Daniela Meisels "Gegen einsam"

03.11.2012

Der D-Wagen, das Biologische Institut der Uni Wien und die WU, ein kleiner Sektor innerhalb des Gürtels vom fünften bis zum neunten Bezirk, Naschmarkt, Josefstädter Straße, Café Hummel, Leopoldgasse... Der Zentralfriedhof in Simmering ist schon ein Ausreißer unter den Schauplätzen. Eine Handlung, die kein ganzes Jahr dauert, und die auf beinahe 200 Seiten mit diesem unspektakulären Stückchen Wien als Ambiente auskommt. Erst im letzten Kapitel gibt es dann eine gebuchte Reise in die bunte Welt angeleiteten Meerestauchens.


Daniela Meisel braucht weder «atemberaubende Action» noch extreme Schauplätze, um den Appetit des Lesers auf Fortsetzung aufrecht zu erhalten. In einfachen, klaren Sätzen treibt sie das Spiel mit seiner Erwartung, hält seinen Wunsch am Köcheln, die Protagonisten Zeile für Zeile immer noch ein bisschen besser kennen zu lernen. Unter dem Mikroskop einer präzisen Lebensbeobachtung baut sie die Spannung der Neugierde auf die Personen der Handlung, auf ihre Geschichte, ihre Eigenschaften, ihre Schicksale und - nach der ersten Begegnung der beiden - den jeweils nächsten Schritt ihres Interagierens auf.

Manuel, ein junger, einfacher Postangestellter ohne besondere äußere Merkmale, betritt als Erster die Szene. Er empfindet sich selber als so durchschnittlich, dass er seiner Unauffälligkeit mittels Durchschnittlichkeitsübertreibung zu entkommen sucht. Der Durchschnittsmensch, stellt er fest, sei 172,4 cm groß - auf's Nachkomma genau seine Körpergröße. Manuels Mutter lag dreizehn Stunden in den Wehen, genau so lange, wie das Gebärenden - bei großer Wertestreuung - im Mittel widerfährt.

Selbstverständlich weichen auch Geburtsgewicht und -größe kein bisschen vom arithmetischen Mittelwert ab, und später weisen auch seine Schulnoten keine Höhen oder Tiefen auf. Die Aufzählung angehäuften Mittelmaßes macht Schmunzeln. Aber man schmunzelt zunehmend mit schlechtem Gewissen. Manuel wird hinter dem Vordergrund seiner Schrullen immer einfühlbarer, bleibt schließlich stets nur einen kleinen Schritt vom Leser entfernt, wird zu seinem Beinahe-ich und lässt ihn dieses «Beinahe» dankbar als ein Zum-Glück-doch-nicht erleben.

Maja ist eine kleine Versicherungsangestellte, die sich mit ihrem Chef anlegt und schließlich den Job hinschmeißt. Sie ist hilfsbereit, energisch und heftig auf der Suche nach einem vernünftigen Lebenssetting, in dem sie Fuß fassen könnte. Wie Manuel ist ihr bisher noch keine dauerhafte Beziehung gelungen, und das behutsame Heranführen des Lesers an das Warum, das sich ein ganzes Buch hindurch Zeit nimmt, immer neue Facetten zu einer umfassenden Deutung zusammenzufügen, gehört zu den vielen Erzählstärken des Romans.

72 Seiten dauert es, ehe die beiden einander über den Weg laufen. Beide von geradezu gegensätzlichem Temperament. Dieser Gegensatz bleibt in subtiler Weise mitbestimmend, wie die beiden interagieren und, nachdem man sie schon ausführlich, aber für die Neugierbefriedigung nicht ausführlich genug, kennen gelernt hat, werden sie jetzt aneinander sichtbar, wobei dem Leser immer genug Spielräume für die eigene Fantasie, für Identifikation und Abstand bleiben.

Wird's was mit den beiden oder nicht oder wenn, was, und wie geht es aus? Falls diese Frage im Leser dominiert, wird er sich früher oder später ein wenig dafür schämen, dass er einen solchen Trivialzug in einem Stück echter Literatur verfolgen wollte.

Daniela Meisel ist hauptberuflich Biologin. Das Schreiben betreibt sie neben Familie und Job. Hut ab!

Daniela Meisel - Gegen Einsam
Picus Verlag, Wien 2012
ISBN 978-3-85452-679-7

Franz Blaha

  • Cover: Daniela Meisel: Gegen einsam

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