Der rosarote Balkon

16.03.2013

Axel Karner, ein Kärntner in Wien, schreibt Lyrik und Kurzprosa der intensiven, heftigen Art, wie wir sie eigentlich kaum mehr gewohnt sind in der schönen, braven Schreibwelt. Seine Poetik handelt vom Land und dem derben Landleben, von Sorgen und Nöten, die sich mit dem Schlimmsten verbinden und brutal ausdrücken, ohne deshalb in billigen Floskeln oder gängigen Invektiven zu verkommen.


Die Kurzprosa «Der rosarote Balkon», ein schmales Büchlein von nur 50 Seiten, liefert eine beklemmende Geschichte, die wie in ein Film, flackernd, flickernd, eindringlich sich eingräbt ins Hirn des Lesers. Die evozierten Bilder lassen einen nicht los, zu deutlich wird die Stimmung vermittelt, gerade wegen der gewählten Knappheit, der zügigen Straffung.

«Schweifen die Augen über den Platz, sehe ich beim Wirtshaus den braunen Hintern.» Und klar wird, in aller Kürze und Heftigkeit, worum’s geht. «Zwa Fraggelen. Mindestens.» Elende Figuren, die aber nicht jammern und opfern. Kälte, klirrend innen und außen. «Die Eisensteinfassaden atmen ein armseliges Leben.» Wo spielt sich das ab? War das oder ist es? «Foaht da eine ins Hian.» Kindheitserinnerungen und Projektionen mischen sich mit Alltag. «Fressen, saufen, Kinder machen – egal wo und wann. Pure Niedertracht.»

Niederträchtig hieß einmal, vor dem Ende des 15. Jahrhunderts, das niedere, trächtige Tier, bildete sich um zur Bedeutung von «herablassend» im Gegensatz zu «hochträchtig», den Oberen, Erhabenen. Die Niederträchtigen, die Unteren, der Schmutz und Schund, heute als bösartig gemein verstanden. Wie ein Nachhall tönt es aus Karners Worten. «Das Messer fährt in den Hals, Blut schießt ins Schaff. In der Zinkwanne wird die Sau gebrüht und geschabt.» Heute sind viele nicht abgebrüht genug, dies anzusehen, wenn es noch zu schauen gäbe. Da holen sich einige den Ersatz bei Nitsch.

Aber das ist weit entfernt. Bei Karner viel näher, direkt. Die Sprache kennt ihr Erbe. «Der Vater schlägt das Kind mit dem Kopf gegen die Wand.» Lustiges Landleben, wie man es aus keinen Heimatfilmen kennt. «Der Friedhof wächst auf den Schlachtresten und dem Schutt.» Das Leben im Hintaus, im Winkel, am Berg. Weit weg. «Da Kuati håt en Håns daschlågn. Ea riaht si neama. Ich håb des nit gwollt.» Wer weiß, was wer je wollte? Auf dem rosaroten Balkon zeigt der Blick ins Enge das Nichtgewollte, Triste. Kunstvoll, aber nicht beschönigt.

Axel Karner: Der rosarote Balkon
Wieser Verlag, Klagenfurt 2012. ISBN 978-3-99029-033-0

Gustav Schwedinger

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