Grrrimm

... ist quasi eine Lautverschiebung zweihundert Jahre nach Ersterscheinen der Grimm‘schen Märchen im Advent 1812. Fünf davon hat Karen Duve überarbeitet, ergänzt, auf den Kopf gestellt, geschliffen und poliert.


1. Die Story: Als da sind: Zwergenidyll (Schneewittchen), Die Froschbraut (Der Froschkönig), Der geduldige Prinz (Dornröschen), Bruder Lustig (wie das Original) und Grrrimm (Rotkäppchen). Ausgefuchst war die Erzählerin Karen Duve schon immer und ist es auch dieses Mal. Sie erzählt mit der Lässigkeit ihres Kollegen Jakob Arjouni (Idioten. Fünf Märchen, 2003); um einen Deut direkter freilich, Schlag auf Schlag, sprudelnd aus einem tiefen Grunde, dessen Quell ins 21. Jahrhundert heraufschießt. Märchen, das muss langsam klar werden, sind keineswegs nur für Kinder und Häuser da. Wenn man das verstanden hat, werden sie interessant – für alle ab, sagen wir: 14 Jahren.

2. Die Helden: … der sattsam bekannten Grimms lernen wir hier natürlich aus anderer Perspektive kennen, auch wenn es zum Schluss schon einmal heißt: «Und so lebten sie vergnügt bis an ihr Ende, wurden zusammen älter, bekamen zusammen Pergamenthaut und Putenhälse und hatten sich immer gern.»

3. Der Sound: Oder anfangs: «Nun denn: Es waren ein König und eine Königin.» Insgesamt hat sich doch mehr verschoben als bloß ein paar Laute. Wilhelm hat seinerzeit die Märchen entsexualisiert und stilistisch auf Lutherdeutsch zurückgedreht. Nicht dass Duve das genaue Gegenteil macht (ihr Zwerg-Erzähler etwa verwendet den Begriff «Lachter», ein im alten Bergbauwesen übliches Längenmaß), aber es klingt doch mehr so: «»Es wird kein normaler Schlaf sein«, sagte die zwölfte Fee, »sondern ein Zustand konservierender Leblosigkeit – wie der Trockenschlaf einer Moosspore, die nach jahrelangem Aufenthalt in einem Herbarium in längst verloren geglaubter Frische sofort wieder zu keimen und zu wachsen beginnt, wenn man sie nur in feuchte Erde setzt.«»

4. Coole Worte: «Du fieser Glitscher», nennt Duves Prinzessin den Frosch. Und die Kinder von Vifor? Sie nennen Elsie «Feuermelder», «Zigarettenanzünder», «Blutbeule» oder eben «Rotkäppchen».

5. Coole Bilder: «Der Wind fällt über uns her. Ich muss mir mit beiden Händen die Haare aus dem Gesicht halten. Das hohe Bambusgras am Wegrand neigt sich, versucht, sich wieder aufzurichten, aber die nächste Böe drückt es noch tiefer, und da nickt es gleich viermal: ja, ja, ja, ja.»

6. Zum Nachdenken: «So wollen wir es von nun an immer halten. Lass uns zusammen weiterziehen, Kamerad, und alles, was der eine findet oder erwirbt, das teilt er mit seinem Bruder. Denn Brüder sind wir in der Armut, ich bin der Bruder Lustig und du der Bruder Gemach.»

7. Die Autorin und ihre Vorleser: … sind sämtlich gut bei Stimme. Bastian Pastewka kann man nur lieben, Ina Müller und Karen Duve muss man schätzen!

8. Das Buch: Fein ausgestattet mit Vignetten von Kat Menschik ist «Grrrimm» von Karen Duve als Leinenband mit Lesebändchen und farbigem Vor- und Nachsatz bei Galiani Berlin erschienen (156 Seiten, EUR 19,60) und als Hörbuch – eingelesen von der Autorin, Ina Müller und Bastian Pastewka – bei roofmusic / tacheles! (2 CDs, EUR 19,99)


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