Manfred Chobots Tagesbeginn

01.12.2012

Der Umschlag zeigt zersplittertes Treibeis, in reduziertem Graublau gehalten, wobei sich eine sinnmachende Perspektive der Splitter erst ergibt, wenn der Erzählband auf den Kopf gestellt wird.


Don't judge a book by its cover. Lassen Sie sich von der zurückhaltenden Covergestaltung nicht beirren. Folgen Sie Manfred Chobot aufs Eis. Keine Angst, sein Ich-Erzähler führt Sie nicht aufs Glatteis, sondern lädt Sie zum Tanz ein. Ein Tanz, choreografiert aus den Splittern des «treibenden Eis», wie es Sigmund Freud in seiner Traumdeutung nannte, ausgeführt von Ihren Augen, die eine nicht enden wollende Kaskade von kaleidoskopischen Wortspielen und Redewendungen präsentiert bekommen: «Im Speisezimmer wird Reisegebäck serviert.»

Chobot dreht und wendet, zerstückelt und zerbröckelt, webt, wie er leibt und lebt, und spinnt -- phantastische und doch nachvollziehbare Handlungsstränge aus den Treibeissplittern seines Traumguts zu einem poetisch verdichteten Text. Dieser verdichtende Moment kommt einer elegant formulierten Tour de Force gleich, oder doch eher einer Tour de Farce?, wenn sich zum Ich-Erzähler ein gewisser H.C. oder Hans Carl dazugesellt, mit dem sich das Traum-Ich neben etlichen anderen Figuren und Stimmen durch die Erzählung schmiegt, schlängelt und durchschlägt. Auch scheinbar unscheinbare Nebenfiguren sind keineswegs dekorativer Ballast, sondern treten für einen Moment ins schillernd-alliterierende Rampenlicht: «Ein Mann (genannt Groß Gerasdorf geht grußlos) vorbei. Grüß Gott, Genosse.»

In kleineren Dosen genossen, erweisen sich manche Sätze der Erzählung wie poetischen Bonbons, die sich von der Fülle des verabreichten Wortstrudels abheben: «Die Gäste werden ersucht, die Schwerkraft am Eingang abzugeben.»

Manfred Chobot: Der Tag beginnt in der Nacht. Eine Erzählung in Träumen. Sonderzahl, Wien 2011.

Karoline Ruhdorfer

  • Cover Manfred Chobot: Der Tag beginnt in der Nacht

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