Heimat bist du großer Zwerge?

11.08.2012

Faust und Schwejk. So brachte Jiří Gruša die deutsch-tschechische Polarität einmal auf den Punkt. Faust gedeihe im böhmischen Dorf-Idyll, ähnlich wie die Person eines Václav Havel, nicht besonders. So schließt er diesmal sein neues Opus mit einem Schwejk-Apokryphos ab: Frau Müller berichtet ihrem kränkelnden Herrn, man habe Präsident Benešs Verdienste um den Staat mit einem Sondergesetz herausgestellt. Nun, welcher Staat denn da eigentlich gemeint sei? Schwejk sei ja nur bekannt, daß das Staatsoberhaupt zweimal seine Chance nicht wahrgenommen habe.


– Spielt der Autor hier vielleicht auf Joseph Roths Gedanken aus dessen Schwejk-Rezension (1926) an: Wäre Hašek nicht allzu früh gestorben, er hätte wohl noch ein Buch geschrieben, in dem sein neues tschechoslowakisches Vaterland eine ebenso ironische Spiegelung erfahren hätte wie sein altes österreichisches?

Das Provokante und Subversive tritt bei der deutschen Titelgebung stärker hervor, denn da wird der Name Beneš unterschwellig gegen einen anderen, nämlich den von Hitler, eingetauscht. Gruša versteht seine literarische Strategie eben zur Effizienz zu bringen. Er schreibt an keinem hochbetagten Hochschulwälzer, sondern bewältigt seine Aufräum-Hausarbeit im Takt eines Wiener Walzers: Wohldosierte Lese-Portionen von bis zu höchstens sechsseitigen Kapiteln, vielfach weniger, lassen den Essay eine Romanform mimen. Seinen eigenen Worten zufolge wollte er mit einschlägigen Beneš-Mono- und Biographien nicht konkurrieren, sondern «nur» ein Psychogramm beisteuern. Nach Umfang und Format steckt er sie mit seinem Opusculum zweifelsohne in die Tasche. Er erzählt den tschechoslowakischen «Präsident-Erbauer»-Mythos in knappen Sätzen, ohne komplizierten Satzbau, dafür mit manch einem Kalauer, Stab- oder Schlagreim, einfach mit Lust an Laut und Wohlgestalt. Manchmal changiert die Rede im Text zwischen erlebt und Außenkommentar, die Umgangssprache stärkt den Eindruck der Innenschau oder dient der Kontaktaufnahme mit dem Leser.

Nicht zu vergessen ist Grušas Vorliebe für die Etymologie von Eigennamen. In seinem Psychogramm beruft er sich mehrfach auf sprechende Namen, auf die «Verpflichtung des Namens», davon ausgehend wie die moderne Psychologie. Eduard, so der Vorname von Beneš, heißt etwa «Hüter des Schatzes, Besitzes». Allerdings brachte Beneš-Benedictus seinem Nachnamen nach mehr Unsegen denn Segen. Bei der Lesung mit Miguel Herz-Kestranek im Tschechischen Zentrum in Wien dürfte in der Diskussion das Wort gefallen sein, Beneš sei ein Gartenzwerg der europäischen Geschichte. Bei seinem Brünner Universitätsvortrag in der Mährischen Landesbibliothek im April wandelte Gruša das Urteil dahingehend ab: Benešs Statuen seien nur noch als Gartenzwerge zu verwenden. Dies angesichts der gegenüberliegenden Juristischen Fakultät, vor der am 10. 4. 2010 eine solche aufgestellt wurde. (Bereits als Staatspräsident wurde Beneš am 16.3.1937 dort die Ehrendoktorwürde der Philosophischen Fakultät der Masaryk-Universität als «einer der Leuchten der Weltdemokratie» verliehen.) Wiewohl man Gruša sein «Herausfallen» aus der diplomatischen Rolle, seine undiplomatische Kurz- und Streitschrift bzw. seine zugespitzten Formulierungen auch verdenken mag, er hat die Zwerg-Metapher dennoch nicht erfunden. Auch der zurückhaltende Schriftsteller Věroslav Mertl (1929), beinahe Grušas Altersgenosse, meint in seinen Tagebuchaufzeichnungen (2002) über das Beneš-Rezept der Umsiedlung, daß «unfähige und rachsüchtige politische Zwerge, zumal sie an der Macht sind, es mitsamt anderen Rezepten als ein allgemein anwendbares Instrument zur Verschiebung ganzer Völkerschaften begrüßten, sobald diese, von einem Versucher für eine Zeitlang verführt, den anderen lästig fallen.» Gruša erscheint die deutsch-tschechische Erklärung durch die obenerwähnte Lex Beneš («Präsident Beneš machte sich verdient um den Staat»), gewissermaßen zurückgenommen. Diese Äußerung findet man allerdings nicht im Buch, aber sie war Gegenstand der Diskussion.

Der Tenor von Grušas Botschaft lautet: Beneš amtierte als Second-Level-Politiker in der Art eines Generalsekretärs und leistete sein Bestes nur im Tandem mit anderen (T. G. Masaryk, W. Churchill). Im Alleingang stand er in den Jahren 1935–38, 1945–48 nicht seinen Mann. Grušas Buch besticht insbesondere durch seine Sprachgestaltung. Er bedient sich des lockeren Tons eines Willy Lorenz (Monolog über Böhmen), den er auch zitiert, setzt aber mehr auf Scharfsinn denn Schwermut. Literarische Parallelen und Narrationen wirken anregend. Inwieweit aber die literarische Vorliebe für akausale Analogien und Kontextualisierungen das kausal-genetische Denken eines Zunfthistorikers eher verdeckt, wäre allerdings noch zu bedenken. Manch ein von Gruša gezogener Vergleich müsste nicht ohne weiteres schlüssig sein. Zum Beispiel: Inwiefern sind Benešs Geburtsort Kožlany mit Plasy als Geburtsort des sudetendeutschen Ur-Nationalsozialisten Rudolf Jung (1882–1945) und von daher ihre Ideologien symbolisch verbunden? – Wo doch für Jung der Gegensatz zwischen der tschechischen «Hussitenstadt» Tábor und dem deutschen Iglau, dem «Felsen im slawischen Meer», eine wesentlichere Rolle spielten? Auch in der Parallelisierung der sexuellen Abneigung gegen Frauen zwischen Beneš und Hitler dürfte es zumindest im Falle Hitlers, wie heutzutage bekannt, nicht ganz zu stimmen.

Im großen und ganzen: Wenn immer wieder Parallelen zwischen Österreich und der Tschechoslowakei gezogen, aber das Auseinandergehen der beiden Länder nach 1945, Benešs mental-physische Entösterreicherung (Entgermanisierung) und realpolitische Sowjetisierung sowie sein unrühmliches Ende – im Vergleich mit dem, die Sowjetisierung Österreichs aus allen Kräften ablehnenden, Bundeskanzler Leopold Figl – nicht unterschlagen werden, so bleibt die Kardinalfrage schließlich nicht aus: In welchem heimatlichen Garten stehen eigentlich mehr historische Zwerge, groß oder klein? Im Interview mit dem «Mitübersetzer» des Buches Mojmír Jeřábek (in der Brünner Zeitschrift Kontexty) verzichtet Gruša selbst auf die gesprächsweise lancierte Zwerg-Metapher. Beneš sei kein Eduard der Mohr (Eduard Mouřenín), sondern der moribunde Edvard (Mořený Edvard).

Jedenfalls: Erscheint Grušas Polemik (oder dem Interviewten zufolge zugleich sein Beneš-Psychogramm) demnächst im deutschsprachigen Raum, kann man wohl je nach der Resonanz schließen, ob sein Name tatsächlich vom Verb grušit – lärmen abgeleitet ist. Und vielleicht auch von krušit, nämlich das Gestein des Beneš-Mythos «zermalmend» und dessen Zelebranten „zerknirschend“. Dies- wie jenseits der Landesgrenze. Auch wenn der Autor nur mehr allein durch sein wahrlich letztes Buch sprechen kann.


Roman Kopřiva

Jiří Gruša – Beneš jako Rakušan. Tschechische Fassung von Jiří Gruša und Mojmír Jeřábek. Brno: Barrister Principal, 2011. 148 S. ISBN 978-80-87474-12-9.

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