mehr nur wie Zierrat vergangener Zeiten erscheinen, an dem der Zahn der Zeit nagt, und in den Straßen und Plätzen werden außer dem Widerhall meiner eigenen Schritte auch die Stimmen von Menschen schwingen, die es schon lange vor mir nach Olmütz verschlug.

Motyčka, Lukáš u. Veronika Opletalová, (Hg.)
Literarische Wanderungen durch das deutsche Olmütz
Literářní procházky německou Olomoucí
Olomouc 2012, 175 Seiten mit zahlreichen Abbildungen
ISBN 978-80-244-3025-6

Maria Hammerich-Maier

weiterführende Links:

Verlagsseite University Press, Palacký University, Olomouc

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