Mittendrin - Hans Werner Richters Tagebücher 1966-1972

15.12.2012 Haimo L. Handl

1965, ein Jahr, bevor er selbst mit den Tagebuchnotizen begann, publizierte der Schriftsteller, Initiator und Organisator und Spiritus Rector der Gruppe 47 einen Essay «Warum ich kein Tagebuch schreibe». Es müssen also gewichtige Gründe vorgelegen haben, weshalb Hans Werner Richter, am 12. November 1908 auf Usedom geboren, am 23. März 1993 in München gestorben, dennoch ein Tagebuch verfasste, das kein privates war, das im Hinblick auf seine Veröffentlichung konzipiert war, und das zu einer Art Selbstvergewisserung des Endes der Gruppe 47 beitrug.


Richter liefert mit seinen Notizen, Bemerkungen, Beobachtungen und Kommentaren ein eindrückliches Bild der geistigen Landschaft der damaligen turbulenten Jahre. Er reichert die trockenen Historiografien an, er konterkariert so manches Gerücht und vermeldet staubtrocken, was einige myhtengepflegte Images ankratzt.

Richter muss wohl an einer Art Minderwertigkeitsgefühl gelitten haben, das lässt sich oft schmerzlich aus seinen Zeilen extrahieren. Aber er war nie so eitel wie jene, über die er schrieb. Er war nie so fanatisch, vor allem politisch nicht. Im Gegenteil, seine Besonnenheit, sein Realismus sticht wohltuend von den ideologisierten Eiferern ab.

Hans Werner Richter passt nicht in unsere Zeit. Heute gelten Autoren aus anderen Gründen etwas als damals. Die Qualitätsvorstellungen, überhaupt, das Wertverständnis von Literatur und Kunst hat sich dramatisch gewandelt. Wir haben nicht nur keine Autoren und Autorinnen mehr, wie damals, nach dem Kahlschlag, während der Erneuerung. Wir haben auch keine Kritiker und Leser mehr, die Bildung und Sprachempfinden schätzen, die die Autorschaft nicht als obsolet wegrücken, wie damals in den Sechzigerjahren auch Hans Magnus Enzensberger, als es für viele Autoren galt, eine Gesinnungskultur, ja, einen Gesinnungsterror linker façon zu etablieren. Diese Irrungen sind zwar überwunden, HME ist ein alter Romancier, der seine eigenen früheren Grundsätze vergessen hat und daran nicht erinnert werden will. So, wie einige andere, die noch leben aus der damaligen Zeit, auch nicht.

Richter hätte nie Schreibwerkstätten gebildet oder begrüßt. Richter hätte nie so populistische Verhökerungen wie Marcel Reich-Ranickis «Literarisches Quartett» gelobt; schon damals waren ihm und einigen ernsthaften Autoren die «Großkritiker» unangenehm aufgefallen, die nicht selbst lasen, sich nicht selber einbrachten, aber über andere zu Gericht saßen. Schade, dass sie damals zu weich, zu tolerant gegen diese Vertreter waren. Eine kurze Notiz von Richter zu vier gewichtigen Kalibern zeigt die Kehrseite (13.12.1966): «Abendessen mit Ernst Schnabel, der meine Frage: »Was würdest Du tun, wenn Du ich wärst, würdest Du die Gruppe 47 weitermachen?«, mit einem klaren »Ja« beantwortet und zugleich von einem Nachmittag mit Walter Jens erzählt, der wiederum dafür eingetreten ist, daß die Gruppe 47 aufgelöst wird, und dies zusammen mit Marcel Reich-Ranicki, der anfängt eine fragwürdige Rolle zu spielen, mit dem in diesen Dingen doch etwas »dümmlichen« Joachim Kaiser und mit Hans Mayer – alle vier besessen von Geldsucht – was ich ihnen nicht vorwerfe – von Ehrgeiz, Ruhmsucht und von der Eitelkeit jenes Mannes, der nur in immer erfolgreichen Kreisen mitarbeitet oder sich nur in solchen Kreisen zeigt. Und merkwürdig – auf alle vier kann die Gruppe 47 verzichten. Ohne sie wäre alles leichter. Sie haben die Kritiker dort gespielt – und sie waren nicht schlecht –, nur haben sie sich selbst auf den Thron der Autoren gesetzt. Sie hielten und halten sich für wichtiger als die Autoren – sie sind die »Stars«.»

Eine gewichtige Aussage. Leider gilt sie heute noch stärker als damals. Das Unwesen dieser Art Usurpatoren war zum Usus geworden, unterstützt von einer halbgebildeten Journaille, von schwätzenden Vermittlern und Adabeis. Der Messe- und Festivalbetrieb, man denke nur an so peinliche Wettbewerbsveranstaltungen wie das Bachmann-Wettlesen, haben der Literatur geschadet, und schaden ihr. Die «Berichterstattung», die Kritik ist zu einer Schmonzette verkommen, die sich aufgrund der niederen Bildung des Massenpublikums mit Halbsätzen und Floskeln wichtig machen kann.

Die Kritik, die in der Gruppe 47 erwartet und geübt wurde, war von anderer Art. Deshalb störten ja die professionellen Kritiker, die sich nach und nach wichtiger machten und eine Art unaustilgbarer Parasiten- und Schmarotzerherrschaft übten. (Das mit solchen Worten zu bemerken, ist heute natürlich politisch unkorrekt).

Wie extrem der heutige Gesinnungsdruck lastet, lässt sich aber auch an der gängigen Bewertung und Aburteilung jenes infamos gewordenen Vorfalls ablesen, den Richters schnöde Bemerkung über die Singsangstimme von Paul Celan darstellte. Bei Richter liest sich das simpel. Und stellt man in Rechnung, wie unverblümt Genossen, Freunde und Bekannte kritisiert worden waren, wird zu gehässige Verurteilung des Ausspruchs Richters als antisemitisch überhaupt unverständlich. Zudem hatte Hans Werner Richter ein sehr angespanntes Verhältnis zu Emigranten generell. Aber nicht aus rassistischen oder politisch-ideologischen Gründen, sondern aus literarischen. Das belegen viele seiner Tagebucheinträge, wenn es dieser denn bedarf, um das Bild, das sich aus anderen Berichten schon beleuchten lässt, differenziert wahrzunehmen. Aber sogar der Herausgeber der Tagebücher, Dominik Geppert, fühlt sich verpflichtet, im Nachwort vorsichtig darauf einzugehen. Er notiert die Auseinadersetzung dieses Problemklomplexes und hält fest: «Die einen behaupten mit Klaus Briegleb, Richters Reserve sei Ausdruck unterdrückter Minderwertigkeitskomplexe angesichts eigener Kompromisse und Konzessionen während des »Dritten Reiches«, wenn nicht gar Reflex eines untergründigen Antisemitismus. Andere widersprechen, ...»

«Das Tagebuch ist für diese Kontroverse aufschlussreich, weil es zum einen zeigt, wie sehr Richter das Thema Exilliteratur noch Ende der 1960er Jahre umtrieb und weil es zum anderen keinerlei judenfeindliche Untertöne vernehmbar werden lässt, die Brieglebs These stützen würden. Auch der berühmt-berüchtigte Vergleich von Paul Celans Vortragsweise mit derjenigen von Joseph Goebbels, den Richter im Tagebuch einräumt, ohne offenbar selbst im Abstand von 15 Jahren die Taktlosigkeit seiner Bemerkung ganz zu erfassen [7. Mai 1970], ist kein Zeichen von Antisemitismus. Er zeugt eher von der emotionalen Taubheit gegenüber dem Leid von Holocaust-Überlebenden, das anders geartet war als die Ängste und Nöte, die sich die ehemaligen Soldaten und Kriegsgefangenen in der »Kahlschlagliteratur« von der Seele zu schreiben versucht hatten.»

Nett, dass der Herausgeber HWR attestiert, kein Antisemit zu sein. Aber seine Argumentation ist ärgerlich. Heute wiegt das Gewicht des Säulenheiligen Paul Celan schwerer als je zuvor. Der Kult und die Mythologisierung seiner Gedichte eliminiert jede ernsthafte Kritik. Es geht um Glaubenssätze. Celan wird von vielen immer noch als Opfer gesehen. In den üblichen Tenor stimmt auch Geppert ein, der meint, eine emotionale Taubheit bei Richter feststellen zu müssen. Taub, weil ihm der Singsang des Celan auf die Nerven ging? Das mag rüde gewesen sein. Aber weshalb sich politisch korrekt entschuldigen? Unfreiwillig beweist damit der Herausgeber, dass das Problem weiterexistiert, die Deutschen immer noch befangen und belastet sind, der Gesinnungsdruck der politisch Korrekten extrem stark herrscht, die Gedankenfreiheit eine Mär ist.

Gegen eine ähnliche Starre, wie sie durch das Naziregime sich fatal erhärtet und festgefressen hatte, war Richters Ansinnen und Wirken gerichtet. Es ging ihm immer um Offenheit und Dialog. Da wurde nicht mit Glacehandschuhen gewinkt, da wurde auch rüde zur Sache gesprochen. Aber der Dialog wurde nicht aus Gesinnungsgründen mit jedem geführt.

Hans Werner Richter hat nach seinem Gutdünken eingeladen. Im Tagebuch finden sich oft Hinweise dazu. Es war nicht einfach Willkür oder Antipathie. Es war mehr, weshalb er Hans Erich Nossack nicht einlud oder Robert Neumann, der dann so wüst medial unter der Gürtellinie Schläge austeilte, unterstützt von Hans Habe, Friedrich Sieburg oder Rudolf Krämer-Badoni. Bei zwei Emigranten hatte er eine Ausnahme gemacht und es bereut: Hermann Kesten und Hans Stahl. Zu den beiden und ihrer gelieferten Enttäuschung ist zu lesen (6.10.1966): «Beide kamen mit der Mentalität der zwanziger Jahre, beide vertrugen keine Kritik, beide waren von empfindsamer, törichter Eitelkeit, beide erwarteten Schuldkomplexe – auch bei uns – beide gaben sich als Rationalisten und waren doch Romantiker – deutscher, sehr viel deutscher als jeder von uns.»

In einigen Medien sind sensationslüstern vor allem einige Aussagen Richters zu Günter Grass und Martin Walser zu lesen. Aus dem Zusammenhang gerissen geben sie ein völlig falsches Bild. Richter liefert keine Häme. Seine negativen Bewertungen klingen plausibel, sind nachvollziehbar und – wichtig – sie stellen keinen Kommunikationsabbruch dar.

Es wäre auch ungerecht und verfehlt, von einem Autor «gerechte», «objektive» Analysen und Urteile erwarten zu wollen. Alles in allem liefert aber Hans Werner Richter eine Fundgrube, einen Steinbruch an Daten, Beobachtungen, Kommentaren und Folgerungen, die für den, der das geistige Umfeld von damals einigermaßen kennt, dem viele Namen nicht unbekannt sind, sehr beredt und gewichtig sind.

Ich bin 40 Jahre jünger als Hans Werner Richter. In jener Zeit, über die die Tagebücher handeln, las ich «Konkret», «pardon», «Kursbuch», «Kürbiskern» und andere Zeitschriften und Journale. Richter war uns Jungen damals verdächtig. Es brauchte einige Zeit, bis ich die linken Scheuklappen wegreißen und wegwerfen konnte, bis ich «selber dacht»“ und nicht nur den Vorgaben linker Autoren und Ideologen folgte. Nach und nach gewann die Arbeit von Hans Werner Richter, über die ja etliche Dokumentationen und Kritiken erschienen sind, an Wert.

Die hier vorliegenden Tagebücher, eingeleitet mit einem Vorwort von Hans Dieter Zimmermann, sind, wie erwähnt, eine Fundgrube. Begrüßenswert die ausführliche Kommentierung, der präzise Quellennachweis, das Literaturverzeichnis, die Übersicht über Richters Sendungen im Hörfunk und Fernsehen, das Personenregister. Mit diesem Buch lässt sich arbeiten.


Hans Werner Richter: Mittendrin. Die Tagebücher 1966-1972. Herausgegeben von Dominik Geppert in Zusammenarbeit mit Nina Schnutz. Mit einem Vorwort von Hans Dieter Zimmermann und einem Nachwort von Dominik Geppert.
C. H. Beck, München 2012
ISBN 978 3 406 63842 8

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  • Cover Hans Werner Richter: Mittendrin. C. H. Beck Verlag

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