Die Pein des Wochenendes

18.08.2012

In den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts tauchten sie vermehrt auf, die mit allerhand Merkwürdigkeiten ausgestatteten, sich selbst entfremdeten Angestellten-Figuren etwa in den Romanen von Wilhelm Genazino und Walter E. Richartz. Sie trugen komische, sprechende Namen wie Abschaffel oder Fräulein Mauler, und sie schleppten sich missmutig durch ihren öden Büroalltag ohne Aussicht auf Befreiung aus dem dusteren Gefängnis namens Berufsleben.


Der Klagenfurter Autor und Musiker Daniel Wisser, Jahrgang 1971, präsentiert in seinem zweiten Roman Standby nun ein etwas anderes Exemplar des neurotischen Büromenschen; zum einen bleibt sein Protagonist überhaupt namenlos, zum anderen macht ihm nicht mehr der Arbeitsalltag, sondern im Gegenteil die Freizeit und die damit einhergehenden gesellschaftlichen Verpflichtungen zu schaffen. Kurzum: er lebt, um zu arbeiten und hat Freude daran.

Der Mann ist Teamleiter in einem Callcenter, ihn umschwirren Kollegen mit Arbeitsbezeichnungen wie Junior und Senior Support Engineer, und sein besonderes Augenmerk gilt der Aufrechterhaltung der sogenannten clean desktop policy. Das Büro betritt er üblicherweise als Erster und verlässt es als Letzter, weil ihn zuhause die verhasste Ehefrau erwartet, die er nur noch daran erkennt, «dass sie in derselben Wohnung lebt wie er» (S. 13). Nimmt der eheliche Frust Überhand, stopft er die Lieblingsbluse der Frau in den Müll oder reinigt das Waschbecken mit ihrer Zahnbürste.

Daneben verbringt er seine Zeit vor allem mit Tagträumereien über den Weltuntergang, «eine unerbittliche Hochdruckreinigung des Saustalls Zivilisation» (S. 91). Seine ihn ständig begleitende Vision: wenn die Banken erst einmal gecrasht sind und die Wirtschaft zusammengebrochen ist, wird er sich mit einer jungen Arbeitskollegin auf eine uneinnehmbare Festung zurückziehen, da er früh genug die entsprechenden Vorkehrungen (Hortung von Nahrung, Medikamenten, Waffen) getroffen haben wird. Doch zunächst sieht er sich dringlicheren Problemen gegenüber, denn es steht ein weiteres Wochenende bevor und «im Wochenend-Modus treten regelmäßig Energieschwankungen auf» (S. 64). Diese bestehen aus zu viel Alkoholkonsum, daraus resultierenden körperlichen Beschwerden, dem quälenden Warten auf das Vergehen der Zeit, nächtlichen Stimmen, die dem Mann sagen, «alles wäre falsch gemacht worden. Ein falscher Weg wäre eingeschlagen worden. Die Frau müsse schleunigst durch eine andere Frau ersetzt werden. Eine neue Arbeit müsse gesucht und gefunden werden. Warum wird auf diese Stimmen nicht und nicht gehört?» (S. 78).

In vier Kapiteln mit den saloppen Überschriften «Freitag», «Samstag», «Sonntag» und «Montag» begleitet man diesen Namenlosen durch ein an sich harmloses Wochenende; Freitagabend steht eine Party von Freunden (der Frau - er hat keine) am Programm, am Samstag der deprimierende Besuch beim Vater im Altersheim, Sonntag wird spazieren gegangen und ein Kinofilm besucht. Doch unter der Oberfläche brodelt es. Die Arbeitsaffäre namens Eva wurde unversehens zur Vorgesetzten, der gegenüber äußerste Vorsicht zu herrschen hat (es könnte schließlich alles gegen einen verwendet werden), die kleinen Gehässigkeiten gegen die Frau drohen mehr und mehr in offene Gewalt auszuarten und die wirre Tagträumerei von den Vorbereitungen auf den Weltuntergang wird plötzlich zur Realität, als der Mann eines Tages tatsächlich einen 20-Kilogramm-Sack Reis nach Hause schleppt und vorsorglich daheim deponiert.

Wisser hat für seinen famosen Angestelltenroman 2.0 eine ideale Sprache gefunden. Konsequente Passivkonstruktionen dienen der Darstellung einer zerrütteten Innenwelt, der Bloßlegung eines gefährdeten Ichs, welches selbst in einem Endlosstrom aus Passivität unterzugehen droht: «Es wurde immer noch nicht aufgestanden. Der Körper wird im Bett liegend vorgefunden» (S. 63). Bis ins kleinste Detail wird die Banalität des Lebens ausgeleuchtet und zum Prinzip erhoben: «Nach dem Hochziehen der Jalousie wird ein Himmel gesehen werden können» (S. 68). Der Roman liest sich somit an manchen Stellen wie eine Gebrauchsanweisung zum heimlichen Verrücktwerden. Für den Protagonisten kommt die Rettung in Form des «erlösenden Montags» gerade recht; der heiß ersehnte Beginn einer neuen Arbeitswoche befreit ihn - vorerst - von seinen inneren Zuständen. Endlich muss nicht mehr gedacht, sondern nur noch gearbeitet werden. Jedoch: das nächste Wochenende kommt bestimmt.

Mario Karl Hladicz

Daniel Wisser: Standby. Roman. 198 S. Klever: Wien 2011.
ISBN: 978-3-902665-37-9

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