Nicht im Abseits

12.03.2013

Ich schätze die verlegerische Tätigkeit von Haimo L. Handl im Driesch Verlag und auch die Zeugnisse seines literarischen Schaffens, die ich in der Zeitschrift Driesch immer wieder las. Jetzt aber geht es um die Kulturkolumnen, die Haimo L. Handl in den Jahren 2010 und 2011 im Band «Schnee von morgen» und von 2012 in «Abseits» herausgegeben hat.


Publiziert waren sie vorher auf kultur-online.net als sonntägliche Kolumne «Wort zum Sonntag». Gelesen hatte ich sie vorher nicht. Jetzt oblag es mir also, dreimal 52 Texte zu lesen. Das ist ein schweres Geschäft, denn leicht verdaulich sind sie nicht, diese Kolumnen, gottlob, sondern harte Kost.

Jede für sich an einem Sonntag zu lesen ist zweifellos ein Vergnügen, denn der Autor nimmt ein aktuelles Thema, einen Vorfall zum Anlass, Zeitkritik zu üben. Das tut er in der gesellschaftlichen Verantwortung des Intellektuellen, das tut er als einsamer Rufer in der Wüste, als Kassandra, so fürchtet man, wenn man sich den Zeitgeist betrachtet. Da wird schnell klar, gerade wenn man die Kolumnen aus drei Jahren am Stück liest, dass sich nichts, aber auch gar nichts geändert hat. Und dennoch, solche Rufer in der Wüste sind keineswegs obsolet, es ist nachgerade die Pflicht der geistigen Elite, aufzudecken, zu warnen, Zeichen zu deuten, den Blick nicht abzuwenden und vielleicht fällt ja doch ein Wort als Samenkorn in eine fruchtbare Erde.

Da ist zum einen die Sprache, die Handl immer wieder als wichtiges Kulturgut beschwört und deren Niedergang er bedauert. Floskeln, genormte Begriffe, unüberlegte, ja falsche Wendungen, wie «Der Krieg bricht aus» geißelt er und regt an, über die richtige Wortwahl nachzudenken und nicht gängiges Neudeutsch nachzuplappern. Ein «Kurzsprech», das aus einem «Kurzdenk» resultiert, ist für ihn, der selbst einer geschliffenen Sprache mächtig ist, ein Gräuel.

Womit wir beim Denken wären, das Handl kompromisslos von jedem einfordert. Sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, diese Forderung der Aufklärung zieht sich durch alle seine Texte. Dabei formuliert er seine eigenen Gedanken und Überzeugungen klar und zuweilen auch provokant. Man muss nicht immer seiner Meinung sein, besser sogar manchmal, wenn man sich selbst nicht in seiner Auffassung bestätigt fühlt und nicht fröhlich abnickt.

So ging es mir das erste Mal, als er den deutschen Publizisten Thilo Sarrazin in Schutz nahm und sich sofort Empörung in mir meldete. Schnell begriff ich, dass er genau dieses Gutmenschentum, dieses einfach gestrickte «Das darf man doch nicht unterstützen» aufs Korn nimmt. Denn wohin es führt, wenn Meinungsfreiheit eingeschränkt wird, wenn Bücher gar verbrannt werden, das haben uns die Nationalsozialisten vorgemacht. Immer wieder zitiert er den Biedermann und die Brandstifter und sogenannte Saubermänner im Blockwartstil. Political correctness ist ihm zuwider. «Satire muss verletzen dürfen» schreibt er hinsichtlich der Mohammed-Karikaturen.

Ein anderes Thema betrifft die Bildungsmisere. Das generell vereinfachende Schema prangert er an, das sich hier etabliert hat: Die Lehrer sind schuld und nicht etwa soziale Missstände oder gar die Eltern. Nein, in der Bildung wie überall, es muss leicht gehen, ja keine Leistung einfordern, das geht von der Schule bis zur Universität, wie die Plagiatsaffären in Deutschland beweisen. Als Gegenentwurf fordert der Autor statt Wissen Bildung, also Zusammenhänge, zu vermitteln. Nur ist wohl ein gebildeter, denkender Mensch, eine Persönlichkeit also, für die kapitalistische Arbeitswelt weniger geeignet als ein funktionierender Mensch, befürchtet er.

Alles, was zu stark simplifiziert wird, wo schnell eine Hatz auf einen Sündenbock losgetreten wird, wo pauschale Verdächtigungen und Vorverurteilungen ausgesprochen werden, überall da wettert Handl mit Vehemenz. Und manchmal verfällt er gar selbst in ein Pauschalurteil. So muss ich energisch widersprechen, dass kreative Schreibkurse horrible sind, weil man da nichts lerne. Darum geht es auch nicht, sondern um das Entdecken der eigenen Kreativität. Bei uns sind dabei wunderschöne Texte entstanden!

Auch beim Begriff «tödliche Radioaktivität» stutze ich, denn die natürliche Radioaktivität, der wir alle ausgesetzt sind, ist keineswegs tödlich. Ob sie im Gegenzug nützlich ist, darüber streiten sich die Wissenschaftler. Übrigens gibt es keinen Super-GAU, denn der GAU ist der größte anzunehmende Unfall, schlimmer geht nicht.

Komplett der Meinung des Autors schließe ich mich beim Thema Gier, Konsumhörigkeit und Wachstumswahn an. Dass Konsumverweigerung unethisch sei, dass man solche Menschen gar mit einer Steuer belegen solle und dass Menschen, die keine Schulden machen, an den Pranger gehören, dieser Sarkasmus gefällt mir. Und auch die Frage warum die Politik 40 Jahre lang nicht das Wissen umsetzte, das im Buch «Die Krise. Europa und die Grenzen des Wachstums» schon 1974 beschrieben wurde.

Dass sich Handl zum Anwalt der Armen, der Ausgegrenzten macht, auch das lese ich mit Freude. Obdachlose oder Roma, gegen die vom Stammtischler mehr staatliche Sanktionen gefordert werden, diesen modernen Faschismus duldet der Zeitkritiker nicht und stellt fest: «Keiner hat durch einen Roma seinen Arbeitsplatz oder sein Vermögen verloren.» Dass der Ruf nach mehr Sicherheit zu mehr Überwachung und zur Aufhebung der Freiheit führt, das stellt er immer wieder klar vor Augen. Im Gegenzug fordert er die Kehrseiten des Pluralismus und der Freiheit zu ertragen. Dies aber erfordere Reife und mache Arbeit. Wie wahr! Dass die aktuelle Krise durch Banker, Ökonomen und Politiker verursacht wurde, das werde allzu schnell vergessen. Aber es sei ja wohl unumstritten, dass es eine Umverteilung zugunsten der Reichen gebe.

Als Deutsche freue ich mich natürlich, dass Handl die Germanophobia kritisiert, dass er klar ausspricht wie sich Deutschland zwischen der zu melkenden Kuh und dem Sündenbock je nach Tagessituation aufhält. Bei Erfolgen als Nazis verschrieen, und feige genannt, wenn man nicht in den Krieg ziehen will, Deutschland mache es für das Ausland prinzipiell falsch, deckt der Österreicher zu meiner Genugtuung auf.

Was für uns alle gleichermaßen gilt, ob Deutsche, Österreicher oder andere Europäer wie auch US-Amerikaner, das ist die von Handl so genannte «Als-ob-Kultur» oder «Digest-Kultur» oder neuerdings «Wisch-Kultur». Alles bleibe an der Oberfläche, nichts werde gründlich reflektiert, immer wird eine neue Sau durchs Dorf getrieben und so schnell wieder vergessen wie die Jagd auf sie begann. Jeglicher Weitblick sei verloren gegangen und so plädiert Handl erfreulicherweise für einen humanen, differenzierten Umgang mit dem Menschen und seinen Verfehlungen.

Zusammengefasst: Freiheit in Verantwortung, das ist die immer wieder ausgesprochene Forderung in all den Kolumnen. Handl schlägt vor: Immer wieder das Unmögliche versuchen, um das Bestmögliche zu erreichen. Auch wenn es mühselig, nicht einfach ist, auch wenn womöglich keiner zuhört. Jeder habe die Wahl, sich zu verweigern, nicht beim Übergang in eine transhumane Welt mitzuspielen, nicht als vernetzter Mensch oder besser «aufgewertetes Maschinenteil» nur noch zu funktionieren. Nein, sich als eigenverantwortlicher Mensch seine eigenen Gedanken zu machen und danach zu handeln.

Die Kulturkolumnen von Haimo L. Handl geben dazu in all ihrer Härte und Kompromisslosigkeit, gerade eben auch, wenn man sich als Leser provoziert fühlt, wesentliche Anstöße. Monika Gierth

Monika Gierth ist Redakteurin von KulturBegegnungen, Warngau, Bayern

Haimo L. Handl: Schnee von morgen. Kulturkolumnen 2010-2011. Drösing 2012. ISBN 978-3-902787-01-9

Haimo L. Handl: Abseits. Kulturkolumnen 2012. Drösing 2013. ISBN 978-3-902787-08-8

weiterführende Links:

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Verlagsseite Abseits

  • Cover 'Abseits' H. L. Handl
  • Cover 'Schnee von morgen' - H. L. Handl

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