Reisen bis zum bitteren Ende

04.05.2013

Am Anfang steht das Ende. Sabine M. Gruber beschreibt das Ende einer Beziehung, die zehn Jahre lang gedauert hat. Sie endet im Bett, mit Sex, der für Sophia, und das anscheinend zum ersten Mal, nicht mehr als eine regelrechte Vergewaltigung war. Marcus versucht sich zwar noch dafür zu entschuldigen, doch lässt sich dieser Schlusspunkt in einer langen Reihe von Verletzungen und Missachtungen nicht mehr rückgängig machen.


Die in Linz geborene und heute in Klosterneuburg lebende Autorin Sabine M. Gruber erzählt die Geschichte im Krebsgang. Nach dem zehnten und letzten Jahr kommt das neunte, dann das ach-te und so weiter. Es ist eine Geschichte von Beziehungskonflikten, eine Geschichte seelischer Verwundungen, die der weiblichen Protagonistin zugefügt werden. Es sind berührende und vor allem bedrückende Momente, die einem das Buch offenbart, und sie wiegen wohl noch schwerer, wenn man das eine oder andere aus eigenem Erleben kennt, sogar wenn manches durchaus schmunzeln lässt, etwa der folgende Dialog bei einer Autofahrt:

«Hast du das Licht nicht eingeschaltet?
Sagt Sophie, kurz vor der Auffahrt zur Autobahn.
Nein, stößt Marcus zwischen den Zähnen hervor, nein, wiederholt er, und ob und wann ich das Licht einschalte, ist immer noch meine Entscheidung.»

Wie die Erzählung in immer frühere Jahre der Beziehung schreitet, meint man, nun endlich auf jene Zeit stoßen zu müssen, die viele als die schönste bezeichnen; doch reiht sich ein Tiefschlag an den anderen. Sophia ist schriftstellerisch tätig, und Marcus arbeitet als Kritiker oder Rezensent. Eine gute Konstellation, möchte man meinen. Indes ist Marcus jemand, der sich sein ganz eigenes Reich geschaffen hat, zu dem er niemandem Zutritt gewähren möchte, nicht einmal seiner Lebensgefährtin Sophia, die sich mit den Jahren innerlich immer mehr zurückzieht und an dieser Situation langsam, aber sicher zerbricht.

Das leidvolle Wechselspiel dieser Beziehung ist in eine rege Reisetätigkeit eingebettet. Da geht es nach Portugal, in die Türkei, nach Rumänien, in österreichische Bundesländer, nach Griechen-land und Island, ein paar Informationen zum jeweiligen Land werden ganz beiläufig eingestreut, wohltuend auch Wörter und Phrasen in der jeweiligen Landessprache. Der Buchtitel «Beziehungsreise» ist also doppeldeutig und doppelbödig. Diese Reisen werden zumeist von Sophia organisiert und großteils bezahlt, obwohl Marcus, wie man aus Andeutungen versteht, durchaus mehr Geld verdient als seine Partnerin.

An manchen Stellen fragt man sich, inwieweit Sabine M. Gruber auch Autobiografisches in den Roman einflocht. Da ist vor allem der Konflikt, den Sophia, die mit Nachnamen Meier heißt, mit einer fast gleichnamigen anderen Autorin austragen musste, ein Interessenskonflikt, der ihr untersagt, ihre schriftstellerischen Erzeugnisse mit ihrem eigenen Namen zu unterzeichnen: «Es gab da eine Autorin mit einem ganz ähnlichen Namen: Sophie mit ie und Meyer mit Ypsilon. Und die hat eine mächtige Autorengewerkschaft dazu gebracht, mir einen hochoffiziellen Brief zu schreiben. (...) Darin droht man mir mit rechtlichen Schritten, wenn ich nicht meinen Vornamen ändere.» Es braucht nicht viel Phantasie, hier gewisse – zumindest mögliche – Parallelitäten zu entdecken. Marcus hingegen ist dieses Namensdilemma unangenehm: Nicht nur, dass er Sophia weder moralisch noch anders unterstützt, funktioniert er den ungewollten Zwist zu einem Vorwurf um und meint, Sophia (!) würde damit seine (!) Karriere gefährden. Die beschriebenen Jahre zeigen, dass der ganze Vorfall bereits in der Frühzeit der Beziehung stattfand, sich aber wie ein im wahrsten Sinne des Wortes blutroter Faden bis zum Ende zieht.

Lesend erleben wir Sophias Gedankenwelt mit, wie sie mit den steten kleinen Verletzungen umgeht, wie viel sie in sich hineinfrisst , wie sehr sie immer nachgibt, und ihre geradezu skurril anmutenden Gesprächssitzungen mit einem Psychiater. In die Zeit ihrer Beziehung fallen zudem der Selbstmord ihres Bruders und der Tod ihres Vaters, und nicht einmal hier war Marcus die Stütze, die sie gebraucht hätte. Die beiden leben zumeist nebeneinander her: «Unaufgeregt und konfliktfrei verbringt sie ziemlich viel Zeit neben Marcus, im Thermalbecken, im Ruheraum, im Biodampfbad, im Speisesaal, im Zimmer, im Bett und beim obligaten Spazierengehen nach dem Abendessen.» Das entscheidende Wort in diesem Satz lautet neben. Denn Sophia verbringt die Zeit eben nicht mit ihrem Partner, sondern neben ihm.

Mit dieser kurzen Beschreibung, die eine Rezension nun einmal ist, könnte sich der Eindruck ei-ner Art Anklageschrift einstellen. Doch gibt es in diesem Roman keinerlei Angriffe, keine Aggression, ja nicht einmal Ärger ist spürbar. Sophias Bericht weckt vielmehr Demut, Niedergeschlagenheit und Trauer: Es hätte so viel sein können mit den beiden, und so wenig wurde daraus.

Zum Glück für uns Leser wurde aber eine brillante Charakterstudie und ein gutes Buch daraus.

Sabine M. Gruber: Beziehungsreise
Roman, 222 Seiten
Picus Verlag, Wien 2012
ISBN 978-3-85452-685-8

Klaus Ebner

weiterführende Links:

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Internetseite der Autorin

  • Cover Sabine M. Gruber: Beziehungsreise

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