Nach der Apokalypse

04.12.2012

Der Residenz-Verlag hat im Frühjahr dieses Jahres eine wahre literarische Perle ausgegraben: das 1961 erstmals erschienene Romandebüt der heute fast vergessenen Steirerin Hannelore Valencak. Gerne werden ihre Höhlen Noahs vom Verlag und von der Literaturwissenschaft an die Seite von Marlen Haushofers «Die Wand» (1963) gestellt, und das nicht von ungefähr: tatsächlich scheinen die beiden Romane in Thema und Stimmung eng verwandt, und auch die Autorinnen teilten ein ähnliches Schicksal, waren sie doch mit ihren Endzeitvisionen ihrer Zeit voraus und ernteten erst verspätete (zu späte) Anerkennung.


Valencaks Roman ist in Inhalt und Struktur jedoch noch weitaus radikaler angelegt als jener ihrer berühmten Kollegin: während für Haushofers Heldin, welche hinter einer unsichtbaren Wand ihr Dasein fristet, bis zum Ende sogar eine kleine Tieridylle in unberührter Natur möglich scheint, geht es bei Valencaks düstererem Roman um das Schicksal einer Gruppe von Menschen, welche sich nach einer (atomaren) Katastrophe in einen Bergkessel zurückgezogen hat. Neben der alltäglichen Herausforderung der Überlebenssicherung legt Valencak das Hauptaugenmerk vor allem auf das schwierige sozialen Zusammenleben der Überlebenden; in den zu kargen Wohnstätten umfunktionierten Höhlen herrscht von Anfang an eine vergiftete, von Angst, Gehässigkeit und Neid geprägte Atmosphäre vor. Die Möglichkeit eines auch nur annähernd glücklichen Endes in den Bergen scheint hier von Anfang an ausgeklammert.

Zu Beginn des Romans begleitet der Leser die Protagonistin Martina, ihren kleinen Bruder Georg und einen jungen Soldaten namens Stefan auf der Flucht vor einer katastrophalen Feuersbrunst, welche die Städte in Schutt und Asche legte. Eindringlich beschreibt Valencak die apokalyptische Szenerie:
«Auch hier, wo sie jetzt waren, bot sich ihnen ein grauenvolles Bild. Ein Himmel, von grauroten Wolken verhüllt, hing über einem zu Tode versengten Land. Brandspuren waren hier nicht mehr zu sehen, doch musste alles Leben von einem gewaltigen, heißen Atemstoß getroffen worden sein. Das Gras stand welk und angebräunt am Rain, nur auf den Sohlen feuchter Gräben grünte es noch ein wenig. In den Baumkronen kräuselten sich die Blätter und lösten sich beim leisesten Wind. Überall in den Alleen lagen sie knöcheltief und raschelten wie trockenes Maisstroh unter den Rädern.» (S. 30)

In einer Höhle in den Bergen treffen die drei auf andere Überlebende; einen alten Mann, dessen neugeborene Enkelin Luise und eine stille Magd. Unter dem strengen Regiment des Alten gestaltet sich der harsche Überlebenskampf der Gruppe nur noch unerträglicher; so unterwirft er die Kinder einer seltsamen naturreligiösen Lehre, nach der sie ihr Leben strikt nach den Regeln der Geister des Hungers, der Kälte, des Unwetters und der Leere auszurichten haben. Ungerührt verfolgt er, der von der Katastrophe gebrochene alte Mann, nur ein Ziel: «[D]ass nie wieder ein Mensch das Licht der Welt erblickt» (S. 100). Als Stefan beim Versuch, die Berge zu verlassen, stirbt, kommt ihm dies gerade recht; nun gilt es nur noch, die beiden langsam erblühenden Kinder Luise und Georg voneinander fern zu halten. Eines Tages führt er die Gruppe aus dem Bergkessel hinaus, um zu zeigen, dass die Welt mittlerweile nur noch ein endloses Meer aus Staub ist, in dem sich das Weiterexistieren nicht lohnt:
«Hart und rissig reihte sich Bodenwelle an Bodenwelle, und in den Gräben lag knöcheltiefer Staub. Zuweilen hob der Wind ihn auf, formte gelbe Wirbel oder jagte ihn in trüben Schleiern über das Land. Und nirgends führte ein Weg irgendeinem Ziele zu. (...) Kein Käfer kroch über den verbrannten Boden, kein Tier regte sich in den Mulden, und kein Vogelschrei tönte aus den Wänden herab. Wohl fuhr der Wind über die Erde, doch es gab keinen Baum, der in ihm aufrauschte. Nur in den Halden wurde feiner, singender Sand über das Geröll geblasen: der einzige Ton in diese Stille.» (S. 126)

So vegetiert die Gruppe desillusioniert dahin und der lebensfeindliche Plan des Alten scheint tatsächlich aufzugehen. Mit Georg, der sich zum jungen Mann entwickelt und dem er das entsagungsvolle Leben in Leib und Seele eingetrichtert hat, scheint er den idealen Nachfolger ausgebildet zu haben. Martina indes beginnt sich aufzulehnen und schmiedet Fluchtpläne, die jedoch scheitern. Zugleich wächst in ihr, der ein mögliches Liebesglück mit Stefan genommen wurde, der Wunsch nach einer Familie, koste es, was es wolle. In einem Kind mit Georg sieht sie die Möglichkeit, dem entbehrungsreichen Leben zu entkommen und zugleich dem Alten einen entscheidenden letzten Schlag zu versetzen. Als sie ihm eines Tages verkündet, tatsächlich ein Kind von ihrem Bruder zu erwarten, sieht der Alte sein Lebensziel zerstört. Von unbändigem Hass getrieben, sammelt er seine letzten Kräfte und schmiedet einen finalen tödlichen Plan.

Natürlich sind die über fünfzig Jahre, welche mittlerweile seit der Ersterscheinung der Höhlen Noahs vergangen sind, nicht spurlos am Roman vorbeigegangen. Manche Kriegsschilderungen oder Landschaftsbeschreibungen wirken pathetisch und widersprechen der heutigen Forderung nach nüchterner Darstellung. Doch machen schon die im Roman aufgeworfenen zeitlosen Fragen – wie steht es um die Religion, den Umgang mit der Natur, den (sprichwörtlichen) Kampf der Geschlechter und vor allem: ist der Mensch letztlich gut oder böse? – Die Höhlen Noahs auch heute noch zu einer lohnenden Lektüre. Und auch in Punkto Drastik und Spannung braucht der Roman den Vergleich mit modernen Dystopien wie etwa Thomas Glavinics «Die Arbeit der Nacht» (2006) oder – internationaler – Cormac McCarthys «The Road» (2006) keineswegs zu scheuen.

Die Literaturgeschichte wird zeigen, ob der im Jahr 2004 verstorbenen Hannelore Valencak eine ähnliche posthume Anerkennung zuteil werden wird, wie ihrer mittlerweile zur Klassikerin avancierten Schriftstellerkollegin Marlen Haushofer. Auf jeden Fall bleibt zu hoffen, dass sich nicht wieder eine Staubschicht des Vergessens über diese aufregende Erzählerin legt.

Hannelore Valencak: Die Höhlen Noahs. Roman. 256 S.
Residenz, St. Pölten – Salzburg – Wien 2012. ISBN: 978-3701715824

Mario Karl Hladicz

  • Hannelore Valencak - 'Die Höhlen Noahs'

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