"Auszeit" von Claudia Breitsprecher

30.11.2012 Rosemarie Schmitt

Der Klappentext, welcher auf der Rückseite des Buches steht, aber er heißt nun einmal so: Mit knapper Not hat die engagierte Bundestagsabgeordnete Dr. Martina Wernicke ein Attentat überlebt. Im Ferienhaus einer Mitstreiterin erholt sie sich vom Schock und auch von dem intrigenreichen Spiel um Macht, das ihr Dasein seit Jahren bestimmt. Ganz bewusst erlebt sie den Frühling inmitten der märkischen Landschaft, widmet sich den wachsenden Zweifeln am Sinn ihrer Arbeit und der Sehnsucht nach ihrer Lebensgefährtin Eleni, von der sie verlassen wurde. Schon bald lernt sie Laura und Stefan Vogel kennen, ein junges Paar, das nebenan wohnt und sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser hält. Als die beiden in Gefahr geraten, beginnt Martina zu kämpfen – für ihre Nachbarn, für ihre Überzeugungen und für eine zweite Chance mit der Frau, die sie liebt.


Meine Gedanken zum Buch: Der rückseitige Klappentext des Romans «Auszeit» von Claudia Breitsprecher hätte mich nicht zum Kauf dieses Buches bewogen, denn dieser kurze einführende Text, wird dem tatsächlichen Inhalt dieses Romans bei weitem nicht gerecht! Viel, sehr viel mehr steckt doch dahinter! Es war die Lesung der Autorin, die mich von «Auszeit» überzeugte. Ich erinnere mich noch sehr gut daran, es war Ende September, ich war zu einer Tagung in Leipzig, wo Claudia Breitsprecher im Literaturcafé im Haus des Buches las. Noch am späten Abend, wieder im Hotel angekommen, nahm ich mir meine «Auszeit».

Nein, es ist kein politischer Roman. Martina Wernicke könnte ebenso bei einer Versicherungsgesellschaft, einer Großhandlung für Floristik, in einer Bäckerei, in einem Verlag oder bei einer staatlichen Behörde arbeiten. Wo auch immer, denn es geht nicht um das Wo, sondern um das Wie, das Mit – und Gegeneinander, um das Zuviel und Zuwenig, um Einsatz, Zuverlässigkeit auf der einen, und Unzuverlässigkeit auf der anderen Seite. Es geht um das Maß der Dinge, das Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden. Es geht darum, den Schuß zu hören, bevor der Stich zu spüren ist! Kennen Sie das Gefühl, an dem was Ihnen widerfahren ist, selbst schuld gewesen zu sein? Claudia Breitsprecher hat eine wundervolle Art Dinge zu erklären, fühlbar und nachvollziehbar.

Wie aus dem Klappentext bereits bekannt, wurde Martina Wernicke Opfer eines Attentates. Nun hat sie Angst davor, ein weiteres Mal angegriffen zu werden. Sie macht alleine einen Spaziergang, versucht sich die Angst nicht anmerken zu lassen. «(...) Ich strecke den Rücken durch und hebe das Kinn. Glaubt man den Erkenntnissen sozialwissenschaftlicher Forschung, ist mein Auftreten entscheidend dafür, ob jemand mich töten will oder nicht. Es ist ganz wie im Reich der Tiere. Demnach ist es die Schuld der Schwebfliege, wenn sie es nicht schafft, als wehrhafte Hornisse zu erscheinen (...)»

Was mich so sehr fesselte an Claudia Breitsprechers «Auszeit» war, dass sie sich zwar auf einen Beruf, ein Umfeld, eine Landschaft, ein Lebensmodel der Protagonistin festlegte, es aber ein Leichtes ist, ja es sich sogar anbietet, Parallelen zum eigenen Leben zu ziehen. Ganz allmählich, sanft und selbstverständlich verlor und fand ich mich in der Geschichte, Teile aus Frau Wernickes Leben, wurden zu meinem. Sie machte sich die gleichen Sorgen (nur unter anderem Namen), lachte über die gleichen Witze, oder ärgerte sich über die selben, täglich nervenden Banalitäten, wie ich. «(...) Schreit ein Werbespot mich aus dem Radio an, drehe ich es leiser, wie sie es tat. Ich spüre, wie wohltuend es ist, das Getöse zurückzuweisen (...)».

Wenn Claudia Breitsprecher dies formuliert, dann ist es alles andere als banal, denn sie verwebt Tiefgründiges sehr geschickt, gekonnt und sensibel in ihre Geschichte. Beim Weiterlesen wird Ihnen klar werden, dass es um viel mehr geht, als um das Getöse eines Werbespots, das sie (die Protagonistin) in der Lage ist zurückzuweisen! Ich liebe die Art Claudia Breitsprechers mit den Bedeutungen eines Wortes zu spielen. Wenn sie schreibt «Sie kennen ihre Rechte», dann sind es alle Rechte, die Ihnen dazu einfallen. Suchen Sie in der Politik, dem Boxring oder in der Juristerei, sie werden fündig! Und ja, sie hat auch Humor: «(...) male ein Männchen auf den Rand des Blattes und auch noch ein Weibchen, um der Quote gerecht zu werden (...)».

Und ja, Claudia Breitsprecher ist tiefgründig, sinnhaft: «(...) Das Paradies ist nicht im Himmel, sondern in den Augenblicken, in denen wir kein Unheil erwarten (...)». (...) «Fünf Sprachen und doch keine Worte, die vermocht hätten, mir begreiflich zu machen, warum sie mich verlassen hat. (...)»

Die Sprache Claudia Breitsprechers vermochte mir Einiges begreiflich zu machen, etwa, dass es durchaus möglich ist, nah am Leben, intelligent, tiefgründig, anspruchsvoll, gar philosophisch, dennoch unterhaltsam und luftig zu schreiben. So macht Lesen Spaß! Diese «Auszeit» sollten Sie sich gönnen!


Auszeit
Gebundene Ausgabe: 216 Seiten
Verlag: Krug & Schadenberg; Auflage: 1., Aufl. (29. August 2011)
Sprache: Deutsch
ISBN-13: 978-3930041794
19,90 Euro

  • Claudia Breitsprecher - 'Auszeit'
  • Die Berliner Schriftstellerin Claudia Breitsprecher ist die 'Autorin des Jahres 2012' der internationalen Autorinnenvereinigung

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