Es wäre schön, kein Schriftsteller zu sein

09.02.2013

Der Residenz-Verlag öffnet die Tagebücher eines großen Außenseiters der österreichischen Gegenwartsliteratur: In seinem Werk richtete der Salzburger Schriftsteller Gerhard Amanshauser (1928-2006) den Blick stets auf die Einzelgänger, die sich dem seltsamen Treiben der modernen Gesellschaft mit Vehemenz verweigern.


Schon in seinen ersten Büchern (etwa «Aus dem Leben der Quaden», oder «Terrassenbuch») ziehen sich die Hauptfiguren in schäbige Zimmer, auf Dachböden oder Terrassen zurück («Die Terrasse ist mein Exil»), um von diesen Beobachtungsposten aus ihre Eindrücke zu sammeln und mit den Mitteln der Satire und Ironie den Zustand der Welt zu hinterfragen.

In den im vergangenen Herbst publizierten Tagebuchaufzeichnungen Amanshausers mit dem schönen Titel «Es wäre schön, kein Schriftsteller zu sein», eröffnet sich dem Leser nun das Bild eines Autors, der konsequent für sein Werk einstand. Amanshauser lebte zurückgezogen in seinem Haus am Salzburger Festungsberg; für den Literaturbetrieb und seine eitlen Spielereien, für die Jagd nach Ruhm und Erfolg hatte er ebenso wenig übrig wie für jegliches politische System und den ständig wachsenden Größenwahn der Zeit.

Es mag zum einen auf diese radikale Haltung zurückzuführen sein, zum anderen auf die Tatsache, dass dieser Autor nie den «großen», publikumswirksamen Roman vorgelegt hat (sein Roman «Schloss mit späten Gästen» war mehr Satire denn Roman), sondern überwiegend den kleinen Formen – Marginalie, Satire, Parodie, Essay – treu geblieben ist, weshalb Gerhard Amanshauser zeitlebens ein sogenannter «Geheimtipp» blieb, in den 70er Jahren von medienwirksameren Zeitgenossen wie Bernhard und Handke überflügelt, in den 80er Jahren schon beinahe aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwunden.

Seit einiger Zeit wird dem im Jahr 2006 verstorbenen Autor jedoch gerne so manches Etikett umgehängt: vom «bedeutendsten unter Österreichs bisher unentdeckten Autoren» bis hin zum «verkanntesten großen Schriftsteller Österreichs» reicht die Palette der feuilletonistischen Prägungen, für die Amanshauser selbst – das lässt sich nach der Lektüre seiner Tagebücher sagen – wohl nur Hohn und Spott übrig gehabt hätte.

Die umfassenden Tagebuchaufzeichnungen, die von 1964 bis 1999 reichen, liefern neben Anmerkungen zum (recht übersichtlichen, geradezu beschaulichen) Tagesgeschehen, Beobachtungen zu meteorologischen und kosmischen Phänomenen sowie zahlreichen Reisenotizen vor allem einen spannenden Einblick in die österreichische Kulturszene zu einer Zeit, da sich die heimische Literatur auf einem künstlerischen Höhepunkt befand. Ausführlich berichtet Amanshauser von Dichtertreffen mit Canetti und Handke, Aichinger und vor allem H.C. Artmann (mit dem manch feuchtfröhlicher Abend auf dem Programm stand).

Der Austausch mit anderen Autoren verlief jedoch zumeist unergiebig, Amanshauser merkte schnell, dass er nicht «dazu gehört», dass er in dem lächerlichen Spiel um Bedeutung nicht mitmachen will. So kehrte er etwa immer wieder aufs Neue schwer ernüchtert vom jährlichen Autorentreffen in Rauris zurück:

Rauris, 16. Januar 1972: Alpträume des Dichtertreffens. (...) Ich fühle mich erbärmlich. Nur im eigenen Zimmer, daheim, zwischen den Büchern, kann ich meine Haltung bewahren. Sind Dichter «Kollegen»? Kultur als Aushängeschild. Jeder ist hier zum Zweck der Reklame. (...) Kritik nur hinter dem Rücken, hämisch. Der Blick, mit dem ich die Anbiederung an Prominente sehe, wie die wenig Bekannten die sehr Bekannten belagern, wie die sehr Bekannten den wenig Bekannten «Kollegialität» erweisen – der Blick, mit dem ich das sehe, mein eigener Blick, beschämt mich. (S.34/35)

Besuche auf Buchmessen bedeuteten für den radikalen Skeptiker den regelrechten «Bücher-Alptraum», bei dem ihn das Bedürfnis überkam, «sich zwischen so viel Papier zu betrinken oder irgendeine Irrsinnstat zu vollbringen», Ehrungen oder Feiern zur Veröffentlichung eines neuen Buches wurden zur «perfekten Donquichotterie» ernannt, eigene neue Werke mitunter als «zwielichtige Produkte» bezeichnet; der scharfe Blick, der den Stilisten stets auszeichnete, war zuallererst gegen sich selbst gerichtet. Dieser umfassende Pessimismus hat mit Amanshausers Lebensgeschichte zu tun: Kurz vor Kriegsende war er als 17Jähriger HJ-Führer und er gibt sich rückblickend auch keinerlei Illusionen hin, wenn er etwa an einer Stelle seiner Aufzeichnungen festhält: «Ob einer Verbrechen begeht oder nicht, hängt in den meisten Fällen von Umständen und Zufällen ab.»

Der Beengtheit des österreichischen Literaturbetriebs (Februar 1984: «Der Wunsch, von der anerkannten Literatur wegzukommen») und den stets als misslungen empfundenen Schreibversuchen entkam Amanshauser vor allem mittels des Blicks in die Ferne; die Kultur des Fernen Ostens, die Schauspiele des Himmels oder überhaupt die Natur vermochten den Autor zu begeistern und ließen ihn das Leben letztlich doch als etwas Wunderbares begreifen. So stehen den zahlreichen gereizten, manchmal höhnischen Betrachtungen zu Gesellschaft und Kultur ebenso viele feinsinnige, geradezu verträumte Naturbeschreibungen gegenüber. Speziell in der Gartenarbeit fand Amanshauser ein stilles Glück, das dem Vergleich mit der Schreibarbeit nicht standhalten konnte:

1976: Bei schönem Wetter wäre die Handarbeit im Freien bei weitem der heutzutage nutzlosen künstlerischen Artistik vorzuziehen, für die keine Kenner mehr vorhanden sind. Die Schriftstellerei ist, wie R. Walser sich ausdrückte, «für die Katz». Die Holzschindeln dagegen hält man in der Hand, nagelt sie gegen den Regen, einen nach dem anderen (!), aufs Dach. (S. 80)
12. September 1977: Wenn die Üppigkeit des Sommers vergangen ist: Transparenz eines heiteren Septembertags, das Grün gleichsam verdünnt, mit ersten gelblichen Spuren durchsetzt, hinüberzögernd in den Herbst. So müsste mein Stil sein. (S. 98)

Aus dem selbst gewählten Außenseitertum wurde in den letzten zwölf Lebensjahren jedoch zunehmend eine erzwungene Isolation: Amanshauser hatte mit einer fortschreitenden Parkinson-Erkrankung zu kämpfen. So wird in den späten Aufzeichnungen auch schonungslos der körperliche Verfall, das sich schleichende Einstellen der Schreibarbeit festgehalten, zahlreiche Notizen wurden vom Autor später übermalt und unlesbar gemacht. Der letzte entschlüsselbare Eintrag schließlich berichtet beklemmend von «Halluzinationen, hervorgerufen durch die Medikamente, die ich in Überzahl zu fressen habe.»

Die Lektüre der Tagebücher Gerhard Amanshausers ist ein wahres Leseerlebnis. Es sind die erregt-verträumten, verzweifelt-euphorischen, heiter-melancholischen Bekenntnisse eines eigenwilligen Denkers, der nicht nur im gegenwärtigen Literaturbetrieb schmerzlich vermisst wird. So könnten denn diese Aufzeichnungen nicht nur den Auftakt zu einer Wiederentdeckung eines wichtigen Autors bedeuten. Vielmehr noch bekommt man die Gelegenheit, sich lesend, staunend, einem Experten im Menschlich-Sein zu nähern.

Gerhard Amanshauser: Es wäre schön, kein Schriftsteller zu sein. Tagebücher. 400 S. Residenz: St. Pölten – Salzburg – Wien 2012. ISBN: 978-3701715947

Mario Karl Hladicz

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  • Gerhard Amanshauser: Es wäre schön, kein Schriftsteller zu sein; Cover

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