Ich ließ mein Herz nie beugen – Jean Paul zum 250. Geburtstag

12.01.2013

«Fremd, wie einer, der aus dem Mond gefallen ist» erschien Jean Paul schon seinem Zeitgenossen Friedrich Schiller, als er 1796 aus dem oberfränkischen Hof an der Saale nach Weimar kam, um sich in der herzoglichen Residenzstadt bei den Großen der Literatur einzuführen. Der Dreiunddreißigjährige hatte mit seinen Romanen «Die unsichtbare Loge» und «Hesperus oder 45 Hundsposttage» nach einer langen Durststrecke als unbeachteter Satiriker erste literarische Erfolge gelandet. Und Schiller fährt in dem Brief an Goethe fort: «Voll guten Willens und herzlich geneigt, die Dinge außer sich zu sehen, nur nicht mit dem Organ, womit man sieht.»


Klassische Formvollendung und weltbewegende Tragik waren Jean Pauls Sache nicht. Er wollte seine Leser unterhalten und bilden – aber das Herz mehr als den Verstand. Und dabei setzte der Dichter der empfindsamen Innerlichkeit auf blühende Imagination, sprachliche Erfindungskraft und ebenso gutmütigen wie kuriosen Humor. Sein Stern stieg am literarischen Himmel der Goethezeit kometenhaft auf, Jean Paul wurde zu einem der meist gelesenen Schriftsteller, bevor das Interesse an seinen Erzählungen und Romanen noch zu seinen Lebzeiten wieder abflaute.

War Jean Paul schon für seine Zeitgenossen eine singuläre, schwer einzuschätzende Erscheinung, so wird, wer ihn heute lesen und verstehen will, erst recht nicht darum herumkommen, sich zugleich die literarische Landschaft der Goethezeit in Erinnerung zu rufen. Jean Paul ragt wie ein erratischer Granitblock aus seiner Heimat, dem Fichtelgebirge, auf. Er stellt eine urwüchsige Wegmarke der deutschen Literatur des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts dar.

Rechtzeitig zum 250. Geburtstag des Schriftstellers, der am 21. März 2013 begangen wird, ist nun eine neue Biographie des Pfarrerssohns Johann Paul Friedrich Richter erschienen, der sich später den Dichternamen Jean Paul zulegte, um seine Bewunderung für Jean-Jacques Rousseau zum Ausdruck zu bringen. Die Namensgleichheit mit dem Autor der Biographie, dem emeritierten Literaturwissenschaftler Dieter Richter, ist Zufall. «Jean Paul – Eine Reise-Biographie» heißt sein schön gestalteter Band aus Selbst- und Fremdzeugnissen und zeitgenössischen Abbildungen, der 2012 im Berliner Transit Buchverlag erschienen ist.

Das delikate Kapitel über Jean Pauls Begegnungen in Weimar und Jena ist bei aller Kürze besonders informativ. Die wechselseitigen Einschätzungen des Senkrechtstarters aus der Provinz und seiner arrivierten Gesprächspartner aus der Weimarer Hofgesellschaft werfen prägnante Schlaglichter auf das Beziehungsgeflecht in der damaligen Hauptstadt der deutschen Literatur. Jean Paul freundete sich mit Herder an, ein Angebot Schillers, an dessen eben erst gegründeter Literaturzeitschrift «Die Horen» mitzuarbeiten, schlug er aus.

Rund 75 Reisen unternahm der Schriftsteller, obwohl er sich als «häusliches Schaltier» bezeichnete und am liebsten seine Zeit in den eigenen vier Wänden am Schreibtisch zubrachte, umgeben von vertrauten Requisiten und reichlich versorgt mit den «Treibmitteln des Gehirns» Kaffee und Bier, die er zum Schreiben in großen Mengen brauchte. Unentwegt fühlte er sich hin- und hergerissen zwischen «Fernsehnen» und «Heimsuchen». Seine Reisen waren jedoch weder Bildungs- noch Erholungsreisen. Wenn Jean Paul seine Schreibstube verließ, tat er es, um den Verkauf seiner Bücher zu fördern und um sich in seinem Selbstgefühl zu bestärken. Er folgte gern den Einladungen seiner begeisterten, vorwiegend weiblichen Leserschaft, um als Schriftsteller präsent zu bleiben und sich im Glanz seines Ruhmes zu sonnen. Und auf den Reisen ließ er die kleinbürgerliche Enge hinter sich. In seinem Roman «Siebenkäs» heißt es: «Jede Reise verwandelt das Spießbürgerliche und Kleinstädtische in uns in etwas Weltbürgerliches und Großstädtisches.»

Zu den Reisen kamen noch zahlreiche Ortswechsel durch die häufigen Umzüge des ewig Unzufriedenen hinzu. Jean Paul lebte nacheinander in Wunsiedel, Joditz, Schwarzenbach an der Saale, Hof an der Saale, Leipzig, Weimar, Berlin, Meiningen, Coburg und Bayreuth. In Bayreuth ließ sich der Schriftsteller, der inzwischen zweifacher Familienvater war, 1804 schließlich dauerhaft nieder. Hier, nicht weit von seinem Geburtsort Wunsiedel, fand er die «drei B’s» vor, die er zum Leben brauchte: «Berge, Bücher und bitteres braunes Bier». Doch auch in der ehemaligen markgräflichen Residenzstadt, die im Zuge der Napoleonischen Verwaltungsreform dem Königreich Bayern einverleibt wurde, zog er noch sieben Mal um, bevor er in einer Wohnung in der Friedrichstraße eine ständige Bleibe fand. In Bayreuth verstarb der Dichter 1825 auch, nachdem er erblindet war.

Jean Paul reiste nie ins fremdsprachige Ausland. Sein nördlichstes Reiseziel war Berlin, das südlichste München. In Heidelberg wurde ihm auf Betreiben Hegels die Ehrendoktorwürde der philosophischen Fakultät verliehen. Die Promotionsurkunde feiert ihn als «unsterblichen Dichter» und als «Licht und Zierde des Jahrhunderts», erkennt in ihm einen «Fürsten der Wissenschaft» und würdigt den Republikaner und Pazifisten etwas schräg sogar als «feurigsten Verteidiger deutscher Freiheit».

Einmal vermerkt Jean Paul in einem Stammbuch: «Das Herz muss nach der Schweiz seine Erhebungen und nach Italien seine Himmel mitbringen: sonst findet man keine Schweiz und kein Italien.» Aus der Imagination sind auch die literarischen Reisebeschreibungen Jean Pauls entsprungen, etwa die vergnügliche Badereise des Dr. Katzenberger oder die kosmischen Ausflüge des Luftschiffers Giannozzo. Schiller hatte Recht. Jean Paul schaute nicht mit den Augen, sondern mit dem Herzen.

Den schillernden Charakter des beflügelten Schöngeists in einer gut lesbaren, allgemein verständlichen Biographie zu vermitteln, ohne dass diese lückenhaft oder trivial ausfällt, das erfordert ein streng selektives Vorgehen entlang einer klar abgesteckten Linie. Dieter Richter ist das mit dem smarten Ansatz einer Reise-Biographie glänzend gelungen. Seine knappen Kommentare ergeben einen bündigen biographischen Abriss, die Brief- und Werkzitate vermitteln ein einprägsames Bild von der Persönlichkeit des Dichters. Dessen ausufernden Phantasieflügen kann der heutige Leser am ehesten folgen, wenn er auf dem Boden der Tatsachen bleibt. Die Reise-Biographie liefert dazu einen kundigen topographischen Wegweiser.

Dieter Richter: Jean Paul. Eine Reise-Biographie. 144 Seiten, 52 Abbildungen, gebunden. Transit Buchverlag Berlin 2012, 16.80 Euro. ISBN: 978-3-887-47280-1.

Maria Hammerich-Maier

weiterführende Links:

Verlagsseite

artCore

Verein zur Förderung von
Online-Kulturberichterstattung
und Kunstpräsentationen im Internet

Kontakt

Schendlinger Straße 2, A-6900 Bregenz
T +43 (0)5574 85362
info@kultur-online.net

Kultur-Online Schweiz
T +41 (0)79 437 79 33
kapi@kultur-online.net

©artCore 2001-2016. Alle Rechte vorbehalten. Nutzung ausschließlich für den privaten Eigenbedarf. Eine Weiterverwendung und Reproduktion über den persönlichen Gebrauch hinaus ist nicht gestattet.