2 Tage Paris

22.05.2007 Walter Gasperi

Schauspieler als Regisseure – früher mit Orson Welles und Charles Laughtons Solitär «Night of the Hunter» die Ausnahme, heute von Steve Buscemi über Sarah Polley und Antonio Banderas bis Gael Garcia Bernal schon fast zum guten Ton der Jungstars gehörend. – Und nun Julie Delpy, die mit ihrem Debüt an ihre Hauptrollen in Richard Linklaters romantischen Liebesfilmen «Before Sunrise» und «Before Sunset» anknüpft.


In Richard Linklaters «Before Sunrise» verbrachte Delpy als Französin Celine mit dem von Ethan Hawke gespielten Amerikaner Jesse einen Nachmittag und eine Nacht in Wien und 15 Jahre später ließ derselbe Regisseur sie sich in «Before Sunset» in Paris für einen Nachmittag nochmals begegnen. Delpy, die am Drehbuch des zweiten Films schon mitschrieb, knüpft mit ihrem Debüt unübersehbar an diesen Liebesfilmen an, bricht aber auch konsequent mit deren Romantik.

Kein charmanter Spaziergang entlang der Seine, kein warmes Nachmittagslicht. Wie im Irak kommt sich der Amerikaner Jack (Adam Goldberg) in einer Szene vor und den Sehenswürdigkeiten von Paris verweigert sich Delpy mit Ausnahme des unerlässlichen Blicks auf den Eiffelturm konsequent, präsentiert dafür rassistische Taxifahrer und Straßendiebe. Um ein Raumgefühl und Romantik aufkommen zu lassen ist die Digitalkamera auch den Figuren viel zu nah. Wie ein Home-Movie wirkt «2 Tage Paris» nicht nur durch die permanenten Großaufnahmen, mit denen unerbittlich in die Privatsphäre eingedrungen wird, sondern auch durch die Besetzung: Delpy selbst, die nicht nur für Regie, sondern auch für Buch, Schnitt und Musik verantwortlich zeichnet, übernahm eine der beiden Hauptrollen, die ihres Filmfreundes spielt mit Adam Goldberg ihr Ex-Freund im Leben und die Rolle ihrer Filmeltern besetzte sie mit ihren leiblichen Eltern.

Für zwei Tage kommen die Französin Marion (Julie Delpy) und ihr Freund Jack (Adam Goldberg), die seit zwei Jahren ein Paar sind und vorwiegend in New York leben zum Abschluss einer Europa-Reise in Marions Heimatstadt Paris. Besuche bei den Eltern, aber auch Treffen mit Freunden stehen an und beides belastet die Beziehung, denn Jack ist nicht nur ein Hypochonder, sondern auch schon fast krankhaft eifersüchtig. Lustvoll spielt Delpy mit den Klischees der Amerikaner über Franzosen und der Franzosen über die Amerikaner. An die frühen Filme von Woody Allen erinnert nicht nur der neurotische Jack, sondern auch die Rasanz der Dialoge und der schnelle Schnitt.

Tempo gewinnt «2 Tage Paris» so und witzig ist der Beginn, doch Delpy schielt in der hektischen Erzählweise geradezu auf diese Witze, fordert den Zuschauer geradezu auf zu lachen, statt ihn durch Beiläufigkeit ganz nebenbei einzuladen aus sich selbst heraus zu lachen. Angestrengt originell wirkt hier die Visualisierung von Gedanken durch Strichmännchen und auch irgendwie gezwungen lustvoll in der Pointengeilheit das Spiel von Delpys Bekannten. Bei allem vordergründigen Esprit wirkt dieses Debüt so schal und ermüdend im zwanghaften Bemühen permanent witzig zu sein, aber auch im penetranten Spiel mit Witzen aus dem Bereich des Sexuellen. Ein- oder zweimal mag das Thema zum Lachen reizen, in der Wiederholung liegt aber der Tod jeden Witzes und so sehr jede einzelne Szene durch brillante Dialoge bestechen mag, so sehr stören sich diese anekdotenhaft aneinander gereihten Einzelszenen gegenseitig. - Einzelne Momente sind hier weit überzeugender als ihre Addition.

Nicht gut steht diesem allzu selbstgefällig als saloppe Komödie sich selbst ausstellenden Film auch der weltpolitische Subtext. Auch hier reizen einzelne Seitenhiebe gegen die USA und George Bush zum Lachen, doch wenn diese Ebene vom Irakkrieg über weltweiten Terrorismus bis Afghanistan, von Kindesmissbrauch in den Entwicklungsländern bis zum Protest gegen Fast-Food-Ketten - Anlass für einen überflüssigen Kurzauftritt Daniel Brühls - permanent gespielt wird, wirkt das einfach nur noch penetrant und aufgesetzt.

Was «2 Tage Paris» fehlt, sind Bescheidenheit und Understatement. Grell und schnell muss alles ausgespielt werden, leise Zwischentöne und sorgfältige Charakterisierungen sind nicht gefragt. Da geht dann auch der Charme des scheinbar Improvisierten und Verspielten schnell verloren.

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