Diagonale Graz 2013

19.03.2013

Das Festival des österreichischen Films boomt, das Wetter ist schlecht, die Kinos voll. Selbst Experimentalfilme sind ausverkauft. Große Aufmerksamkeit erregte Ulrich Seidls «Paradies»-Trilogie an einem Stück, bereits 5 Stunden nach dem Beginn des Vorverkaufs war sie ausverkauft! Bei der Eröffnung am Dienstag Abend mit Ulrich Seidls «Paradies: Hoffnung» in der Grazer Helmut-List-Halle wurde Maria Hofstätter mit dem Großen Diagonale-Schauspielpreis 2013 ausgezeichnet.


Der diesjährige internationale Tribute-Gast Dominik Graf ist eine Ausnahmeerscheinung im deutschsprachigen Kino und Fernsehen und vor allem für seine scharfsinnigen und systemkritischen Krimis bekannt. Immer mehr Filme in englisch – viele österreichische Filme lechzen offenbar nach dem Weltmarkt und werden so sicherheitshalber gleich in Englisch gedreht, und die Diagonale Festivalkopien haben immer öfters englische Untertitel, die Digitaltechnik machts wohl preiswert möglich. Früher war doch meist die deutsche Originalfassung zu sehen.

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Film 1 – Robert Tarantino - Rebels without a team
Ein Film von Houchang Allahyari, 77min engl OmU

Filmemachen macht Spaß – vor allem besessenen Amateuren, die im Internet kostenlose SchauspielerInnen suchen und die richtige No-Budget Filme drehen, nur die 19,90 fürs Bandmaterial rechnen sie als Kosten ein. Horror und Trash mit Anflügen zum Krimi, alles ist möglich, Regie, Drehbuch, Kameramann, Tonmeister, Musik und manchmal noch Hauptdarsteller ist die selbe Person. Aber es kann passieren, dass sich der Hobbyregisseur in eine Schauspielerin verliebt, diese aber in einen anderen. Das war der rote Faden in Allahyaris respektvoller Dokumentation über Wolfgang, der wie besessen Filme dreht und dem offenbar die Ideen nicht ausgehen.

Der beim AMS arbeitslos gemeldete Wolfgang nennt sich als Filmemacher Robert Tarantino, als Musiker Wolfgang Morrison, seine Eltern haben kein Verständnis für das intensive Hobby ihres Sohnes, obwohl sie früher auch mal auf super-8 drehten. Es gibt aber eine eingefleischte Fangemeinde, denen seine Werke gefallen. Über technische Unzulänglichkeiten wie mangelnde Ausleuchtung sehen sie gerne hinweg.

* Der Spaß am Filmemachen kommt gut herüber. Ganz anders als Seidl beobachtete Allahyari die No-Budget Film- und auch Wrestlingszene in Wien.

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Film 2 – Mara Mattuschka/ Chris Haring – Perfect Garden
AT 2013, 80 min, engl. OF

Die Ingredienzien dieses Experimentalfilmes der «Altmeisterin» Mara Mattuschka sind ein Bordell mit vier Frauen und einem Mann, ein Mafiaboss mit Stretch-Limousine und seinen Geschäftspartnern, gelegentliche Zufallsgäste kommen hinzu. Ton und Bild sind gleichermaßen «innovativ», sprachexperimentell, Gesang mit Kindergeschrei wechseln mit Gedichten ab, in Englisch bis schweizerdeutsch. Was den Film zusammenhält ist eine ästhetische Choreografie der tanzenden Körper.

* für Freunde des experimentellen Tanzes sicher ein Genuss, für normale Zuseher von arthouse Filmen jedoch eine sehr ungewohnte Kost.

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Film 3 – Krimi von Dominik Graf - Das unsichtbare Mädchen.
D 2011, 105 min arte/zdf

An der bayrisch-tschechischen Grenze, dort wo es drüben in der Tschechei so viele Sexclubs gibt. Ein neuer Kommissar kommt aus Berlin und landet beim Ritterfest mal gleich im Bett einer Frau, deren Tochter seit 9 Jahren verschwunden ist. Für die Polizei ist der Fall abgeschlossen, das Kind für tot erklärt. Als jedoch jemand sie drüben gesehen haben will, gibt es wieder eine Leiche. Der Mann der toten Frau wird brutal verhört, als Schuldiger dargestellt und erhängt sich dann in der Zelle. Der Kriminaloberkommissar, ein Freund des vielleicht nächsten bayr. Ministerprädidenten ist aber in Wahrheit ihr Vater und vertuscht vieles. Ein ehemaliger Kommissar und der Neue decken die Sache auf gar nicht nach dem Willen der Regionalpolitiker auf.

* exquisiter Krimi, technisch freilich nicht ganz fürs große Kino gemacht.

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Film 4 - Jakarta Disorder
Dokumentarfilm, AT 2012, 88 min, OmeU, Regie: Ascan Breuer

Breuer arbeitet seit acht Jahren an diesem Projekt und hat rund 100 Stunden Material aufgenommen, man spürt in der Vielschichtigkeit des Dokumentarfilms die tiefgreifenden Recherchen. Wir sehen eingangs ein großes Modell einer modernen Großstadt, im Herzen der 25-Millionen Metropole Jakarta soll dort, wo jetzt viele Slums stehen eine schönere und saubere Stadt für die Reichen und die Mittelschicht entstehen. Millionen Arme müssten weichen.

Dagegen wehrt sich die Organiation UPC (Urban Poor Consortiums), an der Spitze hochaktive Aktivistinnen. Wardah Hafidz ist deren Chefkoordinatorin und Oma Dela eine weitere Aktivistin. Sie machen in den Slums mobil gegen brutale Zwangsräumungen, versuchen Politiker vor den Wahlen ihre Forderungen zu unterbreiten und eine schriftliche Unterstützung zu erlangen, vergebens. Erst als aus ihren Reihen ein Bürgermeisterkandidat kommt und auch die Wahlen gewinnt, ändert sich etwas.

Der Film zeigt die Sinnhaftigkeit politischer Organisation auch für die Ärmsten der Armen, die sich bereits mit dem Leben in den Slums arrangiert haben und keineswegs woanders leben wollen; klar, sauberes Wasser und Strom hätten sie schon gerne; aber die sich gegenseitig helfende Community und das gesellige Leben haben auch Vorteile. Man darf die Armut nicht nur materiell sehen; vielleicht ist ein reicher Alter, der einsam in seinem goldenen Haus dahinvegetiert so betrachtet noch ärmer dran?

* Präziser Dokumentarfilm über politische Organisation in den Slums von Djakarta und der Kampf gegen die Baulöwen, auch handwerklich überzeugend.

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Film 5 - Shqipëria – Notizen aus Albanien
Dokumentarfilm, AL/AT 2012, 72 min, OmeU, Regie und Buch: Klaus Hübner, Alfred Zacharias

Ganz anders dieser Film. Das Filmteam reist für 4 ½ Wochen nach Albanien, filmt mit Spiegelreflexkameras im Video-Modus, fährt 4000 km kreuz und quer durchs Land, und will das zeigen, was Wikipedia noch nicht an prominenter Stelle anführt, also nicht die Tausenden von Bunker, welche die «Steinzeitkommunisten» auf dem Lande hinterließen.

Es beginnt mit wunderschönen Landschaftaufnahmen und endet mit dem Appell Berishas doch als Tourist die legendäre Gastfreundschaft kennenzulernen. Kaleidoskopartig werden touristisch sehenswerte Landschaften und Objekte gezeigt, die Bemühungen umdie rasante Weiterentwicklung des Landes, speziell des Tourismus, der Protest gegen den Abbruch der berühmten Pyramide in Tirana und den Neubau des Parlamentes durch die Coop Himmelblau. Letztlich weiß man nicht so recht, was der Film soll, außer eine erlebnisreiche Reise durch dieses noch weitgehend unbekannte EU-Land zu dokumentieren. Und übrigens: das böse Gerücht es sei dort gefährlich, sei absolut nicht wahr, versicherten die Filmemacher in der Diskussion.

* Hundert Jahre Staat, fünfzig Jahre Isolation, zwanzig Jahre Kapitalismus. Low-Budget-Dokumentarfilm über Albanien, seine Naturschönheiten, seine Bestrebungen ein modernes demokratisches Land zu werden und seine Probleme damit.

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Film 6 - Schulden G.m.b.H.
Dokumentarfilm, AT 2013, 75 min Regie: Eva Eckert

Sensibel und ohne irgendwelche in die Schuldenfalle geratenen Personen zu denunzieren, zeigt der Dokumentarfilm die Maschinerie auf, die mit diesen Menschen ein gutes Geschäft machen. In Österreich hat der Schutz der Gläubiger erste Priorität und das Kontokorrent und Zinseszins-Prinzip machen aus überschaubaren Schulden bald astronomische, sie steigen exponential an!

* Wir begleiten Exekutions-Beamte des Oberlandesgerichtes, hören Schuldnerberater und Inkassobüros, Detektive und sehen Versteigerungen zu.

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Film 7 - Talea
Spielfilm, AT 2013, 75 min, Cinemascope, dtOmeU,
Regie: Katharina Mückstein
Buch: Selina Gnos, Katharina Mückstein
Darsteller/innen: Sophie Stockinger, Nina Proll, Philipp Hochmair, Rita Waszilovics, Eva-Maria Gintsberg, Andreas Patton, Lili Epply, Megan Werther u.a.

Die 14-jährige Jasmin lebt bei Pflegeeltern, ihre leibliche Mutter Eva ist im Gefängnis. Als sie dort entlassen wird, will Jasmin unbedingt mit Eva Kontakt aufnehmen, was diese anfangs kalt ablehnt. Doch es gelingt ihr ihre Mutter zu einer Reise in den Ort der Großeltern zu überreden, die aber nicht mehr leben. Eva nutzt die Chance auf schnellen Sex mit dem Wirt, inzwischen veröffentlicht die Kronenzeitung die Suche nach der angeblich verschwundenen Jasmin.

Der ursprünglich als Kurzfilm geplante Film wurde auf 75 Minuten gestreckt, einerseits sind manche langsame Einstellungen und lange Szenen angesichts der Sprachlosigkeit der Protagonisten angebracht, zeigen sie doch durch Körpersprache die Suche nach Nähe, andererseits sind manche Szenen – z.B, eine lange Kamerafahrt der fahrenden Jasmin kaum anders erklärbar. Das abrupte Ende ist ein weiterer Schwachpunkt.

* Für ein Erstlingswerk bemerkenswert, Nina Pröll ist wie immer in der Rolle, wenig Hoffnung auszustrahlen.

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Film 8 - Kurzdokumentarfilmprogramm 2:
Aus dem Auge
Regie: Matthias Zuder, 11 Min.
Experimenteller Doc über die riesigen «Kraft durch Freude»-Nazibauten auf Rügen.

Die Kamera fährt über einen extrem langen Gang in einem herunter-gekommenen Gebäude. «Der Krieg ist die Kultur der Vernichtung», heißt es einmal. Als Erholungsort mit Propagandawirkung erdacht, diente es nach dem Krieg einige Zeit der DDR-Volksarmee und es gab erneut Pläne für eine touristische Nutzung.

Paperwork
Regie: Sasha Pirker,
SD Video, 15 Min

Die faszinierende Architektur Oscar Niemeyers: das futuristische Verwaltungsgebäude einer Papierfabrik bei Turin und ihre riesige Papiermaschine – Lärm – Stille -interessante Perspektiven, aber leider in der Videotechnik von vorgestern aufgenommen.

Hände zum Himmel

18 Min.
Regie: Ulrike Putzer, Matthias van Baaren
Ein Konzert von Hansi Hinterseer - und eine Feldmesse des Tiroler Militärpfarrers, die mit Volksmusik begeisterbaren Massen genießen die Atmosphäre

Wall of Death

23 Min, Regie: Clemens Kogler
Heavy-Metal Fans als neue friedliebende Hippies? Interessanter Doc über ein musikalisches Phänomen – martialisch treten sie am Wochenende auf, normale angepasste Bürger sind sie unter der Woche. Den ultimativen Kick verspricht die «Wall of Death», wo eine Gruppe die eng auf der einen Seite steht, wild tanzend durch eine Gruppe die gegenüber ist hindurchzukommen versucht – da kann schon mal eine Körperverletzung vorkommen, obwohl man nach den Spielregeln zu Boden Gefallene wieder auf die Beine helfen muss. 60% sind Männer, die sich hier austoben, vollsaufen und so «therapieren» wollen.

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Film 9 - Das Venedig Prinzip (ital. OmeU)
Dokumentarfilm, DE/AT/IT 2012, 82 min, DCP, Regie: Andreas Pichler

Vor 20 Jahren lebten noch 200.000 Menschen dauerhaft in Venedig, 2011 waren es noch 59.000, weniger als nach der Pest. In 20 Jahren wird es niemand mehr sein, wenn es so weitergeht.Die gesamte Infrastruktur, wie Märkte, Postamt, Krankenhäuser und Schulen wird auf das Festland ausgelagert und sind so mit dem Boot, dem normalen Verkehrsmittel der Venezianer, unerreichbar. Dem Verfall geweihte Immobilien werden, schlampig restauriert, zu Preisen um EUR 12.000 pro m2 verkauft – an Ausländer oder für Unterkünfte für eine Nacht für Touristen. Besonders krass ist der Einfall der großen Kreuzfahrtschiffe, die bis zu 12.000 Tagestouristen ausspucken. Die letzten Einheimischen können sich das Leben in ihrem Geburtsort nicht mehr leisten und wandern auf das Festland aus, die gesamte nötige Infrastruktur zum Leben wird ihnen entzogen.

* Handwerklich gut gemachter Doc, der jedoch nicht viel Neues berichtet. Venedig verkommt bald zum reinen Disneyland für die Massentouristen.

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Film 10 - Paradies: Hoffnung
Ulrich Seidl, Spielfilm, AT/DE/FR 2012, 91 min,

Im dritten Teil der Paradies-Trilogie führt uns Ulrich Seidl in ein Diät-Camp in der Nähe von Wien, wo die juvenile Adipositas bekämpft werden soll. Mit faschistoidem Drill (das Wichtigste: Disziplin) und karger Kost sollen die Pfunde purzeln. So die Theorie. Doch die Praxis schaut anders aus, von nächtlichen Hungerattacken geplagt, wird nach Mitternacht die Küche ausgeraubt, Alkohol und Schokolade mit auf die Zimmer genommen, wo sich die Pubertierenden lautstark vor allem über Sex und «das erste Mal» unterhalten. Melanie verliebt sich in den Arzt der Institution, der durch seine unkonventionellen Behandlungsmethoden die gefährliche Beziehung fördert und mit dem Feuer spielt. So wird der Film unheimlich spannend, als er Melanie bei einer Gruppenwanderung in den Wald folgt und umarmt, oder als sie bewusstlos im Rausch in einer Bar zusammenbricht und von ihm behandelt wird, indem er sie – wieder im Wald - auf den Boden legt und beschnuppert.

Seidl ist bei dieser Umgebung gezwungen, seinen typischen Stil – starre Kamera und Weitwinkel in einem engen Raum – oft aufzugeben und zur Handkamera zu greifen. Neben der Wirkungslosigkeit der Therapie – zumindest fehlen jegliche Erfolgsberichte, die Abwaage nach der «Kur» wird im Gegensatz zu jener zu Beginn der Maßnahme nicht gezeigt – und die TeilnehmerInnen schauen am Ende alle noch gleich dick aus- wird neben der Hoffnung abzunehmen, auch die Hoffnung auf die erste große Liebe mit einem erfahrenen Mann zerstört.

Obwohl mir das Verhalten des Arztes in diesem Film wenig glaubwürdig erscheint, jedenfalls weniger als jenes der Sextouristin im ersten oder der religiösen Fanatikerin im zweiten Teil der Trilogie, ein sehr bemerkenswerter Film, vor allem die Darstellung der Jugendlichen überzeugt.

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Film 11 - Elektro Moskva
Dokumentarfilm, AT 2013, 89 Min, russ. OmeU
Regie: Elena Tikhonova, Dominik Spritzendorfer

Lenin soll einmal gesagt haben «Kommunismus ist Sozialismus plus Elektrifizierung». So beginnt der Film mit Footages von alten Propagandafilmen, welche den Fortschritt der UdSSR dank Elektrifizierung preisen. Einer der größten Erfinderpersönlichkeiten war Leon Theremin, der schon 1926 eine Art Fernsehüberwachung für das Militär erfunden haben soll, aber mit seinem berührungslosen «Theremin-Vox» eine Art ersten Synthesizer erfunden hat. Elektronische Sphärenklänge waren die passende Begleitmusik zur Weltraumeuphorie (Sputnik erster Satellit, Juri Gagarin – erster bemannter Raumflug) und sollten die Alternative zur verbotenen westlichen Rockmusik (Rolling Stones, Pink Floyd) sein. Die Geräte entstanden in der Freizeit der Ingenieure, praktisch aus Bauteilen vom Schrottplatz oder wurden in anderen Fabriken gestohlen; diese konzentrierten alle ihre Entwicklungen in den militärischen – oder Raumfahrtsektor (auch der erster sowjet. Röhrencomputer, 1956).

Der Film schwenkt dann über auf ganz ein anderes Thema, nämlich die Undergroundbands, die mit derartigen Synthezisern Musik machten bzw. heute noch machen, wozu Flohmärkte und Volks-Kulturhäuser abgesucht werden müssen, um noch funktionierende Exemplare oder auch nur Ersatzteile zu finden. Theremin soll übrigens noch kurz vor seinem Tode 1993 geglaubt haben, den Menschen verjüngen zu können bzw. Tote zum Leben erwecken zu können. Fast alle seine Schriften sind bis heute streng geheim!

* Sowjetnostalgischer Dokumentarfilm um die improvisierten und eher aus Zufall entstandenen elektronischen Musikgeräte aus der ehemaligen Sowjetunion, im zweiten Teil nimmt recht bizarre Elektromusik breiten Raum ein.

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Film 12 - Soldate Jeannette
Spielfilm, AT 2012, 79 min, dtOmeU., Cinemascope, DCP

Fanni kauft in einer Boutique ein teures Kleid. Sie wirft es aber unbenutzt in den Müll. Sie wird von Delogierung bedroht, bekommt noch gnadenhalber eine Woche Zeit, um die persönlichen Gegenstände zu verstauen, sie lässt auch diese Frist verstreichen; sie fährt einen Jaguar zur Probe und lässt ihn im Wald stehen, sie hebt 200.000 € einer Stiftung ab und verbrennt das Geld. Sie geht auf einen Bauernhof, wo sie als Magd arbeitet. Anna, eine andere Magd, die sexistische Sprüche über sich ergehen lassen muss und ein hartes Leben hat, wird von Fanni zum Ausstieg motiviert, doch Anna träumt eher von dem Leben, dass Jeannette vorher hatte...

Von der Festivalleiterin Barbara Pichler als ihr Lieblingsfilm und wichtiger Film des Festivals hochgelobt, mit Achtungserfolg beim Sundance Festival und einem Preis in Rotterdam ausgezeichnet, entstand der Film ohne Drehbuch und mit wenig Geld innert 8 Wochen, vieles war dem Zufall und der freien Improvisation überlassen. Einige schöne Bilder, einige schockierende Szenen (Schlachtung) und unterschiedlichste Musik zum Thema Täuschung und Wandel, sind die Bestandteile. Innovativ ist der Film in diesem Sinne sicher, aber wirklich Sinn ergibt diese gewollte Anarchie nicht, Widersprüche sind geplant.

* Eine gutsituierte Frau lässt sich aus der feinen Wiener Wohnung delogieren und zieht als Akt der Befreiung zu einem einfachen Bauern und mit einer anderen Magd dann davon. Anarchistisch!
Johanna Orsini-Rosenberg erhielt für ihre Rolle als Fanni in diesem Film den Diagonale Schauspielerpreis; und an Gerhard Daurer, Peter Kutin und Andreas Pils bekamen den Preis für das beste Sounddesign.

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Film 13 - Steirerblut
Spielfilm, AT 2013, 90 min
Regie: Wolfgang Murnberger nach der Romanvorlage von Claudia Rossbacher.

Der erste ORF-Regionalkrimi war bei beiden Aufführungen ausverkauft. Dass es auf dem Lande sauberer und friedlicher zugeht als in der Stadt, gilt schon lange nicht mehr. Korrupte Bürgermeister und Dorfpolizisten gibt’s scheinbar nicht nur in Kärnten, ebenso Kindesmissbrauch, Körperverletzungen und Vergewaltigungen. Der erste Verdächtige am Mord einer sexfreudigen Investigativjournalistin ist ausgerechnet der vorbestrafte Bruder der LKA-Beamtin, der die Wiederwahl des Bürgermeisters verhindern wollte; doch letztlich war das Tatmotiv nicht die hohe Politik, sondern banale Eifersucht.

* Nette Kriminalkomödie mit vielen aktuellen Seitenhieben. Wir können uns also auf die Regionalkrimis der anderen Bundesländer freuen!

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Film 14 - Deine Schönheit ist nichts wert
Spielfilm, AT/TR 2012, 85 min, türk.OmeU
Regie und Buch: Hüseyin Tabak

Aus der Sicht des 12-jährigen Veysel erzählt das Melodram die Problematik der Integration in Österreich und die Angst vor der Abschiebung. Veysels Vater ist Kurde und war bei den Guerilleros, er saß dafür in der Türkei im Gefängnis, hat die Tat bereut und die Strafe abgesessen, eigentlich dürfte ihm nach türkischem Recht in der Türkei nun keine Gefahr mehr drohen, meint die Fremdenpolizei, die sein Asylgesuch als politischer Flüchtling wohl ablehnen wird, es sei denn der Sohn wäre erstklassig in der Schule, doch da bringt Veysel kein deutsches Wort heraus. Er ist verliebt in Ana, eine Klassenkameradin, die sehr gut deutsch spricht. Er meint deshalb sie sei Österreicherin, doch sie ist aus dem ehemaligen Yugoslawien und wird abgeschoben.

Sein Bruder gerät in schlechte Kreise, dealt, kommt ins Gefängnis. Dort will er weder von seinem kurdischen Vater, noch seiner türkischen Mutter besucht werden, nur vom kleinen Bruder Veysel.
Poetischer Rahmen um den Film ist ein türkisches Gedicht «Deine Schönheit ist nichts wert», das er auf Deutsch übersetzen lässt und mit dem er Anas Herz gewinnen will.

Der Film hat bereits in der Türkei viele Preise gewonnen und zahlreiche Festivaleinladungen erreicht. Tabak studierte bei Patzak und Haneke an der Filmakademie. Sein nächstes Filmprojekt ist dem großen kurdischen Regisseur Yilmaz Güney gewidmet.

* Berührende Liebesgeschichte zweier nach Österreich geflüchteter Jugendlicher, die beide von der Abschiebung bedroht sind.

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Am Samstagabend wurden im Orpheum Graz die Preisträger der Diagonale feierlich bekanntgegeben. Als bester Spielfilm (Großer Diagonale Spielfilmpreis) wurde «Der Glanz des Tages» von Tizza Covi und Rainer Frimmel ausgezeichnet.

Der Schauspieler Philipp Hochmair am Thalia-Theater Hamburg kurz vor der Generalprobe zu «Woyzeck». Plötzlich taucht ein älterer Herr auf, der Walter heißt und sich als Onkel ausgibt, er sei Zirkusartist und Bärenringer gewesen. Philipp lädt ihn zur Generalprobe ein, doch er kommt nicht, lieber trinkt er in einer Hafenkneipe ein Bier und philosophiert, was gewesen wäre, wenn er als Junge zur See gefahren wäre. Philipp spielt auf mehreren Bühnen, seinen Hauptwohnsitz hat er in Wien. Eines Tages taucht Walter dort auf und will nur ein paar Tage auf der Couch schlafen. Es wird aber für länger werden. Walter scheint das schwarze Schaf in der Familie zu sein, niemand will ihn sehen, Philipp ist ein eitler Tropf, der sein Privatleben der Schauspielerkarriere opfert. Immerhin kann er als Babysitter für den Nachbarn, Asylant aus Moldawien sich sinnvoll beschäftigen. Die beiden Kinder wachsen ihm ans Herz und so plant er deren Mutter illegal aus Moldawien nach Wien zu schmuggeln. Ob ihm dies gelingt, bleibt offen.

* Ganz nachvollziehen kann ich die Entscheidung der Jury für diesen Film als Sieger unter den Spielfilmen nicht. Man sieht im Wesentlichen nur schwätzende Köpfe, die Erzählungen Walters, wie er sich beim Bärenringen schwere Verletzungen zugezogen hat, bleiben Worte. Außer ein paar Theaterausschnitten gibt’s optisch wenig Opulentes.

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Großer Gewinner der diesjährigen Festivalausgabe ist der Dokumentarfilm «Fahrtwind – Aufzeichnungen einer Reisenden» von Bernadette Weigel, dem gleich vier Preise zugesprochen wurden.
Der Publikumspreis ging an «Schlagerstar», Regie: Marco Antoniazzi, Gregor Stadlober, Dokumentarfilm über den Schlagerstar Marc Pichler AT 2013 90 Min.
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Großer Diagonale-Schauspielpreis in Kooperation mit der VDFS Verwertungsgesellschaft der Filmschaffenden für Verdienste um die österreichische Filmkultur.
Preisträgerin: Maria Hofstätter in Ulrich Seidls «Paradies: Glaube»

Diagonale-Schauspielpreis in Kooperation mit der VDFS Verwertungsgesellschaft der Filmschaffenden für einen bemerkenswerten Auftritt einer österreichischen Schauspielerin sowie eines österreichischen Schauspielers in einem Wettbewerbsfilm der Diagonale 2013.
Preisträgerin: Johanna Orsini-Rosenberg für «Soldate Jeannette»
Preisträger: Johannes Nussbaum für «Diamantenfieber – Kauf dir lieber einen bunten Luftballon»

Diagonale-Preis Innovatives Kino: Michaela Grill, «FORÊT D'EXPÉRIMENTATION».
Kurzspielfilm: Florian Pochlatko, «Erdbeerland».
Kurzdokumentarfilm: Friedemann Derschmidt, «Das Phantom der Erinnerung».
Preis der Jugendjury: Matthias Zuder, «Erbgut».
Preis für innovative Produktion: Wega Film für Liebe von Michael Haneke

Norbert Fink

  • Robert Tarantino; © Daniel Kundi
  • Perfect Garden; © Mattuschka/ Haring
  • Das unsichtbare Mädchen; © ARTE
  • Jakarta Disorder; © Golden Girls Filmproduktion
  • Shqipëria – Notizen aus Albanien; © Klaus Hübner/ Alfred Zacharias
  • Schulden G.m.b.H.; © NGF Geyrhalterfilm
  • Talea; © La Banda Film
  • Aus dem Auge; © Matthias Zuder
  • Paperwork; © Sasha Pirker
  • Hände zum Himmel; © Ulrike Putzer/ Matthias van Baaren
  • Wall of Death; © Clemens Kogler
  • Das Venedig Prinzip; © Filmtank 2012
  • Paradies: Hoffnung; © Ulrich Seidl Filmproduktion/ Stadkino Filmverleih
  • Elektro Moskva; © Rotor Film
  • Soldate Jeannette; © The European Film Conspiracy 2012
  • Steirerblut; © Allegro Film/ Petro Domenigg
  • Deine Schönheit ist nichts wert; © Dor Film/ Hüseyin Tabak

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