Leoš Janáčeks Oper "Die Sache Makropulos" am Staatstheater Nürnberg

24.06.2012

«Eine 300 Jahre alte Schönheit – und ewig jung – aber nur ausgebranntes Gefühl in ihr! Brrrrr! Eiskalt! Über sie schreibe ich eine Oper», schrieb Janáček 1923 in einem Brief an Kamila Stösslová, seine späte Liebe. Im Prager Theater in den Weinbergen hatte er Karel Čapeks philosophisch-utopische Komödie «Die Sache Makropulos» kennen gelernt.


1926 wurde dann am Brünner Nationaltheater Janáčeks gleichnamige Oper uraufgeführt. Für das Libretto kürzte Janáček die Komödie, schrieb sie aber kaum um. Genau ein Jahrhundert später ist die selten gespielte Oper nun am Staatstheater Nürnberg zu sehen

Was würde geschehen, wenn es gelänge, das Menschenleben zu verlängern oder gar die Unsterblichkeit zu erreichen? Diesen Gedanken spielt Čapek in seinem Konversationsstück über einen hundertjährigen Erbschaftsstreit durch, kostet ihn mit intellektuellem Vergnügen in ausgeklügelten, gewollt bizarren Verwicklungen aus. Durch die Hauptfigur Emilia Marty erhalten sie surreale Züge. Die Diva ist zur Zeit Kaiser Rudolfs II. geboren. Ihr Vater war der Grieche Hieronymus Makropulos, Leibarzt und Alchemist am Hofe des Kaisers. In dessen Auftrag erfand er ein Lebenselixier - und erprobte es an seiner halbwüchsigen Tochter.

337 Jahre alt ist Emilia Marty, als sie in der Prager Anwaltskanzlei Kolenatý auftaucht und in den verworrenen Erbschaftsstreit eingreift. Die gefeierte Diva, unsterblich im schillernden Doppelsinn eines Bühnenwerks, dessen Handlung die Opernwelt mitspiegelt, ist eine Patchwork-Persönlichkeit. Im Laufe ihres viele Generationen übergreifenden Lebens hat sie mehrere Identitäten und Namen angenommen, die gleichwohl alle die Initialen E. M. aufweisen. Sie war Elina Makropulos, Elian MacGregor, Elsa Müller, Ekaterina Myschkina und Eugenia Montez. Die Kette ihrer Verwandlungen reicht schließlich mit Emilia Marty bis ins Prag der neunzehnhundertzwanziger Jahre, den Schauplatz der Oper.

Die Reise der Sängerin durch die Opernwelt der Jahrhunderte wird in Ian Burtons und Sonja Westerbecks Dramaturgie durch eine stumme Szene im Vorspiel bühnenwirksam vorgeführt: Die Sängerin schlüpft nacheinander in zeitgebundene Kostüme von der Renaissance bis zur Moderne, sie durchmisst mit herrischem Schritt die schwarze, tunnelartige Raumkulisse (Bühnenausstattung: Radu Boruzescu), deren gestufte Tiefengliederung die für die Architektur der Oper so wichtige Dimension der Zeit andeutet. Eine unheimliche, monströse Gestalt, die das Naturgesetz des Todes durchbricht.

Der resolute Anwalt Kolenatý, durchschlagskräftig gesungen von dem slowakischen Bass Gustáv Belácek, kündigt im ersten Akt die baldige Entscheidung des Erbschaftsstreits Prus gegen Gregor an, der sich schon fast ein Jahrhundert hinzieht. Plötzlich tritt Emilia Marty ein und gibt dem Verfahren eine neue Wende. Sie weiß Einzelheiten, die der Strom der Zeit längst verschüttet hatte. War sie doch selbst in ihrer langen Vorgeschichte mit dem Erblasser, dem Baron Josef Prus, liiert gewesen und hatte ihm einen außerehelichen Sohn geboren. Doch der Diva geht es nicht um das Erbe. In der Erbmasse befindet sich, versteckt in einem alten Schrank, die Formel Makropulos, das Rezept für das Lebenselixier. Dieses braucht sie dringend, um ihr Leben nochmals zu verlängern, denn sie fühlt ihre Kräfte schwinden.

Janáčeks eingangs zitierter Ausruf brrrr! kommt einem unwillkürlich auf die Lippen, als die Diva in der markigen Interpretation der amerikanischen Sopranistin Mardi Byers die Bühne betritt: ein Hauch von Kälte umweht sie, trennt sie von den übrigen Personen, die bleiche, starre Maske erinnert an eine Wachsfigur, das perlweiße Kleid und der gelbgrüne Mantel (Kostüme: Miruna Boruzescu) lässt sie unnahbar, befremdlich erscheinen. «Bleichgrünes Licht überschwemmt die Bühne und den Zuschauerraum» hatte Janáček als Regieanweisung für die Schlussszene des dritten Akts notiert. In der Nürnberger Inszenierung beunruhigt das «Bleichgrüne» im Kostüm der Marty den ganzen Abend über, lässt die Gedanken nicht los.

Grün, sonst die Farbe der Jugend, des Frühlings, der Hoffnung ruft in dieser «bleichgrünen» Tönung Assoziationen mit fühllosen Kaltblütern, Fäulnis, Gift hervor. Diese Farbsymbolik drückt das Zweifelhafte des alchemistischen Zauberstücks des Hieronymus Makropulos aus, vermittelt die philosophische Botschaft von Čapeks Komödie: Jeder Versuch, den Frühling des Lebens ins Unendliche auszudehnen, muss in einem Verfall der Empfindungsfähigkeit enden. Die ständige Wiederholung von Liebe, Schmerz, Ruhm, Enttäuschung lässt abstumpfen, ruft bleierne Langeweile hervor, nichts hat Bedeutung, alles ist gleich. Es ist gerade die Mangelware Zeit des kurzen Menschenlebens, die ermöglicht, dass wir Erlebnisse tief empfinden, die Welt mit wachen Sinnen wahrnehmen, an den Menschen glauben können.

Der farbige dramatische Sopran von Mardi Byers bringt die Gemütsverfassung der zu fortwährender Existenz verdammten Diva fein ausgearbeitet zur Geltung. Emilia Marty ist jähzornig, gefühllos, zynisch, doch unter der spröden Schale ihres rücksichtslosen Gehabes verbirgt sich eine tiefe Verzweiflung, die in dem emphatischen Monolog der Schlussszene hervorbricht: «Tot sein, am Leben sein - das alles ist dasselbe ... wenn freudlos dumpf der Atem schleicht! Aber davon wisst ihr nichts, ihr lebt mit leichtem Herzen! Seht einen Sinn in allem! Nähe und Wärme freut euch! Jede Minute ist wertvoll! Toren, ihr seid so glücklich ...» Begleitet wird die Sopranistin hier von dem unsichtbar hinter der Bühne angeordneten Herrenchor des Staatstheaters Nürnberg unter der Leitung von Tarmo Vaask. Abweichend von Čapeks Komödie und Janáčeks Libretto zerreißt die ausgebrannte Diva in Robert Carsens Inszenierung zum Schluss die Formel des Lebenselixiers. Sie wählt aus freier Entscheidung den Tod und schreitet durch eine im Bühnenhintergrund sich öffnende Pforte ins Jenseits, gleißendem Licht entgegen.

Als der Vorhang fällt, erntet Mardi Byers an der Spitze der Sänger bewundernden Applaus, viel Beifall findet aber auch Dirigent Philipp Pointner. Die Staatsphilharmonie Nürnberg macht unter seiner Leitung die anspruchsvolle musikalische Ästhetik Leoš Janáčeks zum beeindruckenden Hörerlebnis. Nur bei höchster Konzentration erschließt sich die Schönheit und Ausdruckskraft dieser musikalischen Sprache: Jedes Motiv ist für sich genommen bedeutsam, auch wenn es nur wenige Takte lang ist. Die Musik begleitet nicht, untermalt nicht, sondern sie transportiert die emotionalen Regungen der Figuren und Stimmungen der Bühnenvorgänge; zuweilen in kontrapunktischem Gegenlauf zum oberflächlichen Wortsinn der Repliken von Čapeks wirklichkeitsnaher Alltagsprosa, der nur einen Teil der ganzen Wahrheit enthält.

Janáčeks Opernästhetik lässt sich nur auf Tschechisch angemessen umsetzen, zumal die musikalischen Motive durch die tschechischen Satzmelodien inspiriert sind. Robert Carsens Inszenierung, die vor Nürnberg schon in Straßburg zu sehen war, behält denn auch das Tschechische bei, obgleich außer Gustáv Belácek nur die junge slowakische Sängerin Judita Nagyová (charmant in der Nebenrolle der ehrgeizigen Nachwuchssängerin Krista) eine slawische Muttersprache hat; alle Sänger meistern die die schwierige Fremdsprache und vor allem deren Satzmelodien: Michael Putsch in der Rolle des Klägers Albert Gregor, Martin Nyvall als Anwaltsgehilfe Vítek, der einfühlsame Bariton Kurt Schober in der Figur des versponnenen Erbanwärters Jaroslav Prus, Martin Platz als dessen unglücklich verliebter Sohn Janek, Richard Kindley als betagter Verehrer Hauk-Šendorf und schließlich Taehyun Jun und Joanna Limanska-Pajak in den Nebenrollen des Bühnentechnikers und der Reinigungsfrau bzw. der Kammerzofe Emilias. Durch die Texteinblendungen oberhalb der Bühne lässt sich die Handlung gut mitverfolgen.

Eine «Leidenschaft für das Konkrete» erblickt Milan Kundera in seinem Essay «Auf der Suche nach der verlorenen Gegenwart» im Kompositionsstil des mährischen Opernneuerers Leoš Janáček, der als einer der Ersten Libretti in Prosa vertonte. Janáček reihe sich unter die großen Antiromantiker der Opernkomponisten ein: «Janáček pflegte mit einem Notizblock spazieren zu gehen und lebendige Sprachäußerungen in Noten zu fassen, die er um sich hörte. (...) Seine Studien der Melodie der gewöhnlichen Umgangssprache erklären die melodische Originalität seiner Musik.» Die Klangwelt lebendiger Rede in Alltagssituationen erschloss Janáček eine neue Quelle der musikalischen Einbildungskraft.

Am Staatstheater Nürnberg kann man das eindrucksvolle Hörerlebnis von Janáčeks musikalischen Entdeckungen in mehreren Reprisen noch bis zum Oktober genießen.

Maria Hammerich-Maier


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  • Mardi Byers (Emilia Marty); (c) Jutta Missbach
  • Mardi Byers (Emilia Marty), Richard Kindley (Hauk-Sendorf) und Statisterie; (c) Jutta Missbach
  • Kurt Schober (Prus), Martin Nyvall (Vítek), Judita Nagyova (Krista), Mardi Byers (Emilia Marty), Gustáv Beláček (Kolenatý) und Michael Putsch (Albert Gregor); (c) Jutta Missbach

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