Rhythmus – Sprache – Musik

22.12.2012

In der hier besprochenen Sammlung von Aufsätzen und Diskussionsbei-trägen macht ein Beitrag den Anfang, den Thrasybulos Georgiades für die von der Athener Akademie der Wissenschaften veranstaltete, monumental auf 12 Bände ausgelegte Gesamtdarstellung der griechischen Kulturgeschichte im Jahr 1972 (sic!) verfasste.


Hier knüpft Georgiades an seine früher vorgetragene Idee an, stellt eingangs lapidar und durchaus erfrischend fest: «Die altgriechische Musik ist verschollen. Alles, was wir wissen, ist nur mittelbar: Andeutungen der Dichter und Schriftsteller, Darstellungen auf Vasen und Reliefs, Musiktheorie. Die meist nur sehr spärlich und meist nur fragmentarisch überlieferten musikalischen Aufzeichnungen bilden keine ausreichende Grundlage für die Rekonstruktion der Musik oder für das Gewinnen einer auch nur ungefähren Vorstellung von ihrem Charakter.»

Nach einer zusammenfassenden Darstellung von die Musik betreffenden Äußerungen griechischer Dichter und Denker entlässt der Autor den Leser mit der riskanten Spekulation, dass der heroische Hexameter Homers an die rhythmische Schrittfolge eines neugriechischen Volkstanzes, dem Syrtoós kalamatianós, gebunden gewesen sei, dass die Folge der Elemente lang-kurz-kurz zu vergegenwärtigen sei mit 1 ½ : 1 : 1 – woraus Georgiades den tautologischen Schluss zieht, dass in eben diesem Volkstanz ein Überrest der antiken rezitativischen Tradition sich bewahrt habe.

Diesem Text schließt sich ein Aufsatz von Frieder Zaminer an, der bereits als Mitarbeiter der erwähnten Schrift «Musik und Rhythmus bei den Griechen» fungierte. Zaminer beleuchtet in seinem Aufsatz «Quantitätsrhythmik. Ein altgriechisches Phänomen aus musikhistorischer Sicht.» Der Autor verlangt von seinem Leser wirklich eine papierene Eselsgeduld. Mit Sätzen wie diesem: «Es ist längst bekannt und wurde immer wieder gesagt, dass die Griechen der archaischen und klassischen Zeit eine hochentwickelte Sensibilität für rhythmische Nuancen und für Mikrointervalle besaßen.» Oder jenem: «Rhythmus existiert nicht auf dem Papier, wie Georgiades betont hat, sondern nur im zeitlichen Vollzug.» wird wirklich leeres Stroh gedroschen.

Reinhold Schlötterer versucht in seinem Beitrag «Neugriechische Musik als musikalische Heimat» noch einmal die neugriechische Volksmusik als Schlüssel zum richtigen Vortrag altgriechischer Verse passend zu feilen. Dabei erweist er sich zwar als folgsamer Schüler seines Lehrers Georgiades, kommt aber in dieser Frage über ein bloßes Gedankenspiel nicht hinaus und schon gar nicht zu einem schlüssigen Ergebnis.

Wolfgang Osthoff beschäftigt sich in seinem Aufsatz über «Die Wiener klassische Musik» mit der im Zentrum des Musikdenkens von Georgiades stehenden Frage nach dem Wesen der Klassizität der Musik von Haydn, Mozart, Beethoven und Schubert. Zentral war die Frage für Georgiades deshalb, weil er in der Musik der genannten Komponisten das Ziel einer Musikentwicklung sah, in der sich die geschichtliche Verheißung antiker Ideale erfüllt habe. Osthoff fokussiert mit dem Georgiades–Zitat, dass die Musik der Wiener Klassik «nicht – wie die spätere Musik – sagt: »Ich fühle«, sondern »Wir sind«,» noch einmal den Beweggrund für das Wirken seines Lehrers: Es sei ihm wesentlich darum gegangen, nach dem Krieg zur Besinnung beizutragen und die verschütteten musikalischen Zugänge, freizulegen. Und dies im Zusammenhang mit der Notwendigkeit eines Neubeginns.

Mit «Replik» ist der kurze Essay von Ludwig Finscher überschrieben. In ihm bringt er zwar seine Wertschätzung für den werkanalytischen Ansatzes von Georgiades zum Ausdruck – besonders in dessen Akzentuierung der Theatralik von der mozartschen Musiksprache – , doch kritisiert er nachdrücklich die «phänomenologische Tiefendimension seines Musikdenkens», das in der Nachfolge Heideggers stünde. Seine ihm eigene «Verbindung von philosophischer Reflexion und historischer Arbeit» hätte ihn «unter Fachkollegen deshalb isoliert und seine Wirkung begrenzt.» Finscher möchte zwar die immanent musikanalytischen Ansätze der Interpretationen, besonders der Kammermusik von Haydn und Schubert bewahrt und weiterentwickelt wissen, kritisiert aber deutlich ihr geistiges Fundament, insbesondere «die Epiphanie des selbstbestimmten Individuums in der Musik der Wiener Klassik, die teleologische Konstruktion der abendländischen Musikgeschichte und die Rolle der Wiener Klassik als Höhepunkt und Ende dieser Geschichte.»

Dieser fundamentalen «Replik» antwortete nun seinerseits Wolfgang Osthoff mit einer zwar akribischen und detailreichen Kritik, die den Vorwurf, die Wertschätzung der Wiener Klassik beruhe auf dem ideologischen Konzept einer teleologischen Geschichtsauffassung nicht entkräftete, sondern sie als weiterhin diskussionswürdige «Setzung» bestätigte. Das Geschichtsbild von Georgiades sei eben durch Anschauungen gestützt, die seit «kurz nach Beethovens Tod normativen Charakter» angenommen hätten.

Ludwig Finscher kommt daraufhin noch einmal zu Wort. Er fühle sich in der Überzeugung bestärkt, «dass wir für die ständig neu zu versuchende Annäherung an das Verständnis der Klassiker eigentlich keine metahistorischen Kategorien brauchen.»

Andreas Haug beschäftigt sich in seinem Artikel, er selbst nennt ihn eine Glosse, mit dem Nichtverhältnis «Adorno und Georgiades». So viel Text über eine Nichtbeziehung zu Gehör und dann noch zu Papier bringen zu können, das macht den Laien doch Staunen.

Substantiell hat Haug zu diesem Thema kaum etwas zu sagen. Diesen Umstand aber gänzlich verdunkelnd, gelingt dem Autor ein ebenso bemerkenswerter wie komisch-falscher Satz: «Dass sie beide Fremdlinge waren in der intellektuellen Landschaft der Adenauerzeit, hat sie nicht verbunden.» Richtig nämlich wäre die Feststellung, dass die Beiden im Deutschland jener Zeit zu den wichtigsten Exponenten des Musikdenkens zu zählen sind. Und das wäre doch, auch wenn sich daraus für die Beiden keine persönlichen Berührungspunkte ergeben haben, durchaus etwas Gemeinschaft stiftendes, das einer Betrachtung wert gewesen wäre. Statt sich also mit den Gegebenheiten der «intellektuellen Landschaft der Adenauerzeit» und der Rolle, die seine Titelhelden in ihr gespielt haben, auseinanderzusetzen, referiert der Autor die sattsam bekannte Auffassung Adornos, dass sich wahre Gestalt des musikalischen Kunstwerks nur dem lesenden Verstehen erschließe, während er, um an der polaren Relation der Beiden zueinander festzuhalten, Georgiades unterstellt, er sei in seiner musikalischen Analyse stets vom performativen Charakter der Musik ausgegangen.

Manfred Hermann Schmid, der letzte noch von Georgiades promovierte Musikwissenschaftler, erinnert in seinem Vortrag «Mehr Ausdruck der Empfindung als analytische Einsicht? Zu Schuberts »Fischermädchen« an die Schubert-Monographie von Georgiades», eines der Hauptwerke seines Doktorvaters. Schmid versucht mit seiner Analyse herauszuarbeiten, wie tragfähig die Methode des «Gerüstbaues» seines Lehrers im Gegensatz zu der eher geläufigen Analyse des «Periodenbaues» sei. Er kommt dabei schließlich zu dem Ergebnis, dass Musiktheorie und Musikwissenschaft hinsichtlich syntaktischer Differenzierungen (im Wort-Ton-Verhältnis) noch nicht jene Subtilität erreicht haben wie in den Fragen der harmonischen Analyse.

Auch Hans-Joachim Hinrichsen weist in seinem Artikel «Musik und Sprache bei Thrasybulos Georgiades» auf dessen Schubert-Monographie. In seinen Betrachtungen legt er das Hauptaugenmerk auf das Verhältnis von Lyrik und Musik, das er als keineswegs so naturgegeben harmonisch aufgefasst wissen will, sondern vielmehr als prekär und häufig auch agonal. Er verweist dabei auf die von Georgiades weniger beachteten Kompositionen Schuberts nach Dichtungen von Klopstock. Vor allen Dingen lenkt er die Aufmerksamkeit auf Liedkompositionen, die Georgiades für zweit- und drittrangig hielt, also so gut wie alle Liedkompositionen vor und nach Schubert. Hinrichsen widerspricht Georgiades in vielen Punkten, aber in einer Hinsicht gibt er ihm recht: der Begriff «Vertonung» verharmlose und verniedliche die gefährlichen Abgründe und methodischen Labyrinthe, die sich dem Analytiker stellen, der sich mit Liedkompositionen auseinandersetzt.

Theodor und Marie Luise Göllner trugen, sich ergänzend, Ergebnisse ihrer Untersuchungen mittelalterlicher Musiktraktate vor. In ihren Vorträgen «Kolorieren und Umspielen: Verzierung oder Notwendigkeit?» und «Rhythm, Poetry and Music in the Thirteenth Century» näherten sie sich dem Problem der Entstehung der Mehrstimmigkeit. Es ehrt die Verfasser, dass sie ihre Arbeitsergebnisse als Beleg für die Stimmigkeit der von Georgiades bevorzugten analytischen Begriffe Umspielung und Kolorierung werteten. Ihre Spielformeln seien die instrumentalen und vokalen Bögen, die die Abstände zwischen den einzelnen Klangsäulen quasi architektonisch überwölbten. Aus dieser Musizierpraxis ließe sich, so meinen die Autoren, das Phänomen der Entstehung der Mehrstimmigkeit in frühmittelalterlicher Zeit erklären.

Rudolf Flotzinger erzählt in seinem «Mittelalter, Rhythmus, Mehrstimmigkeit» übertitelten (Wort)Beitrag sehr flott und anschaulich, wie er sich von einem Georgiades-Saulus zu einem zwar kritischen, aber immerhin doch Georgiades-Paulus gewandelt, wie er zunächst keinen Zugang zu dessen Schriften gefunden habe, schließlich aber mit «Musik und Sprache. Das Werden der abendländischen Musik dargestellt an der Vertonung der Messe» zu einer erfolgreichen Lektüre gelangt sei. Dass sich ein Spezialist der Aufgabe stelle, seine Überlegungen und Forschungsergebnisse einem aufgeschlossenen Fachpublikum zu vermitteln, das hält Flotzinger, und darin ist ihm unbedingt zuzustimmen, für eine «Bringschuld an die Gesellschaft», und Georgiades sei in dieser Hinsicht durchaus ein Vorbild gewesen. Er zitiert den letzten Absatz aus «Musik und Sprache» und sieht in diesem dort formulierten ethisch-moralischen Anspruch musikalischer Interpretation eine Maxime, die jenseits modischer Trends, Gültigkeit besitze. Sein Begriff des «Abendlandes» sei allerdings zu hinterfragen. In seinen Studien zur frühen Mehrstimmigkeit hätte er sich von den Ansichten seines Lehrers Rudolph von Ficker nicht gelöst, weswegen es richtig sei von einer «Münchner Musikwissenschaftlichen Schule» nicht in der Nachfolge von Georgiades, sondern Fickers zu sprechen. Als bleibende Leistung Georgiades’ hebt Flotzinger hervor, dass dieser erkannt habe, dass die «Lautäußerungen von Sprache und Musik, (die) den Menschen de-
finieren, sich im Rhythmus-Problem verschränken». Dies sei «in Anbetracht der Banalität von mit Modeworten aufgemotzten Arbeiten keine zu schmale Leistung».

Petra Weber äußerte sich «Zu methodischen Grundlagen in der Arbeit von Thrasybulos Georgiades» und kommt in ihrer kritischen Würdigung zu dem Schluss, dass er mit seiner Definition des «ES IST-Charakters» des Kunstwerks eine Mauer errichtet habe, die nicht zu hintergehen sei, an der jede Kritik abpralle. Georgiades sei letztlich von einem ahistorischen Interesse getrieben gewesen, sein ästhetisches Denken ziele auf die Frage nach den grundlegenden, der Kunst immanenten Existentialen der menschlichen Welt. Sie rät allen Schülern und Enkelschülern «nicht diese Härten und Zuspitzungen zu tradieren, sondern den Hunger auf die Musikalischen Kunstwerke und die Liebe zu ihnen».

Reinhard Wiesend schließt den Sammelband mit einer kurzen Betrachtung «Georgiades und die Zukunft der »Münchner Schule«» ab. Er betont, dass die Persönlichkeitsstruktur, die Georgiades zu eigen war, die wichtigste Voraussetzung für die Etablierung dieser wissenschaftlichen Schule gewesen sei, eine Voraussetzung, die im heutigen Universitätsbetrieb gänzlich undenkbar sei. Merkwürdigerweise, oder soll man sagen: bezeichnenderweise fehlt diesem Beitrag jeder Bezug auf eine mögliche Zukunft dieser «Schule».

Resümé
Es bleibt zu vermuten, dass mit dieser Tagung eine der prägenden musikwissenschaftlichen Schulen Nachkriegsdeutschlands, die doch mindestens eine Generation von bedeutenden Lehrern und Forschern ausgebildet und ihnen den Weg gewiesen hat, dass diese «Münchner Schule» aufgehört hat zu existieren. Und dies mit letztlich wohl einvernehmlicher, wenn auch stillschweigender Billigung der auf dieser Tagung versammelten Wissenschaftler.

Möglicherweise wird sich irgendwann einmal jemand finden, der das Wirken und den Einfluss von Trasyboulos Georgiades unter dem Aspekt der Auseinandersetzung um einen geistigen und moralischen Neubeginn im Nachkriegsdeutschland untersucht. Eine solche Untersuchung wäre spätestens dann fällig, wenn sich die musikwissenschaftlichen Fachgelehrten endlich auf die Geschichtlichkeit ihres eigenen Faches besönnen, wenn sie sich mit den historischen und sozialen Rahmenbedingungen ihres Wirkens auseinandersetzten und schließlich, wenn sie auch die Verstrickungen ihrer stattgehabten und gegenwärtigen Projekte in die jeweilig zeitbedingten ideologischen Konzepte einer selbstkritischen Be-trachtung unterzögen.


Thrasybulos G. Georgiades (/1907-1977): Rhythmus – Sprache – Musik. Bericht über das musikwissenschaftliche Symposium zum 100. Geburtstag in München, 1. bis 2. November 2007. Mit der Erstpublikation von Georgiasdes’ Schrift «Musik im Altertum». Hg. Von Hartmut Schick und Alexander Erhard. 189 S. Hans Schneider, Tutzing 2011. (Münchner Veröffentlichungen zur Musikgeschichte, Bd. 70) ISBN 9783862960293

Wolfgang Florey

Eine längere, ausführlichere Version dieser Rezension erscheint in DRIESCH, Ausgabe # 12 (Dezember 2012)

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  • Abbildung Thrasybulos Georgiades von der Seite des ORDEN PO)UR LE MÉRITE für Wissenschaften und Künste

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