Wildwood

– das klingt ganz nach Verbotenem. Und was verboten ist, verführt seit Adam und Eva: Das gilt für Äpfel ebenso wie für Bücher. Das verheiratete Autoren-Duo Meloy/ Ellis hat ein Buch geschrieben, das davon fesselnd zu erzählen weiß.


1. Die Story: Einen Trailer zum Buch gibt’s auf youtube: www.youtube.com/watch?v=9fA6fCIXWL0. So ist man gleich im Bild. Jedenfalls: Es geht um die bizarre Realität in der Wildnis, um das, was sich zwar in unmittelbarer Nähe der Zivilisation abspielt, von dem aber keiner nichts Genaues weiß. Und also ist es verboten, dorthin zu gehen. Wenn man aber einmal da ist, gibt’s unglaubliche Abenteuer mit unglaublichen Wesen. Hier erwartet einen viel Fantastisches, das Meloy/Ellis genial und gekonnt in Szene gesetzt haben: ein Leseabenteuer!

2. Die Helden: »Wie fünf Krähen es schafften, ein neun Kilo schweres Baby in die Lüfte zu heben, ging über Prues Verstand« – der erste Satz gleich versetzt uns mit der 12-jährigen Prue an den Rand des Wahnsinns. Sie wird als erste Außenweltlerin den Fuß auf dieses Terrain vague setzen, dieses wagemutige Mädchen auf der Suche nach seinem entführten Brüderchen; Curtis, ihr Schulkollege, ein empathischer Nerd, folgt ihr. Aus beider Perspektive – sie werden gleich zu Beginn getrennt – wird die Geschichte erzählt, oft mit sardonischem Witz und anspruchsvollem Vokabular. Meloy unterfordert seine Leser/innen keinesfalls, und denen gefiel’s, das Buch wurde New York Times-Bestseller, von renommierten Kollegen wie Jonathan Safran Foer gab’s lobende Worte. Weil das alles seine Berechtigung hat, darf man sich auf Band 2 und 3 der Wildwood Chronicles freuen!

3. Der Sound: Meloy ist eigentlich Singer-Songwriter, Frontman der Decemberists, einer Indie-Folkband aus Portland, Oregon, ebenjener Stadt, die am Rande der «Undurchdringlichen Wildnis» des Buches liegt. Demnächst, Anfang Dezember, werden sie in einer Simpsons-Folge zu sehen sein (so wie U2 oder die Red Hot Chili Peppers oder Tom Waits). Meloy versteht es, in seinen Songs ganze Geschichten in weniger als vier Minuten zu erzählen, lyrisch verschwurbelt freilich. Viel von diesem Talent ist auch in Wildwood zu spüren, selbst wenn der Schriftsteller Meloy hier die epische Breite zelebriert und eine dickleibige Schwarte geschrieben hat, wie es sich für einen süffigen Abenteuerroman voller Gefühle gehört. Geschildert wird abwechselnd aus Prues bzw. Curtis‘ Perspektive, in kurzen Kapiteln, die einen unmittelbar an die Lese-Angel nehmen und durch geschickte Cliffhanger-Technik dranbleiben lassen. Das ist zweifelsohne aber auch ein Verdienst von Astrid Finke, seiner großartigen Übersetzerin!

4. Coole Worte: Kieferntangare, Nachtschwalbe, Graubauchsegler – so heißen die fantastischen, exotischen Vogelnamen, die Prue in David Slbleys Vogelführer findet und die sie «wie leise Zauberformeln vor sich hin flüstert». Im Lauf des Buches gibt es noch mehr davon.

5. Coole Bilder: Im Anfang war natürlich das Wort, aber dennoch hat Ellis bei der Geschichte kräftig mitgemischt. Zunächst gab es Uneinigkeit über die Farbpalette, unstrittig war Ellis‘ Line-Art. Alles beginnt, wie jede kluge Entdeckung, mit einer Landkarte der mysteriösen Gegend: Süd- und Nordwald, Wildwald, die Lange Straße, das Vogel-Fürstentum, der Ratsbaum, die Villa Pittock; Kapitelanfänge und Textpassagen werden zeichnerisch schön mitgestaltet; außerdem gibt’s sechs Farbtafeln.

6. Zum Nachdenken: «Heiliger Strohsack! Ist das gerade wirklich passiert?» – ein Satz aus Curtis‘ Mund. Nur wer Abenteuer wagt, darf solche Fragen stellen.

7. Die AutorInnen: Meloy lernte Ellis, seine Frau, schon in der Schulzeit kennen. Er ging mit seinen Decemberists auf Tour, sie studierte Illustration, zeichnete für Bücher und die Band. Die Idee zu einem gemeinsamen Buch wurde verschoben; nach Jahren aber doch umgesetzt: voilà!

8. Das Buch: Colin Meloy (Text), Carson Ellis (Illustration): Wildwood. Aus dem Amerikanischen von Astrid Finke. München: Heyne Verlag 2012, 591 Seiten, EUR 20,60

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