Anders

... sind zwei Bücher, in denen es ums Meer geht: das eine von Miriam Koch mit dem Schaf Fiete Anders und der Nordsee (ein Bilderbuch), das zweite von Nick Hayes mit dem Seemann, dem Albatros und dem Nordpazifik (eine Graphic Novel). Lektüre zum Eintauchen!


1. Die Story: «Jetzt lausche meiner Geschichte/sie klingt bizarr/doch alles, was ich berichte,/ist absolut wahr!» So tönt es bei Hayes, und der dies spricht, erhält gleich eine rüde Abfuhr: «Lass mich in Ruhe/du Spinner!/Ihr Penner macht mich krank! Wie Nostradamus und Kassandra/unkt ihr vom Weltuntergang.» Die Rede vom verschmutzten Meer und dessen Rache hat Hayes der alt-ehrwürdigen Coleridge-Ballade «Rime oft the Ancient Mariner» entliehen. Fiete hat es besser, zwar ist er einfach anders wie sein Name, ein rot-weiß-gestreiftes Schaf nämlich; aber er findet zum Schluss einen großen Freund, der seine Strahlen schickt, sodass «Fietes Augen leuchten»: Es ist der Leuchtturm.

2. Die Helden: Fiete ist zunächst einsam, und unser Seemann auf hoher See, der den Albatros aus purer Fadesse erschießt, ist es auch: «Die Fischer standen sprachlos da, als wären sie aus Stein, und einer nach dem anderen fiel. Dann war ich ganz allein.» Unser Schäfchen jedoch bringt sich ins Trockene; der Seemann dagegen haucht seine Seele aus.

3. Der Sound: «Ich fühlte mich auf einmal frei wie ein Vögelein … Meine Seele entwand sich aus des Schlafes Griff» – Hayes Sprache kann durchaus blumig sein, melancholisch freilich auch und polternd. Henning Ahrens bringt viel vom Balladenton in unsere Zeit und Gegend herüber, ein gelungenes Unternehmen. Miriam Koch genügt je eine schlichte Textzeile auf den linken Seiten, um Fietes Abenteuer zu erzählen.

4. Coole Worte: Giftmelasse, das brodelnde Säuremeer, Abfallteppich, Maschinen des Menschen, geflügelt und gestählt (=Flugzeuge)

5. Coole Bilder: Schwarze Konturen, Schraffuren, Flächen, ein blasses Blau als Füllfarbe, Weiß – diese Drei in variierter Zeichen- und Maltechnik genügen Hayes, um seine Geschichte in wechselnder Blattaufteilung realistisch, ornamental und fantastisch zu illustrieren. Miriam Koch pflegt einen unaufgeregten Zeichenstil, klar, flächig und gewitzt in Bildaufteilung und Perspektive. Das ungewöhnliche Querformat macht einen weiten Meereshorizont möglich. Da wie dort lässt sich viel entdecken, bei Hayes für ältere, bei Koch für jüngere Augen.

6. Zum Nachdenken: «Wohin du auch gehst, geh mit Deinem ganzen Herzen.» Konfuzius liefert das Motto für Miriam Kochs Buch, Bob Dylan jenes für Hayes: «But they’ll pinch themselves and squeal,/And they’ll know that it’s for real,/The hour that the ship comes in.»

7. Die AutorInnen: Miriam Koch, 32, hat mit Fiete Anders einen Long-Seller gelandet, eben ist die 7. Auflage des Buchs mit dem auffälligen Format erschienen. Fiete Anders gibt es als Wollschaf, Frühstücksbrettchen und Geschirr, als Bleistift mit Topperfigur und als Grußkarten-Set, als Butterbrotdose, Trinkflasche und als Zauberhandtuch! Und: es gibt auch schon ein neues Fiete-Buch: Eine Reise mit dem Wind. Nick Hayes, 30, Autor, Illustrator und politischer Cartoonist für den Guardian, legt hier sein erstes Buch vor – sehr eigenwillig, sehr schön!

8. Die Bücher: Nick Hayes: Die Ballade von Seemann und Albatros. Hamburg: Mare Buchverlag 2012, 352 Seiten, 28 Euro. Miriam Koch: Fiete Anders. Gerstenberg 2012, 40 Seiten, 17,40 Euro


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