Zum Schreiben in vielen Sprachen

23.03.2013 Haimo L. Handl

Oft liegt in einem Titel ein Versprechen, das der Text nicht einlöst. Das ist beim Buch «Queren – Zum Schreiben in vielen Sprachen» von Marlis Lami der Fall. Denn es geht nicht um das Schreiben in mehreren, gar vielen Sprachen, wobei man an Autoren denkt, sondern um Übersetzungen von einer Sprache in eine andere. Die Komplexität von Mehrsprachigkeit in der Literatur und Übersetzung zeigt sich nur indirekt, wenn überhaupt.


Marlis Lami, selbst Übersetzerin, führte mit 13 Übersetzerinnen und Übersetzern vor allem aus osteuropäischen Ländern, aber auch den USA, Interviews. Die Gesprächspartner waren: Martin Pollack, Österreich, Jurko Prochasko, Ukraine, Martina Lebbihiat-Müller (für das DAJA Übersetzerkollektiv Wien), Rosanna Warren, USA, Petr Borkovec, Tschechien, László Márton, Ungarn, Katarzyna Leszczynska, Polen (lebt in der Schweiz), Irena Grudzuinska-Gross, Polen (lebt in den USA), Jonathan Aaron, USA, Isabelle de Courtivron, Frankreich (lebt in den USA), Michael Kandel, USA, Elzbieta Kalinowska, Polen, Svetlana Boym, Sowjet Union (lebt in den USA. Die Herausgeberin schließt die 13 Gespräche mit einem eigenen Text ab. Acht Autorinnen stehen sechs Autoren gegenüber, also politisch korrekte Verteilung.

Die gleich gestellten Fragen führen erwartungsgemäß zu ähnlichen Antworten, mit subjektiven Abweichungen. Im Kern ermüdet allerdings die damit unfreiwillig erzeugte Redundanz, die das Unverbindliche, Beiläufige, Anekdotenhafte herausstreicht. Gefragt wird nach dem Selbstverständnis als Übersetzer, wie man dazu kam, welche sprachliche Sozialisation man durchmachte, welchen Einflüssen man unterlag, Arbeitsweisen, wie die Berufstätigkeit und ihre Chancen beurteilt werden, Ausbildungsfragen etc.

Leider sind die Gespräche nicht gerafft und gestrafft. Es handelt sich um eine bloße Kompilation von Interviews, die in den Jahren 2005-2006 geführt und 2012, nicht zuletzt Dank einer Unterstützung des Erhard Busek-IDM-Ostfonds, publiziert wurden. Die Herausgeberin liefert keine Synthese, keinen theoretischen Rahmen, keine theoretischen Überlegungen, außer ein paar Zitate im Schlussbeitrag. Andererseits ging sie nicht empirisch vor. Der Leser erhält ein Kaleidoskop verschiedener und doch in vielem ähnlicher Ansichten, die nicht theoretisch zusammengefasst werden. Die Antworten bieten ein Panorama persönlicher Geschichten. Manchmal finden sich interessante Aussagen zur Übersetzungsproblematik, die einen Anflug theoretischer Überlegung zeigen. Im gros bleibt es bei der persönlichen Geschichte und ihren Eigenheiten. Auch wenn diese interessant sind, ersetzen sie keine Theorie, keine tiefergehende Erklärung und Deutung.

Man erfährt auch etwas über Schreibwerkstätten und Lehrprogramme kreativen Schreibens. Gute Texte gute Autoren scheinen bei vielen eine Initialzündung verursacht zu haben: bemerkenswert, welche Autoren und Werke als besonders magnetisch oder explosiv erwähnt werden. Auch wenn das Einzelaussagen sind, zeigen sie, dass die sprachliche und literarische Sozialisation nicht so eingleisig, eindimensional verläuft, wie oft hingestellt wird.

Die Eingangsfrage «Wie ist Ihr Selbstverständnis?» heißt auf englisch «What ist your basic professional understandig of yourself?» Das könnte als Diskussionsbeispiel verwendet werden. Um welches Verständnis geht es? Um das professionelle. Um das Verständnis seiner Profession, die eine eines Übersetzers ist. Aber SEIN Verständnis seiner Übersetzerprofession muss nicht unbedingt professionell sein. (Nach welchen Kriterien bewerten wir ein Verständnis als professionell?) Es kann doch ganz naiv, weltfremd sein oder ganz profan pragmatisch usw. Ist das Selbstverständnis eines Professionisten, hier eines Übersetzers, dort z. B. eines Arztes, professionell? Reflektieren wir über den feinen Unterschied eines «professional understanding» von einem «understanding of one’s profession» und bedenken, wie anders vielleicht das professionelle Verständnis eines anderen über eine andere Profession ist.

Auch wenn einige meinen, dass gewisse Texte unübersetzbar seien, wird doch klar, dass nichts unübersetzbar ist, alles kommuniziert werden kann. Dass es Qualitätsunterschiede gibt, ist eine andere Sache. Das heißt, es gibt Fremdes, aber nicht als Uneinnehmbares.

Im zweieinhalbseitigen Vorwort stolpere ich allerdings schon in den ersten Absätzen über einige Gedanken:

«Aus der Spannung eines Lebens mit verschiedenen Sprachen entstehen Fragen nach der eigenen Identität und die Suche nach Antworten wird immer dringlicher.» Als ob jemand, der nicht im Spannungsfeld verschiedener Sprachen lebt, keine Fragen zur eigenen Identität stelle, keine Dringlichkeit für Antworten verspüre. Hier wird das Bild einer Spezies gezeichnet, das sich, je nach Notwendigkeit, positiv (außerordentliche persönliche Leistung, Genie) oder negativ (Opfer, Fremder etc.) verwenden lässt.

«Diese Not teilen all jene, die nicht in ihrer Muttersprache leben, die ihre Sprachen wechseln und die sich infrage gestellt erleben.» Warum ist der Umstand, wenn oder dass jemand außerhalb ihrer Muttersprache lebt, eine Not? Welches Denkbild unterliegt dieser reflexartigen, automatischen Wertung? Warum wird nicht das Positive der Weltenerweiterung durch die zweite oder dritte Sprache gesehen? Weil man als Opfer dazu gezwungen war? Wie unterscheidet sich der Zwang vom Zwang jeder Sozialisation? Denn kein Mensch kommt sozialisiert mit einer Sprache auf die Welt. Jeder Mensch muss mühsam die Sprache (und damit nicht nur das direkte soziale Umfeld, sondern auch das erweiterte, die Gesellschaft) erlernen. Sollen nur die Mühen des Sprachwechsels als Not gesehen werden? Weiters, ganz wichtig, warum wird das Leben in einer Fremdsprache, also nicht in der muttersprachlichen Sprachumgebung, als Grund für Infragestellung gesehen? Wie sollen da die üblichen Infragestellungen erklärt werden, die auch jene erfahren, die nur im muttersprachlichen Umfeld leben? Hier wird das Bild gezimmert, das Aufwachsen und Leben im Umfeld der Muttersprache verbürge eine Art von Homogenität, welche den armen Fremden, die gezwungen sind, sich in einer fremden Sprachgemeinschaft zu leben, vorenthalten ist, weshalb sie notwendigerweise sich infrage stellen. Aber jeder Mensch stellt sich im Laufe seines Erwachsenwerdens, seines Reifeprozesses in Frage. Das ist normal und nicht auf die Erfahrung von Fremdsprachlichkeit oder auf das Leben in fremder Sprachumgebung zurückzuführen.

Sprachwechsel ist für viele so unmöglich wie Gesellschaftswechsel. Aber es gibt keine generelle Unmöglichkeit bzw. Not oder Last. Die Andersheit, das Fremde, manifestiert sich nicht primär im Sprachlichen. Wäre dem so, hätten wir keine Probleme mit Aversion oder Verfolgung «Fremder», auch wenn diese die Mehrheitssprache des Landes, in dem sie wohnen, sprechen.

«Wie begegnen wir dem Anderen, auf welchen Wegen gelangen wir zu einem Verständnis und wodurch können wir die intime Erfahrung sprachlicher und kultureller Differenz schöpferisch nutzen?» Hier wird unterschwellig so argumentiert, als ob die Kultur des eigenen Sprachraums, also der Sprachfamilie, in die man hineingeboren wurde bzw. in welcher man sozialisiert wurde, eine homogene wäre. Das entbehrt jedes Beweises und zeigt nur eine bornierte Sicht von Geschlossenheit, die nicht existiert. Denn die Muttersprache wird nicht als Hochsprache sozialisiert, sondern als Dialekt oder Umgangssprache, welche in einer zweiten Sprachsozialisation die Hochsprache folgt. Im eigenen Land, in der «eigenen» Kultur zeigen sich, wenn man nur genau schaut und hört, enorme Unterschiede. Würden wir nicht dauernd übersetzen, wir verstünden uns nicht.

Ich weiß auch nicht, was die Autorin unter «intimer Erfahrung sprachlicher und kultureller Differenz» meint. Wie wird sprachliche Intimität gemessen? Ist sie gegeben, weil ich einen Dialekt verstehe und spreche? Ist sie noch intimer, wenn ich in mehreren Dialekten zu Hause bin? Oder gelten Dialekte nicht im Vergleich zu Hochsprachen? Kann jemand, der seine Muttersprache nie richtig erlernt hat, ungebildet mit einem Basisschatz auskommt, überhaupt „intime“ Erfahrungen sprachlicher Art machen, erfahren?

Ist es nicht gerade heute ein Problem, dass viele zwei, drei Sprachen sprechen, aber keine tief kennen und beherrschen? Ein Phänomen, auf das George Steiner schon vor vielen Jahren besorgt einging, das aber auch ein Philosoph und Soziologe wie Theodor W. Adorno schon früh ins Auge fasste (neben den soziologischen Essays sind seine in den «Noten zur Literatur» veröffentlichten eine wahre Fundgrube und Zeugnis hoher Bildung, schärfsten, geschliffenen Sprachverständnisses).

«Es geht aber nicht nur um das Individuelle: Nach wie vor steht der europäische Raum selbst vor der Frage seiner kulturellen Identität.» Das möchte ich bezweifeln. Das ist das strapazierte Klischee von Kurzdenkern und deren politischen Vertreterinnen. Wenn schon, müsste es im Plural formuliert sein. Es geht vielleicht auch um Identitäten, nie um die europäische Identität! Aber das ist kein Novum.

Literatur und ihre Übersetzung kann höchst verschieden erklärt werden. Die philosophische, ideologische Position bedingt den Blickwinkel, die Perspektive, den Werterahmen. Das kann positiv oder abträglich sein. In den verschiedenen Schulen lässt sich nicht nur ein Streit persönlicher Qualität nachverfolgen, sondern einer von Denkgebäuden und damit verbundener Implikationen. Man vergleiche z. B. die lebensphilosophisch bestimmte Sicht eines Literaturwissenschaftlers wie Friedrich Gundolf mit F. R. Leavis oder A. C. Bradley bzw. George Steiner und Raymond Williams, oder Walter Benjamin, Walter Muschg, Emil Staiger, Hans Mayer, um ein paar nur zu nennen. Ebenso bieten die vielen theoretischen Äußerungen bekannter Übersetzer ein tiefes Reservoir an Material zu Fragen des Wesens, der Aufgabe und Funktion von Literatur und Übersetzung. Nicht zuletzt liefert das breite Werk von Autoren, die nicht in ihrer Muttersprache schrieben, einen faszinierenden Stoff für mögliche Betrachtungen und Diskussion zum Thema, man denke nur an Joseph Conrad oder Samuel Beckett, aber auch Ezra Pound oder Arthur Koestler, Vladimir Nabokov oder Milan Kundera (und viele andere).

Europa und die Nationen. Europa und seine Sprachen. Europa und seine lingua franca des Englischen. Die Problematik der Sprachpolitiken, der Übersetzungen, der Rezeptionen ist alt und neu zugleich, weil sich nicht nur die Sprachen verändern, sondern auch die Gesellschaften und Nationen. 1981 veröffentlichte Karl Dedecius sein Buch «Zur Literatur und Kultur Polens». Dieser große Übersetzer und Vermittler geht darin im positiven Sinne lang und breit, hoch und tief, auf kulturelle, literarische und Übersetzungsproblematiken ein, die immer noch lesenswert sind. Dieses Buch erschien 31 Jahre vor dem hier besprochenen. Dass ich dort wesentlich mehr zum Thema finde, als im neuen, sagt etwas aus. Leider.

Marlis Lami: Queren. Zum Schreiben in vielen Sprachen. Gespräche. Wieser Verlag, Klagenfurt 2012; ISBN 978-3-99029-007-1

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