"Wildspargel" ist kein wilder Spargel

18.06.2012 Kurt Bracharz

Früher pflegte ich Ausführungen über den sogenannten «Wildspargel» mit dem Bonmot einzuleiten, er sei weder wild noch ein Spargel. Diese an Marktständen verkauften Blütensprossen einer mediterranen Pflanze, die wie hellgrün gefärbte, große Getreideähren aussehen, werden ganz offiziell unter dem Handelsnamen «Wilder Spargel» angeboten – das Merkwürdige an der Legalität dieser Bezeichnung ist dabei, dass es ja tatsächlich auch wild wachsenden «echten» Spargel gibt, der aber ganz anders aussieht und schmeckt und folglich nicht mit seinem Namensvetter verwechselt werden sollte.


Es gilt also: «Wilder Spargel» ist keineswegs außerhalb von Kulturen wild gewachsener Spargel. «Wilder Spargel» ist der anscheinend allgemein akzeptierte Handelsname für den in Frankreich gezüchteten Pyrenäen-Milchstern (Ornithogalum pyrenaicum), ein Hyazinthengewächs. «Richtiger» wild wachsender Spargel wie Asparagus officinalis oder Asparagus acutifolius gehört zu den Liliengewächsen.

Auf das oben angeführte Statement verzichte ich allerdings zumindest vorübergehend, weil es laut Wikipedia neuerdings Botaniker gibt, welche die Milchsterne (auch Vogelmilch, Stern von Bethlehem oder Gärtnerschreck genannt) nun doch zu den Spargelgewächsen (Asparagaceae) zählen. Angesichts der giftigen Zwiebeln der Milchsterne wundert das den Laien, aber vielleicht gibt es ja in der DNA von Asparagus und Ornithogalum große Gemeinsamkeiten. In Wikipedia heißt es jedenfalls: «Die systematische Einordnung der Milchsterne hat öfters gewechselt. Waren sie früher den Liliengewächsen zugeordnet, stehen sie heute (nach Franz Speta) als eigener Tribus Ornithogaleae in der Unterfamilie Scillioideae.»

Im Volksmund werden noch andere Pflanzen gelegentlich als «Wildspargel» bezeichnet, vor allem der Waldgeißbart (Aruncus dioicus syn. silvestris) und die jungen Triebe vom Hopfen (Humulus lupulus), wobei man Letztere wiederum nicht mit den (unterirdischen) Hopfensprossen verwechseln sollte. Der Pyrenäen-Milchstern seinerseits heißt auch Waldspargel, Preußischer Spargel oder französisch Aspergette des bois.

Dass das verwirrend sein kann, belegt ein Artikel im Münchner Magazin «foodhunter» Nr. 9, März-Juni 2012, der mit «Wilder Spargel» betitelt ist, dessen Fotos den Pyrenäen-Milchstern zeigen und in dessen Einleitung auch richtig vermerkt wird, dass es sich dabei nicht «wirklich um Spargel» handelt. Im Text wird der «Wilde Spargel» aber dann mehrfach mit wildem Spargel verwechselt, am deutlichsten im Hinweis auf das Spargelfest im kroatischen Lovran, das dem dort wild wachsenden Asparagus und nicht dem Ornithogalum gilt.

Man kann den Milchstern-«Wilden Spargel» roh essen, blanchieren oder braten. Man wird ihn aber auch im Blindversuch geschmacklich von Thai-Spargel oder von dünnem grünen Spargel immer problemlos unterscheiden können.


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