Geschweige denn Ostrava

28.06.2012

Die erste Ausgabe 2012 der deutschen Literaturzeitschrift «die horen», die Nr. 245, zusammengestellt von Mirko Kraetsch und Eva Profousová, widmet sich der neuen tschechischen Literatur, nein, der Titel notiert korrekter «Literatur aus Tschechien».


Das 180 Seiten starke Heft bietet neben literarischen Porträts von Künstlern Poems und Prosa von insgesamt 15 Autorinnen und Autoren, übersetzt von acht Übersetzerinnen und Übersetzern inklusive der beiden Herausgeber sowie Illustrationen von 14 Künstlerinnen und Künstlern. Alle Literaten sind zwischen 1961 und 1989 geboren. Bei den Grafikern sind zwei ältere vertreten. Für alle Autoren ist die Zeit der sogenannten «Normalisierung» also mehr oder weniger Geschichte, die nur noch als Kindheitseindruck, wenn überhaupt, nachwirkt.

Etliche der hier versammelten Texte sind liebevolle Porträts von Künstlerfreunden. Gemeinsam mit den Illustrationen wird so ein Panorama geistiger Landschaften gezeigt, in welches sich die Prosatexte und Gedichte gut einfügen.

Lobenswert die hohe Anzahl unterschiedlicher Übersetzer und Übersetzerinnen. Das zeigt eine Vielfalt von Herangehens- und Übertragungsweisen, wie sie für eine «kleine Literatur» besonders wichtig sind.

Von den Herausgebern wird im Vorwort behauptet, dass man in Deutschland und Österreich nur wenig über die heutige tschechische Wirklichkeit wisse. Das ist eine Stereotype, die des Beleges bedürfte um ernst genommen zu werden; sie provoziert auch zur nicht gestellten Frage, was und wie viel denn die Tschechen heute vom Ausland, vor allem der EU, wissen. Der Politik nach zu schließen nicht viel.

Die Wende hat in Tschechien auch geistig einiges in Bewegung gebracht. Zwar mangelt es an der eigenen Geschichtsaufarbeitung immer noch, aber es werden Fortschritte sichtbar. Gewisse Tabuthemen wackeln und werden von einigen Unerschrocken thematisiert, bearbeitet und «kommuniziert». Reizthemen wie Sudetendeutsche, Todesmärsche, Restitutionen und dergleichen werden nicht mehr unter Verschluss gehalten. Das ist ein Fortschritt. Ob sie die literarische Qualität der Publikationen heben, ist eine andere Frage.

Die Herausgeber «laden ein zur Entdeckung einer Literatur, die längst nicht mehr das fremde Andere darstellt, sondern das Eigene – im Anderen. Häufig werden heute Themen behandelt, die auch hierzulande in der Auseinandersetzung mit Vergangenheit und Gegenwart eine große Rolle spielen, nur eben aus einer eigenen, tschechischen Perspektive.»

Man darf etwas verwundert sein. Haben denn die Schriftsteller vor und während der Normalisierungszeit nicht eigene, tschechische Perspektiven gewählt? War die eigene Literatur so fremd und am fremden Anderen fixiert? Wo doch über lange Zeit das Fremde nur stark gefiltert, entsprechend den ideologischen, politischen Vorgaben, ins Blickfeld genommen werden durfte? Ist nicht deshalb den jungen Tschechen heute ihre eigene Literatur aus ihrer unmittelbaren Vorzeit so fremd, weil sie so themenorientiert, tschechoslowakisch bzw. sozialistisch war?

Unabhängig solcher Fragen bietet dieses Heft einen willkommenen Zugang zu einem jüngeren Teil von Literatur aus Tschechien.

Geschweige denn Ostrava ... Neue Literatur aus Tschechien. Zusammengestellt von Mirko Kraetsch und Eva Profousová. die horen, Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kritik. Nr. 245/ 1. Quartal 2012, Wallstein Verlag, Göttingen

Louis Christian Wolff

weiterführende Links:

Verlagsseite

artCore

Verein zur Förderung von
Online-Kulturberichterstattung
und Kunstpräsentationen im Internet

Kontakt

Schendlinger Straße 2, A-6900 Bregenz
T +43 (0)5574 85362
info@kultur-online.net

Kultur-Online Schweiz
T +41 (0)79 437 79 33
kapi@kultur-online.net

©artCore 2001-2016. Alle Rechte vorbehalten. Nutzung ausschließlich für den privaten Eigenbedarf. Eine Weiterverwendung und Reproduktion über den persönlichen Gebrauch hinaus ist nicht gestattet.