Schwejk trifft Münchhausen

06.10.2012

Der im Vorwort des Autors als autobiographischer Roman bezeichnete Text behandelt die Erlebnisse des Autors mit seinem einstigen Lehrer und Ausbildner, damals Leiter der ornithologischen Station inmitten der Mecklenburgischen Seenplatte. Zur ehemaligen DDR gehörig, bildete diese nicht nur Zentrum und Ausbildungsstätte für Ornithologen und Fachkräfte aus verschiedensten Ostblockländern, sondern auch Anlaufstelle für Funktionäre der kommunistischen Nomenklatura, die in der urtümlichen und wildreichen Gegend sowohl Erholung suchten als auch illegale Jagden zu veranstalten pflegten.


Diese beeindruckende, im Roman als Kalfhaus bezeichnete Persönlichkeit, wird als ebenso charismatisch wie widersprüchlich dargestellt. Zwischen allen möglichen Haltungen und Rollen hin und her oszillierend – eine Mischung aus Schwejk, Münchhausen, Hofnarr und Rumpelstilzchen – gelingt es ihm, trotz seiner inneren Distanz, ja Ablehnung des real-sozialistischen Staates, sich aus den schwierigsten und turbulentesten Lebenssituationen jeweils mit ziemlich heiler Haut herauszulavieren. Er profitiert dabei entscheidend von seiner nachgewiesen antifaschistischen Vergangenheit, die ihn vor allen Verdächtigungen und Anwürfen wie mit einer Teflonschicht schützt.

Das Lügen ist ihm dabei allerdings so sehr zur zweiten Natur geworden, dass der teilweise spielerische oder «kreative» Umgang mit der Wahrheit einerseits seine charakterlichen Defizite offenbart, als auch jene mit der Zeit rückwirkend zu verstärken scheint. Der Autor wählt den Kunstgriff, jeweils einige Varianten derselben Situation nebeneinanderstellend nachzuerzählen, die jener Kalfhaus bei verschiedenen Gelegenheiten für passend hielt und entsprechend ausgeschmückt zum besten gab.

Leitfaden und Gerüst des Romans sind Gespräche und Vorträge Kalfhaus' , die inmitten einer Schar aufmerksam lauschender Studenten stattfinden. Hier liegt meines Erachtens auch die Schwäche des Textes. Indem er auf einen Erzählfluss wie auch auf dramaturgische Entwicklung verzichtet, wird die Lektüre zu einer äußerst spröden Angelegenheit. Die Einwürfe und Fragen der Studenten wirken außerdem häufig konstruiert, ja, manchmal sogar etwas unbeholfen. Das liest sich dann etwa so:

Kalfhaus: «Wo sind wir stehengeblieben?»
«In Eger», meldete einer der aufmerksamen Zuhörer.
«Das hätten die Sowjets doch wissen müssen», bemerkte jemand von den erstaunten Zuhörern.
«Konnten die Tschechen...diesen Einsatz verhindern?», fragte eine der interessierten Studentinnen.
«...mischte sich eine der kritischen Studentinnen ein...fragte die aufmerksame Studentin, die von Anfang an großes Interesse an Kalfhaus Ausführungen zeigte.»

Solche Ausführungen gipfeln dann hin und wieder in seltsamen, an amtliche Verlautbarungen gemahnende Statements wie: «Es entwickelte sich eine rege Diskussion, die von einer noch nie dagewesenen Offenheit gekennzeichnet war.»

Solche Beispiele sind nicht nur im gesamten Text zu finden, sondern kennzeichnen ihn geradezu.

Wenig verwunderlich, dass der Text durch diese Vorgangsweise nichts an Anschaulichkeit, noch auch einer dieser beflissenen Stichwortgeber an persönlichen Konturen gewinnt. Leider erstreckt sich dies auch auf den Hauptprotagonisten Kalfhaus selbst, der trotz des beschriebenen Reichtums an Schrullen, Eigenheiten und Widersprüchen seines Charakters seltsam blass und papieren bleibt. Dabei wird durchaus deutlich, dass diese schillernde Figur nicht ohne Format ist und zuweilen durch kluge, von ebenso psychologischem wie politischem Durchblick zeugende Bemerkungen aufhorchen lässt.

Dass der Autor von diesem begnadeten Eulenspiegel nachhaltig, wenn auch ambivalent, beeindruckt ist, kann ihm vom Leser abgenommen werden - auch wenn es über weite Strecken literarisch wenig anschaulich umgesetzt ist.


Milan Rácek: Spielarten der Wahrheit
SPICA Verlags & Vertriebsgesellschaft, 1. Auflage 2012
ISBN 978-3-943168-10-5

Gabriele Folz-Friedl

  • Racek 'Spielarten der Wahrheit', SPICA Verlag

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