Mack Sennett und die amerikanische Stummfilmkomödie

03.12.2012 Walter Gasperi

Die Komödie erlebte in der Stummfilmzeit in den USA einen später nie wieder erreichten Höhepunkt. Neben Charlie Chaplin und Buster Keaton gehörten auch Harold Lloyd, Harry Langdon und Laurel & Hardy zu ihren Stars. Die Basis dafür geschaffen hat aber Mack Sennett. Das österreichische Filmuseum zeigt unter dem Titel «Beyond Buster» Meisterwerke auch abseits der großen Klassiker von Chaplin und Keaton.


Als Begründer der amerikanischen Stummfilmkomödie muss man den 1884 (nach anderen Quellen auch 1880) geborenen Mack Sennett ansehen. Er wuchs in Kanada als Sohn irischer Eltern auf, arbeitete dann zunächst als Fabrikarbeiter in New York, ehe er zwischen 1908 und 1912 als Assistent David W. Griffiths das filmische Handwerk studieren konnte. Sennett führte die filmischen Errungenschaften Griffiths mit den Traditionen des Zirkus- und Varietéclowns sowie des Bühnenlustspiels zusammen und schuf den Typ des Filmkomikers.

1912 ging er nach Los Angeles, um für die neu gegründete Firma Keystone Komödien zu produzieren. Den Slapstick-Film, den er dabei entwickelte, war damals keineswegs so anerkannt wie heutzutage, doch fast alle «Großen» der Filmkomödie wie Chaplin, Keaton und Lloyd durchliefen diese Schule.

Zu den bekanntesten Figuren, die Sennett schuf, gehören die «Keystone Cops». Im Grunde soll diese Gruppe von Polizisten wie üblich für Ordnung sorgen, in Sennetts Slapstick-Komödien verursachen sie selber aber die totale Unordnung. Während diese Komödien in ihrer Lust an Zerstörung von Ordnung und Verdrehung der Welt anarchischen Charakter haben, setzte Sennett bei den «Bathing Beauties» als dem weiblichen Pendant zu den «Keystone Cops» vor allem auf Frivolität und bewegte sich mit den leicht bekleideten Mädchen gezielt an den Grenzen der Zensur. Als Gegenpol zur seriösen Frau der Dramen legte er diese Revue-Girls an, die jenseits von Gut und Böse stehen.

1917 verließ Sennett die Keystone, trat als unabhängiger Produzent bei Paramount eher in den Hintergrund, während seine Entdeckungen berühmt wurden. Während Chaplins Tramp sich ständig im Konflikt mit den Obrigkeiten sah, der stoische Keaton mit den Tücken der Objekte kämpfte und Harold Lloyd den Inbegriff des konformistischen Amerikaners verkörperte, steht Harry Langdon für den Mann, der nie erwachsen wurde. Auch Langdon wurde von Sennett entdeckt (1920), verließ diesen aber 1923. Mit ihm ging Frank Capra, der vom Gagman zum Regisseur aufstieg und mit den mittellangen «The Strong Man» (1926) und «Long Pants» (1927) Langdons Hauptwerke schuf.

Komik entsteht in den Filmen Langdons dadurch, dass seine Figur wie ein kleines Kind auf die Welt blickt, sich dabei aber mit der Sicherheit eines Traumwandlers durch alle Gefahren bewegt. Capra sagte über ihn: «Sein einziger Verbündeter war Gott. Langdon mag durch einen Ziegelstein gerettet werden, der dem Polizisten auf den Kopf fällt, aber es war verboten, dass er in irgendeiner Weise den Fall des Ziegelsteins verursachte.»

Sein größtes Problem sind die Frauen, die ihn mit ihren Ansprüchen überfordern. So versucht er im Traum sich seiner Braut zu entledigen («Long Pants») oder sich der Hochzeit zu entziehen («His Marriage Wow»), doch die Frauen, die er bekommt sind schließlich sein großes Glück, denn sie sind verständnisvoll und nachsichtig. In allen kritischen Situationen zeigt er sich als Zögerer, wählt meist den Mittelweg, was erst recht zum Chaos führt. Nur moralische Urteile fällt dieser Kind-Mann auf Anhieb.

Ebenfalls von Sennett entdeckt wurde Raymond Griffith, von dem nur wenige Komödien erhalten sind. Als sein Meisterwerk gilt die Bürgerkriegs-Komödie «Hands Up!» (1926), in der Griffith als Südstaatenspion zu verhindern versucht, dass die Nordstaaten dringend benötigtes Gold erhalten. Zu den brillanten Szenen gehört nicht nur eine lange Verfolgungsjagd, sondern auch eine Szene, in der er den Indianern Charleston beibringt oder die ironische Schilderung einer Kabinettsitzung Abraham Lincolns.

Auch Charley Chase wurde von Mack Sennett entdeckt, begann aber ab 1920 für Hal Roach zu arbeiten. Dieser entwickelte im Gegensatz zum rasenden Tempo der Filme Sennetts einen Stil der Retardierung, in dem genüsslich die Zerstörung von Objekten zelebriert wird – eine Methode, die sich ausgeprägt in den «Laurel & Hardy»-Filmen findet. Nachdem Chase, der sich auch als Regisseur einen Namen gemacht hatte, in Vergessenheit geraten war, erwachte in den 1990er Jahre das Interesse für ihn neu. Erst in jüngerer Zeit wiederentdeckt wurden auch der jüdische, aus Berlin stammende Komiker Max Davidson sowie die Komikerinnen-Paare Anita Garvin & Marion Byron und Thelma Todd & ZaSu Pitts. – Die Filmreihe des Österreichischen Filmmuseums bietet somit eine gute Gelegenheit klassische Stummfilmkomik abseits der bekannten Namen kennenzulernen.

Quellen:
Seeßlen, Georg, Klassiker der Filmkomik, Rowohlt 1982
Gregor Ulrich /Patalas, Enno, Geschichte des Films, Bd. 1, Rowohlt, 1982
Tichy Wolfram, Buchers Enzyklopädie des Films, Bucher 1977
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Keystone Cops

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  • Mack Sennett (1880 - 1960)
  • Keystone Cops
  • Bathing Beauties
  • Safety Last (Fred C. Newmayer/Sam Taylor, 1923) © Österreichisches Filmmuseum
  • The Strong Man (Frank Capra, 1926) © Österreichisches Filmmuseum
  • Hands Up! (Clarence G. Badger, 1926) © Österreichisches Filmmuseum

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