Der Fall Modrý oder Damit die Sowjets ihre Atommeiler bauen konnten

24.11.2012

Mit den unmenschlichen Mitteln, die die Kommunisten anwendeten, um ihren totalitären Machtanspruch zu sichern, befasst sich Josef Haslingers jüngster Titel «Jáchymov». Haslinger beschreibt darin anhand eines prominenten Opfers die gnadenlose Tyrannei, mit der die Staatsorgane der ehemaligen ČSSR all jene verfolgten, die ihren Allmachtsanspruch ankratzen konnten.


Der Fall der «Staatsfeindlichen Gruppe Modrý und andere», wie es in der Prager Gerichtsakte aus dem Jahr 1950 heißt, betrifft den legendären Eishockeytorwart Bohumil Modrý und ist geeignet, in breiteren Leserschichten Interesse zu wecken. Das Buch ist damit, soviel sei vorweg bemerkt, ein schlagkräftiges Argument wider die Verblendungen marxistischer Romantik und die wachsende Nostalgie im Osten Europas.

Bohumil Modrý war 21 Jahre alt, als er 1937 erstmals für die tschechoslowakische Nationalmannschaft im Tor stand. 1938 gewannen die Tschechoslowaken bei der Weltmeisterschaft in Prag mit Modrý im Tor Bronze. Nach der Besatzung und Ausrufung des Reichsprotektorats Böhmen und Mähren durch die Nazis im März 1939 war das tschechische Eishockey sechs Jahre lang von der internationalen Eishockeywelt abgeschottet. Bohumil Modrý übte damals seinen bürgerlichen Beruf aus, er war Bauingenieur, und vertiefte sich in seiner Freizeit in Studien der Torwarttechnik. Er heiratete in Prag eine Schweizer Staatsbürgerin, die ihm später zwei Töchter gebar. Die ältere, Blanka, regte Haslinger zur Romanfigur der Tänzerin an.

Nach Kriegsende setzte Modrý seine Eishockeylaufbahn fort. Die Tschechoslowaken siegten bei der Weltmeisterschaft in Prag 1947 und in Stockholm 1949 und brachten 1948 Silber von den Olympischen Spielen in St. Moritz nach Hause. Modrýs Verdienste an diesen triumphalen Erfolgen sind unbestritten. Er erhielt ein Angebot, für die NHL in Kanada zu spielen. Der Prager Minister Kopecký, der für Sport zuständig war, lehnte jedoch Modrýs Ausreisegesuch ab. Modrý zog sich daraufhin enttäuscht aus dem tschechoslowakischen Nationalteam zurück. Dieser Vorfall und Modrýs Kontakte zu westlichen Ausländern sollte ihn bald seine Karriere und in letzter Konsequenz auch das Leben kosten.

Im März 1950 rüstete sich das Nationalteam, bereits ohne Modrý, für die Weltmeisterschaft in London. Doch es kam nicht zum Abflug. In einem Musterstück propagandistischer Tatsachenverfälschung täuschten die Behörden vor, das britische Konsulat habe aus Furcht vor der Stärke des tschechoslowakischen Teams Sand ins Getriebe gestreut und verzögere die Ausstellung der Visen für zwei Sportreporter; die Solidarität erfordere es, dass das gesamte Team zuwarte.

Der wahre Grund für die Vereitelung der Reise nach London war, dass kurz zuvor die Weltmeisterin im Eiskunstlauf, Alena Vrzáňová, der Tschechoslowakei den Rücken gekehrt hatte. Ein schwerer Schlag für die kommunistische Staatsspitze, zumal bereits mehrere Spitzensportler im Westen abgesprungen waren. Man fürchtete, dass sich auch das Eishockeyteam absetzen könnte, was eine weltweite Blamage bedeutet hätte.

Die wütenden Eishockeyspieler nahmen sich kein Blatt vor den Mund - und wurden wegen Schmähung von Mitgliedern der Staats- und Parteispitze verhaftet. Sie wurden einer staatsfeindlichen Verschwörung bezichtigt und wegen Hochverrats und Spionage verurteilt. Den Torwart Modrý, der zu diesem Zeitpunkt der Nationalmannschaft gar nicht mehr angehörte, steckte man mit den anderen in einen Sack und stellte ihn gleichfalls vor Gericht. Mehr noch, die an den Haaren herbeigezogene, perfide Anklage schob ihm sogar die Hauptschuld in die Schuhe. Er erhielt die Höchststrafe und wurde zu fünfzehn Jahren schwerem Kerker verurteilt. Rund ein Jahr später wurde er ins Straflager von Jáchymov überstellt, dem früheren St. Joachimsthal im nordböhmischen Erzgebirge.

Das dortige alte Bergwerk, das im 16. Jahrhundert das Silber für den berühmten Joachimstaler geliefert hatte, war damals ein berüchtigter Teil des tschechoslowakischen Gulags. Politische Häftlinge bauten hier Uran für die sowjetische Atomindustrie ab. Die Strafgefangenen schürften Uranerz und verluden es mit bloßen Händen auf Grubenwägen, atmeten Uranstaub und Radon ein und kamen mit radioaktivem Wasser in Berührung. Modrý schuftete nur ein paar Jahre unter den mörderischen Bedingungen der Uranminen von Jáchymov. Das reichte jedoch, um seine Gesundheit für immer zu ruinieren. Als er 1955 begnadigt wurde, blieb ihm nur noch eine kurze Lebensspanne, bis er 1963 im siebenundvierzigsten Lebensjahr verstarb.

In Tschechien ist die brutale Ausschaltung Bohumil Modrýs und der meisten seiner Teamkollegen im allgemeinen Bewusstsein verankert. Die Medien befassten sich damit, es gibt eine Autobiografie von Stanislav Konopásek, einem Stürmer, der 1950 ebenfalls verurteilt wurde. Der Fall stellt für die Tschechen ein historisches Faktum dar, einen Teil der kommunistischen Vergangenheit. In den deutschsprachigen Ländern war der Name Bohumil Modrý bis zu Haslingers Buch weitgehend unbekannt. Und seine Lebensgeschichte nimmt hier, aus der Ferne betrachtet, Züge einer Geschichte, eines Mythos an.

Hinzu kommt ein weiterer Aspekt. Da die kommunistischen Machthaber Sippenhaftung walten ließen, wurden auch die Angehörigen und Freunde von politisch Verfolgten in Mitleidenschaft gezogen. Sie wurden benachteiligt, wenn es um Bildung und Beruf ging, verfemt und von den Behörden schikaniert. Und nun begegnet Haslinger zufällig Blanka Modrá, der Tochter Bohumil Modrýs, die seit 1972 in Wien lebt. Sie weist ihn auf Bohumil Modrý hin und vertraut ihm ihre Sichtweise an, in der ihr persönliches Trauma mit eine Rolle spielt; zögernd, widerstrebend, zweifelnd, stets in der Sorge, ihrem Vater, um dessen Rehabilitation sie bemüht ist, nicht neues Unrecht zuzufügen, wenn die Darstellung der Wahrheit nicht vollständig entsprechen sollte.

Der Stoff lässt also mehrere Gestaltungsmöglichkeiten zu: eine sachliche Biografie, einen von der Wirklichkeit abgehobenen Roman, eine Erzählung über das Trauma der Angehörigen von Opfern politischer Verfolgung.

Der literarische Entwurf, den Haslinger für «Jáchymov» gefunden hat, thematisiert mit der Lebensgeschichte Bohumil Modrýs zugleich auch den gebrochenen Blick auf sie. Haslinger fügt den dokumentarischen Kern, der von Bohumil Modrý berichtet, in eine romanhafte Rahmenhandlung ein.

Diese erzählt von dem fiktiven Wiener Verleger Anselm Findeisen, der in der DDR aufgewachsen ist, und gerade ein neues Buchprojekt plant. Das Manuskript dafür soll ihm die ebenfalls fiktive Tänzerin liefern, der er wegen ihrer üppigen Haartracht den Beinamen «Struwwelpeter» verpasst hat. Anselm Findeisen und die Tänzerin laufen sich zufällig in der Rezeption des prunkvollen Joachimsthaler Kurhotels Radium Palace über den Weg. Findeisen ist gekommen, um sich nach einer Kur zu erkundigen, denn er leidet an Morbus Bechterew, einer schmerzhaften Versteifung der Wirbelsäule.

Die Tänzerin führen gänzlich andere Beweggründe in das Radonbad im Erzgebirge. Sie will die Uranminen kennen lernen, in denen ihr Vater Bohumil Modrý als politischer Häftling und Zwangsarbeiter darbte. Denn Jáchymov war einst nicht nur ein Ort der Heilung, sondern als Straflager auch einer des Verderbens. Die Tänzerin erzählt dem Verleger ihre Erinnerungen und verspricht ihm, sie aufzuschreiben. Die Geschichte Bohumil Modrýs und des tschechoslowakischen Eishockeys wird somit in «Jáchymov» in Form von Zitaten aus den Gesprächen und dem Manuskript der Tänzerin präsentiert.

Die Hybridgestalt aus fiktiver Rahmenhandlung und dokumentarischem Kern lässt Haslingers «Jáchymov» zunächst aufreizend, irritierend, ja unfertig erscheinen. Die Abschnitte, in denen die Tänzerin über ihren Vater erzählt, wirken, als ob Haslinger ihr seine Rechercheergebnisse in den Mund legte, mit einer bloß lapidaren belletristischen Verbrämung. Die von Haslinger zusammengetragene Faktenfülle, das sei betont, ist in der Tat beeindruckend. Aber kein Mensch plaudert am Kaffeehaustisch im Ton eines Gerichtsprotokolls oder einer Enzyklopädie.

Gerade diese Irritation, die vom Duktus des Werks ausgeht, ist es aber letztlich, was den Leser anregt, über die Konstruktion nachzudenken. Diese ist selbst bedeutsam. Sie spiegelt auf einer Metaebene die Brüchigkeit der Wahrnehmung historischer Ereignisse wider; zumal wenn es sich um Vorgänge zu Zeiten des Eisernen Vorhangs geht, die aus einem Gefühl gemeinsamer europäischer Verantwortung heraus über Landes- und Kulturgrenzen hinweg aufgearbeitet werden sollen, wie es Haslingers erklärtes und legitimes Ziel ist. Der sperrige Stil, über den der Leser stolpert, entpuppt sich als Botschaft.

Zweimal entgleitet dem in seiner Beweglichkeit eingeschränkten Verleger Anselm Findeisen das Manuskript der Tänzerin, einmal in einem Kaffeehaus, als er darin liest, einmal auf dem Schwarzenbergplatz, als er es in sein Verlagsbüro tragen will, und die Blätter landen verstreut auf dem Erdboden. Dieses symbolische Straucheln macht das Dilemma einer Fiktionalisierung von Stoffen deutlich, die sich um noch nicht vernarbte Wunden der jüngeren Geschichte drehen.

Dieses Dilemma pflanzt sich in der tschechischen Übersetzung von «Jáchymov» fort, die im Sommer im Brünner Verlag Jota erschien. Die Übersetzerin, Libuše Čižmárová, sah sich veranlasst, den Text in Abstimmung mit Blanka Modrá an einigen Stellen zu verändern; der größeren Authentizität wegen, wie es in der Nachbemerkung heißt. Also, damit aus dem Roman wieder Geschichte wird. Ähnlich geteilte Reaktionen wie «Jáchymov» hatte bei der tschechischen Literaturkritik und Leserschaft vor einigen Jahren schon der Roman «Laufen» des französischen Schriftstellers Jean Echenoz über den tschechischen Langstreckenläufer Emil Zátopek ausgelöst. Für die Tschechen sind diese legendären Sportler und ihre unglückselige Verstrickung in die Politik allzu real, um daraus fiktionale Plots zu schmieden.

Diskutabel ist das Zitat der Schriftstellerin Radka Denemarková, das Haslinger seinem Werk voranstellt.«Sie haben sich von der Räudigkeit der Nazis anstecken lassen, ohne sich dessen bewusst zu sein.» Der Verweis auf die Konzentrationslager der Nazis greift wie alle einfachen Vergleiche komplexer Sachverhalte zu kurz. Deutsche Wörter werden seit Jahrhunderten in die tschechische Umgangssprache übernommen. An Ausdrücken wie «lágr» oder «apelplac» lässt sich eine Parallelität zwischen der Vernichtungsmaschinerie der Nazis und dem Unterdrückungs- und Ausschaltungsapparat der Kommunisten nicht festmachen, auch wenn sämtliche totalitären Systeme gewisse Ähnlichkeiten aufweisen. Schon gar nicht lassen sich aber durch einen solchen Vergleich die Verbrechen der Kommunisten mildern. Die wussten ganz genau, was sie taten.

Wie unauslotbar die geschichtlichen Vorgänge hinter dem Eisernen Vorhang für Unbeteiligte sind, wie schwer es fällt, sie emotional nachzuvollziehen, zeigt auch eine andere Stelle des Buches. Als den Verleger Anselm Findeisen wieder einmal Schmerzen plagen, heißt es: «Und er versetzte sich in Bohumil Modrý hinein.» Glaubt der Autor allen Ernstes, die gesundheitlichen Beschwerden seiner Romangestalt Anselm Findeisen hätten irgendetwas mit den Qualen der Gefangenen des Straflagers von Jáchymov gemeinsam?

Ein Stollen der stillgelegten Bergbaubetriebe von Jáchymov ist übrigens neuerdings für Touristen geöffnet. In diesem Stollen, in dem Führungen angeboten werden, wurden Buntmetalle abgebaut. Die Uranminen «Einigkeit» und «Barbara» liegen gleich nebenan. Ein unbeschwerter Ausflug in ein malerisches Erzgebirgstal mit dem ältesten Radonheilbad der Welt, um einen Eindruck vom grausamsten Zwangsarbeitslager der ČSSR zu gewinnen? Das passt zu Haslingers «Jáchymov». Die Wahrheit ist so vielschichtig wie die Silber-, Buntmetall- und Uranminen von Sankt Joachimsthal.


Josef Haslinger - Jáchymov
Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag 2011
ISBN: 978-3-10-030061-4

Maria Hammerich-Maier

  • Josef Haslinger: Jáchymov

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