Zero Dark Thirty

05.02.2013 Walter Gasperi

Nachdem Kathryn Bigelow mit dem Irakkiegsfilm «The Hurt Locker» bei der Oscarverleihung 2010 triumphiert hat, zeichnet sie in «Zero Dark Thrity» die zehnjährige Jagd des CIA auf Osama bin Laden nach. - Kein patriotisches Epos, sondern ein nüchterner, quasidokumentarischer, aber ungemein packender Bericht, der durch den Verzicht auf eine klare Position den Zuschauer nicht manipuliert, sondern ihn zwingt, selbst zu urteilen.


Politisch wie seit den 1970er Jahren nicht mehr zeigt sich das US-Kino in den letzten Monaten. Ben Affleck erinnert in seinem Politthriller «Argo» an die Geiselnahme in der US-Botschaft in Teheran im Jahre 1979/80, Steven Spielberg legte mit «Lincoln» ein Lehrstück über Demokratie vor und Kathyn Bigelow widmet sich in «Zero Dark Thirty» dem amerikanischen «War on Terror», der das erste Jahrzehnt des dritten Jahrtausends prägte.

Schwarz bleibt die Leinwand nach dem Insert «11. September 2011». Man hört Mitschnitte von Telefongesprächen zunehmend verzweifelter Opfer, die bei diesem Terroranschlag auf das World Trade Center das Leben verloren. Die Bilder dazu müssen im Kopf des Zuschauers aufsteigen. Ohne Überleitung springt Bigelow von dieser erschütternden Auftaktszene mit einem Insert ins Jahr 2003 mitten in eine Folterszene in einem nicht lokalisierten Geheimgefängnis des CIA. Ein Neffe Osama Bin Ladens soll mit Waterboarding, Nahrungsentzug oder, indem er an einem Hundehalsband herumgeführt und dann in eine kleine Kiste gesperrt wird zum Sprechen gebracht werden.

Bigelow kommentiert nicht, sondern zeigt schonungslos, lässt den Zuschauer die Szene durch eine unruhige Kamera und dynamischen Schnitt hautnah miterleben, macht ihn zum Augenzeugen, wie die hier noch mit einer schwarzen Kapuze vermummte rothaarige Maya (Jessica Chastain), die geschockt dem Verhör folgt, im Lauf des Films aber zunehmend aktiv wird, auch selbst verhört und Befehl zum Foltern gibt, sich in die Jagd auf Osama Bin Laden regelrecht verbeisst und ihre Vorgesetzten vor sich her treibt.

Nichts erfährt man über das Privatleben oder die Biographie dieser jungen Frau, die gleich nach der Highschool zum CIA kam, ganz für ihren Job scheint sie zu leben. Diese Undurchschaubarkeit, die dem Zuschauer großen Interpretationsspielraum lässt, macht sie aber auch zu einer faszinierenden Figur.

Diese Reduktion auf den Job und den «War on Terror» kennzeichnet den ganzen Film, dessen Titel sich auf die Uhrzeit 00.30 Uhr bezieht, zu der am 2. Mai 2011 die Operation «Neptune´s Spear» begann, deren Ziel es war, Osama Bin Laden in seinem Versteck in der pakistanischen Stadt Abbottabad aufzustöbern und zu töten. Es gibt in «Zero Dark Thirty» keine privaten Geschichten, keine Szene spielt in einem privaten Raum, sondern ausnahmslos in Geheimgefängnissen, Stützpunkten und der Zentrale des CIA oder Orten, auf die ein Anschlag verübt wird.

Bigelow bietet auch kaum Hintergrundinformationen, will nicht analysieren, sondern quasidokumentarisch in einer Mischung aus Fakten und Fiktion die Chronologie der Ereignisse nachzeichnen. Sie bleibt kühle, objektive Beobachterin, bezieht keine Position. Unpolitisch ist ihr Film deshalb noch lange nicht, denn gerade mit dieser Haltung vereinnahmt sie den Zuschauer nicht, sondern überträgt ihm die Verantwortung selbst, die Ereignisse moralisch zu beurteilen.

Den fieberhaften Recherchen auf der einen Seite, die durch Kapitelüberschriften gegliedert werden, stehen die historischen Anschläge von London am 7. Juli 2005, auf das Marriott-Hotel in Islamabad am 20. September 2008 gegenüber, die durch Zeit-und Ortinsert genau verankert werden.

Nicht ganz so dicht wie «The Hurt Locker», der sich ganz auf ein Minenentschärfungsteam im Irakkrieg beschränkte, ist «Zero Dark Thirty» im häufigen Szenenwechsel und der sich über zehn Jahre erstreckenden Handlung, vermittelt aber eindringlich die permanente Gefahr eines Anschlags und unterschwellig auch die Traumatisierung einer ganzen Nation. Aufgezeigt wird dabei in einer Szene aber auch der Stimmungswechsel mit der Ablösung der Bush-Regierung durch Obama: Folterungen, die unter Bush akzeptiert wurden, stellt sein Nachfolger ein, um die moralische Integrität der Großmacht der Welt gegenüber wieder herzustellen.

Davon abgesehen bleibt die konkrete Politik aber weitgehend außen vor, dafür verdichtet Bigelow Szenen wie ein geplantes Treffen mit einem vermeintlichen Informanten oder die Beschattung eines Mittelsmanns im verkehrsreichen pakistanischen Peschawar immer wieder zu Sequenzen nervenzerreissender Spannung.

Ganz bei sich – und in der Tradition von «The Hurt Locker» - steht dann der furios inszenierte Showdown, wenn ein Team von Elitesoldaten wie die US-Kavallerie in einem Western mit zwei Hubschraubern aufbricht, um Osama bin Laden zu stellen und zu töten. Wie Bigelow im schummrigen Grün von Nachtsichtkameras minutiös das Vordringen von Tür zu Tür in bin Ladens Versteck schildert, ist ein Meisterstück an Hochspannungskino, das der 60jährigen Amerikanerin so schnell niemand nachmacht.

Maya bleibt da nur noch die Aufgabe den Toten zu identifizieren, doch statt Erlösung und Erleichterung, scheint dieser Abschluss des Jobs bei ihr vielmehr ein Gefühl der Erschöpfung und Leere auszulösen. Statt ein befreites Lachen stehen Tränen am Ende, ein starkes Schlussbild, in dem sich emblematisch der Zustand einer erschöpften und auch orientierungslosen Nation spiegelt.

Läuft ab Freitag, 22.3. im Kino Bludenz

Trailer zu «Zero Dark Thirty»

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