Tschechische Literatur 1945-2000

23.06.2012 Haimo L. Handl

Jiří Holýs neues Buch mit dem Untertitel «Tendenzen, Autoren, Materialien», 2011 im deutschen Verlag Harrassowitz erschienen, bietet in aller Kürze auf 237 Seiten ein brauchbares Handbuch zur neueren tschechischen Literatur. Herausgegeben von der Wiener Slawistin Gertraude Zand, übersetzt von Hanna Vintr und der Herausgeberin, offeriert der Band in drei Teilen den komplexen Stoff:


Der erste, umfangreichste Teil behandelt auf 125 Seiten die Tendenzen in sechs Abschnitten. 1. Die Jahre nach dem Krieg 1945-1948, 2. Die Jahre des Stalinismus 1948-1956, 3. Die Jahre des Tauwetters 1956-1963, 4. Die «Goldenen Sechziger Jahre» 1963-1969, 5. Die Jahre der Normalisierung 1969-1989, und schließlich 6. Die Jahre nach der Wende 1989-2000.

Im zweiten Teil werden auf 68 Seiten 37 Autoren porträtiert, wobei die bibliographischen Angaben besonders deutsche Übersetzungen berücksichtigen.

Der dritte Teil, Materialien, bietet auf 12 Seiten Bibliographien.

Im Vorwort hebt die Herausgeberin einige Besonderheiten der tschechischen Literatur und ihrer Geschichtsschreibung hervor und bemerkt:

«Jiří Holý stellt im ersten Teil seines Buches die Tendenzen der tschechischen Literatur vor dem Hintergrund des gesellschaftlichen Gesamtkontextes dar, zeigt einzelne Entwicklungslinien auf und belegt diese mit Beispielen. Das literaturgeschichtliche Konzept geht also nicht vom einzelnen Autor aus, sondern von der Dynamik der Entwicklung, von einem Denken in Generationen, Strömungen und Reaktionen. Der Verfasser setzt einerseits die analytische und literaturgeschichtliche Tradition des tschechischen Strukturalismus fort, folgt andererseits aber dem auch in der tschechischen Literaturwissenschaft verankerten hermeneutischen Verständnis von Literatur als Ausdruck des menschlichen Geistes und der individuellen Persönlichkeit des Autors.»

Nun, was hier als Besonderheit betont wird, ist eigentlich Standard. Es gibt zuhauf Literaturgeschichten, die den gesellschaftlich-kulturellen Kontext beleuchten und berücksichtigen und nicht nur auf Persönlichkeiten fokussieren. Wer nicht eine Portraitsammlung sucht, wird die Literatur immer im historischen, politischen Kontext eingebettet erklärt finden. Manche Autoren schaffen das sogar in Aufsätzen, man denke nur an den Schweizer Literaturwissenschaftler Peter von Matt. Die vollmundige Ankündigung von der «Dynamik der Entwicklung» oder «Denken in Generationen» verspricht mehr, als der Text erfüllen kann. Vor allem in so einer kurzgefassten, gerafften Darstellung.

Es ist ein allgemeines Problem der Literaturwissenschaft, soweit sie wissenschaftlich sein will, dass sie einerseits neben den gesellschaftlichen Faktoren die Einzelfälle stark berücksichtigen muss, andererseits nicht in der Lage ist und sein kann, die sogenannt objektiven Faktoren (gesellschaftlicher Kontext) so zu erklären, dass daraus schlüssig und zwingend die eine oder andere Entwicklung folgt. Wie man da das «Denken in Generationen» anders als post faktum Deskription, belegt an Einzelbeispielen, liefern will, bleibt ein Geheimnis. Klar gibt es Gemeinsamkeiten, Bedingtheiten. Aber ebenso Divergenzen, Abweichungen, für welche die Rationale der Theorie nicht ausreicht, weshalb diese immer erweitert und angepasst wird. Was als Beschreibung verstehbar bleibt, überzeugt nicht als wissenschaftliche Aussage. Die Literaturwissenschaft ist keine exakte und erlaubt keine Prognosen. Diese bedingte ja eine Determiniertheit, die gerade die Vielzahl unterschiedlicher Erscheinungen (Produktionen, Rezeptionen) bei gleicher Ausgangslage konterkariert.

Bedauerlich bleibt, bei aller gründlicher Leistung, dass die Arbeit sich primär auf die tschechische Literatur beschränkt, obwohl bis zur Sezession 1993 es sich um eine tschechoslowakische Literatur handelte; der slowakische Anteil wird nur marginal berücksichtigt.

Trotzdem lassen sich Phasen ausmachen und unterscheiden. Das ist schon hilfreich als Orientierungsrahmen. Dem folgt auch die Gliederung in die erwähnten sechs Abschnitte. Für die tschechische Literatur nach 1945 werden zwei Hauptgruppen unterschieden, die erlaubte offizielle und die verbotene, verfolgte. Die unerlaubte wird dann in zwei Gruppen gegliedert, jene, die daheim im Samizdat erschien und jene im Ausland als Exilliteratur. Wir finden also eine Dreiteilung:

  1. Heimische erlaubte, offizielle Literatur (gefördert)
  2. Heimische unerlaubte, inoffizielle Literatur (Untergrund, Samizdat)
  3. Exilliteratur (tschechische Exilverlage bzw. Publikationen im Ausland auf tschechisch oder in Übersetzungen)

Die Behandlung der Entwicklungstendenzen wird mit vielen Werkbelegen verschiedenster Autoren unternommen. So wird dem Leser, der mit der nationalen Geschichte bzw. Kulturgeschichte nicht so vertraut ist, eine Orientierung und Übersicht ermöglicht. Weil in den einzelnen Abschnitten auch die Genres untersucht und dargestellt werden, ergeben sich Überschneidungen und Redundanzen.

Die Portraits und die Materialien schließlich vervollständigen das Bild und liefern wichtige Informationen zur Vertiefung, besonders für den deutschsprachigen Leser. Die hohe Bedeutsamkeit des Übersetzungswesens, gerade für eine relativ kleine Sprache, wird betont und illustriert.

Die theoretische, kritische Auseinandersetzung mit Geschichte, Politik und Literatur erscheint mir zu kurz und vereinfacht. Ein literaturkritischer Diskurs bleibt aus. Die Hauptprobleme und –aspekte des Zusammenhangs zwischen Nazi-Okkupation, Hoffnung der Änderung durch Kommunismus, die Enttäuschung und Niederhaltung durch den Realkommunismus, die Intermezzi der Tauwetterperioden, die euphemistisch «Normalisierung» genannte Periode und schließlich die Wende 1989 und der damit dramatisch eintretende Wandel der Rolle der Kultur, speziell der Literatur, verlangen nach einer tieferen Betrachtung und Deutung. Die kursorische Übersicht bietet aber zumindest eine Struktur, einen Rahmen, den jeder bei Interesse weiterverfolgen kann.

Im sozialistischen Realismus war der Nationenbegriff ganz anders gedeutet. Literatur hatte eine ideologisch fundierte Basis und Aufgabe, die nicht den nationalen Gegebenheiten und Mythen folgte, sondern einem erzieherischen Ziel als Teil der Politik. Die Problematik einer Nationalliteratur gegenüber einer Literatur aus einer Nation erschien damals in ganz anderem Gewand und Gewicht. Das lässt sich nicht simpel mit der Einordnung in politische, ethische oder moralische Kategorien abtun. Der Realismusstreit beschäftigte nicht nur Autoren im Osten, sondern auch im Westen. Es ging um grundlegende Weltanschauungen und daraus resultierende Funktionen der Literatur bzw. Kultur generell.

Der Widerstand gegen diese diktierte Heilslehre gründete auf anderen Werten. Dass er nicht offen kulturell in Konkurrenz treten durfte, machte einen wesentlichen Teil seiner spezifischen Leistungen, besonders im Literarischen, aus. Der offiziellen Wertschätzung gewisser Literaten und Werke entsprach die gegenüberliegende der Verfemten und Verfolgten, besonders im westlichen Ausland. Für lange Zeit bestimmten außerliterarische Kriterien Wichtigkeiten und Qualitäten. Das lässt sich prägnant am Funktionswandel der Literatur nach der Wende ablesen.

Die Literatur der Tschechoslowakei war in einer Art «Biotop». Nach der Wende war alles anders. Und, literarisch gesehen, nicht nur zum Guten. So heißt es, nicht überraschend, im sechsten Abschnitt «Die Jahre nach der Wende»:

«Neben der Problematik der kommerziellen Verwertung sind die tschechischen Schriftsteller auch in einem bisher ungekannten Maße der Konkurrenz durch Übersetzungen aus der Literatur anderer Länder ausgesetzt. Aus diesen Gründen sanken nach einer Welle des Interesses an der ehemals verbotenen Literatur zu Beginn der 90er Jahre die Auflagenzahlen rapide, vor allem bei der Belletristik gingen sie von zehntausenden auf maximal tausend Bände hinunter. Das sinkende Interesse an der tschechischen Literatur ist jedoch auch eine Folge des Einzugs neuer Medien. ... So verschwindet langsam die Tradition des konzentrierten, langsamen Lesens, die für ganze Jahrhunderte einen unverzichtbaren Teil der europäischen Kultur ausgemacht hat.»

Nach einer Feststellung der positiven Chancen durch elektronische Medien heißt es weiter: «Zugleich werden aber Stimmen gegen die oberflächliche Interpretationen des »Postmodernismus« im Dienste des Massenkonsums laut. Sie machen darauf aufmerksam, dass der analog zum freien Warenmarkt eingeführte freie Markt der Werte einen Niedergang der demokratischen Gesellschaft einleiten könnte.»

Der Umwandlungsprozess der tschechischen Literatur zu einer aus Tschechien ist tiefgreifend, für einige schmerzlich, für andere «normal». Die neue Normalität wird hoffentlich eine andere Art von Normalisierung sein.

Jiří Holý: Tschechische Literatur 1945-2000. Tendenzen, Autoren, Materialien. Ein Handbuch. Hg. Von Gertraude Zand. Aus dem Tschechischen übersetzt von Hanna Vintr und Gertraude Zand. Harrassowitz, Wiesbaden 2011; ISBN 978-3-447-06575-7

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