Das (gar nicht) alltägliche Wien

09.03.2013

Von den Lebenserinnerungen und -betrachtungen einer grantelnden 86jährigen Rentnerin, deren größte Sorge ihrem abhanden gekommenen Hund Stupsi gilt, auf dessen Existenz sich ihr soziales Dasein verengt hat, schlägt Chobot einen vergnüglichen, ebenso detailreichen wie informativen Bogen in seinen «Wiener Erkundungen», die in der Wichtelgasse beginnen und würdig enden in seiner akribischen Analyse des typischen österreichischen Vereinsmeiers. Die Erkenntnisse, die dabei gewonnen werden, sind häufig skurriler Art, wirken aber im Kontext durchaus stimmig, so zum Beispiel, wenn die Rudelbildung von Hirschen außerhalb der Brunftzeit als Keimzelle des Vereinswesens ausgemacht wird.


Die philosophischen Betrachtungen, die über die grundlegenden Unterschiede zwischen Hausen, Wohnen und Residieren angestellt werden, bilden ein weiteres Kapitel, betrachtet aus verschiedensten Blickwinkeln unterschiedlichster Personen, unterfüttert mit Zitaten des österreichischen Psychiaters Erwin Ringel.

Dazwischen wird kräftig gemenschelt in der Schilderung ungleicher Paare, deren Altersunterschied mehr oder weniger extrem auseinanderklafft – wobei auch bekannte oder berühmte Personen benannt werden oder zu Wort kommen. Ganze Kapitel sind Werbefahrten in ihrem typischen Verlauf oder der Atmosphäre des Schlussverkaufs gewidmet. Und nicht der elegantere (teurere) Wiener Naschmarkt wird genannt, sondern der billige, bodenständige, stark «multikulturell» geprägte Brunnenmarkt, der allerdings mittlerweile samt seiner sich allmählich gentrifizierenden Umgebung am besten Weg ist, das zu werden, was man heutzutage «Kult» nennt. Dass man nebenbei immer wieder wissenswerte historische Details erfährt, wie zum Beispiel der Brunnenmarkt zu seinem Namen kam – 1786 gestattete Kaiser Joseph II der Gemeinde Neulerchenfeld einen Brunnen zu errichten, der vom Wasser der Hofwasserleitung gespeist wurde – soll nicht unerwähnt bleiben.

Fast unumgänglich natürlich ein Kapitel über das berühmte Wiener Wasser, das über die beiden kaum weniger berühmten Wiener Hochquellenleitungen von Rax und Schneeberg herangeschafft wird, aber auch die monströsen, über die Stadt verteilten Flaktürme, Relikte des zweiten Weltkriegs, werden ausführlich historisch und auch bezüglich ihrer zeitgemäßen Möglichkeiten zur Benutzung gewürdigt.

Alte Donau, Müllabfuhr und Gänsehäufel (klassische Sommerfrische der Wiener, Insel in der Alten Donau) bilden ein weiteres buntes Panorama des Wiener Alltagslebens, das der Autor mit viel Liebe und Akribie schildert, bewusst abseits der Prachtstraßen, Palais und sonstiger Tourismusmagnete.

Formal bildet die vorliegende Textsammlung ein dichtes Geflecht von Beschreibungen und Stimmen, die kaleidoskopartig auftauchen und verschwinden, bis sie sich im Überblick in ihrer Mannigfaltigkeit zu einem vollständigen Puzzle zusammensetzen.

Wussten sie übrigens, dass das Krapfenwaldlbad seinen Namen nicht von den Oberweiten der dort angeblich überdurchschnittlich attraktiven weiblichen Klientel hat, sondern von einem gewissen Franz Joseph von Krapf, dessen 1751 erbautes Gasthaus sozusagen den Nucleus des später darum herum errichteten Bades bildete, oder dass Österreich nicht nur im Skisport, sondern auch im weit weniger bekannten Slotracing-Sport international ziemlich angesehen ist? Das und noch mehr erfahren sie in «Lebenslänglich Wichtelgasse».

Manfred Chobot: Lebenslänglich Wichtelgasse – Wiener Erkundungen
Löcker, Wien 2012
ISBN 978-3-85409-633-7

Gabriele Folz-Friedl

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  • Cover Chobot: Lebenslänglich Wichtelgasse

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