Grusel in der Provinz

17.11.2012

Nach seinem Überraschungserfolg «Bad Fucking», vor zwei Jahren mit dem Friedrich-Glauser-Preis für den besten deutschsprachigen Krimi ausgezeichnet, versucht sich Kurt Palm, Allroundtalent der österreichischen Kulturszene, mit seinem Nachfolgeroman Die Besucher im Horrorgenre. Mit durchwachsenem Erfolg.


Der Protagonist des Romans, der Journalist Martin Koller, liegt zu Beginn des Buches mit einem Hörsturz im Spital und sich fragt, ob er mit «zweiundvierzig Jahren bereits am Ende angelangt» ist. Und das, wie sich bald herausstellt, gar nicht zu Unrecht, befindet sich der mittelmäßige Held doch in einer umfassenden Lebenskrise: da gibt es einmal die unzufriedene Ehefrau, die mit ihrem ewigen Kinderwunsch nervt, dann den jungen Kollegen, der ihm den Job streitig macht und zu schlechter Letzt die schwerkranke Mutter, die im Elternhaus in der Provinz auf den Tod wartet. Und so leidet und flucht sich die deprimierte Hauptfigur durch das erste Drittel des Romans und der Leser fragt sich, wo denn nun eigentlich der Horror bleibt – zumal schon das Cover des Buches eine nervenzerfetzende Horrorgeschichte à la «The Ring» oder «The Grudge» erwarten lässt. Dem Motiv «Mann in der Midlife-Crisis» jedenfalls vermag Palm keine neuen Impulse zu verleihen.

Richtig in Gang kommt der Roman erst nach rund 150 Seiten, als der Autor seinen Antihelden in dessen Heimatort Schwarzmoos schickt, um die im Sterben liegende Mutter zu pflegen. Ab dieser Stelle gelingt es Palm durchaus, eine wohlig-düstere Atmosphäre aufzubauen und beim Leser für einigen Grusel zu sorgen. Schwarzmoos, «ein leerer, ausgestorbener Ort» im nasskalten Spätherbst, wird zur Kulisse für allerhand schauerliche und rätselhafte Ereignisse; schattenhafte Gestalten huschen um Häuserecken oder gucken hinter dunklen Fensterscheiben hervor und sorgen zusammen mit den Nachwirkungen des Hörsturzes dafür, dass der krisengebeutelte Koller zusehends nicht mehr zwischen realem Geschehen und Wahnvorstellungen zu unterscheiden vermag. Zusammen mit einer benachbarten Ärztin, mit der sich eine Leider-Nein-Affäre entwickelt, will Koller den mysteriösen Vorgängen auf den Grund gehen und stößt dabei auf so manches dunkle (Familien)Geheimnis. Die titelgebenden Besucher selbst wirbeln das undurchsichtige Geschehen gegen Ende noch einmal gehörig durcheinander; wort- und reglos nehmen sie Kollers Haus in Beschlag, verschwinden bald wieder genauso plötzlich, wie sie aufgetaucht sind und lassen den Leser ein wenig ratlos zurück.

Die Idee, einen Mystery-Thriller in der österreichischen Provinz spielen zu lassen, ist spannend und birgt Potenzial, die letztendliche Durchführung ist leider nur bedingt überzeugend. In guten Momenten nähert sich Palms düstere Phantasie durchaus den verstörenden Bilderwelten etwa eines David Lynch an, in schlechten kommt das Buch – vor allem sprachlich – dem Trash gefährlich nahe; da «krampft sich» in jeder unheimlichen Szene Kollers Magen zusammen oder klingt etwas «blechern» in seinen Ohren; auch zahlreiche wenig erhellende Selbstgespräche der hilflosen Hauptfigur («Das darf doch nicht wahr sein, ich hatte seit Jahren nicht mehr Nasenbluten» etc.) trüben das Lesevergnügen. Dazu kommen müde Witzchen und die ein oder andere ortssprachliche Verwirrung (einmal wird etwa in die österreichischen «Patschen» geschlüpft, gleich darauf in die norddeutschen «Hausschuhe» usw.) Am Ende bleibt auch aufgrund einiger funktionsloser, weil ins Nichts führender Erzählstränge der Eindruck eines unfertigen Romans zurück, bei dem eine hübsche Idee leider nicht konsequent ausgearbeitet wurde.

Kurt Palms Experimentierfreude und Tatendrang bleiben jedenfalls ungebrochen. Für sein nächstes Buch hat der 57jährige einen erneuten Genrewechsel angekündigt; ein Spaghetti-Western soll es werden. Man darf gespannt sein, ob er damit – auch wieder künstlerisch – einen Volltreffer landet.

Kurt Palm: Die Besucher. Roman. 280 S.
Residenz, St. Pölten – Salzburg – Wien 2012.
ISBN: 978-3701715879

Mario Karl Hladicz

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