Zugeflüstert

26.01.2013

Harald Schwinger hat seine Erzählungen in dem im September 2011 erschienenen Buch «Zuggeflüster» zu einer thematisch gelungenen Sammlung vereint. Er ist dort am besten, wo es um die Tiefpunkte geht, die das Leben seinen Protagonisten bereithält. Oft handelt es sich um Grenzgänger, um Leute die auf ihre Art ein Extrem entwickeln.


Dabei kommt der Autor in einer beneidenswerten Klarheit ohne Psychologie aus. Weder erzählt er Geschichten, die Phänomene des Menschseins vor den Fokus zerren um sie genüsslich vor dem Leser entblättern zu können, noch will er den Anschein erwecken, sich behutsam und verständnisvoll seinen Figuren mit ihrem Zurechtkommen in der Welt anzunähern oder gar in ihren Blues einzustimmen.

Man hat das Gefühl, der Autor muss seine Figuren nicht erklären oder auf ihrer Rechtschaffenheit beharren – dafür lässt er seinen Erzähler den Geschichten mit einer Grundsympathie begegnen und stattet ihn mit einem genauen Blick für die Facetten des menschlichen Unglücks aus. Zusammen mit dem erzähltechnisch stets gelungenen Bogen, den die Geschichten beschreiten, kann man sich so dem Eindruck eines etwas derben Humors nicht entziehen.

Für die Handlung wählt der Autor stets den direkten Einstieg. Schon nach wenigen Zeilen steckt die Leserin mitten in den Eigenarten der Protagonisten, die der Normalität ihren Wahnsinn geben und umgekehrt. Da gibt es zum Beispiel die Mutter und Schwiegermutter Amá, die ihre Kinder mit ihrem unzufriedenen Geist noch um Jahre überleben wird. Den Mann, der sich selbst den Krieg erklärt um zu sehen, ob er seine Exfrau da noch mit hineinziehen kann. Das alte Ehepaar, in dem sich die gegenseitige Zuneigung soweit vergraben hat, dass sie nur wie die Scherbe eines alten Spiegels zwischen der alltäglich gewordenen Missgunst durchblinzelt und auch die fatalste Frau von allen, die den Landwirt Johann an sein eigenes Unglück kettet.

Die Sprache selbst begnügt sich über weite Strecken mit Beschreibungen des Geschehens und driftet nicht ins Poetische ab. Das passt sehr gut zur gewählten Form der kurzen Erzählung, weil sie den Dingen nicht erlaubt, sich hinter abstrakten Begriffen zu verstecken. In der titelgebenden Erzählung «Zuggeflüster» sitzen sich zwei Brüder nächtens gegenüber und vermessen im Takt der vorbeirauschenden Züge ihre Ungleichheit.

«Salm schenkt mit seinen zittrigen Händen noch einen Schnaps ein. Dann zerknüllt er den Zettel und wirft ihn Daviid ins Gesicht.
»Dafür«, sagt er wütend, »hättest du nicht herzukommen brauchen.«
Daviid steht auf und humpelt in der Küche auf und ab. In all den Jahrzehnten hat sich hier nichts verändert. Alles, der Tisch, die Couch, die Kredenz, der Herd, die Wanduhr, alles steht und hängt unverrückt am selben Platz wie damals, als sie noch Kinder waren, eine Familie. Selbst das Geschirr ist noch das gleiche. Nichts anderes hat Daviid erwartet gehabt.

»Es ist nicht meine Schuld gewesen. Der Zug hat ihn zurückgebracht, nicht ich. Und wie hätte ich mich gegen meine Geburt wehren sollen? Sag es mir, los, sag es mir!« Er beugt sich ganz nah an Salms Gesicht. »Los, komm, sag es mir.«»

Dabei zeigt er vor Allem eines: dass er erzählen kann. Denn was so trivial klingt ist ein seltenes Gut im Literaturbetrieb: Geschichten mit einem Anfang und einem Ende ausstatten, zwischen denen sich eine bemerkenswerte Entwicklung abspielt. Der Autor zückt verschiedenste Register, um die in sich geschlossenen Geschichten zu präsentieren und wie bei einem guten Tischler ist von außen am Ende keine Schraube mehr zu sehen. Damit das alles so gut funktioniert, ist die Sprache an diese Qualität gebunden. Wer sich einzelne Sätze erwartet, die nur der Ästhetik geschuldet sind, oder gar ein «Schreiben für das Schreiben», sucht bei «Zuggeflüster» vergebens.

Das Fazit fällt also durchaus positiv aus. Die Form des Erzählbandes rückt die Eigenständigkeit der einzelnen Geschichten in den Vordergrund und verstrickt den Leser jedes Mal aufs Neue in die Realität ohne Schonbezug, von der schon eine einzige eine Vielzahl von Identifikationsmöglichkeiten bietet. Und obwohl das Buch stets die Abgründe sucht und findet, bleibt nicht etwa die Stimmung einer pessimistischen Weltaufgabe übrig – sondern eher der Genuss an einer Wirklichkeit, wie sie dann zustande kommt, wenn man eben nicht aufhört hinzuschauen, wenn es anfängt interessant zu werden.


Harald Schwinger: Zuggeflüster. Erzählungen
Erschienen 2011 bei der Edition Meerauge, einem Imprint
des Johannes Heyn Verlags in Klagenfurt. EUR 17,90.

Paula Resch

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