Klaus Ebners "Dort und anderswo"

16.06.2012

Das Persönliche mit dem Allgemeinen verbinden um es dadurch anschaulich und fassbar zu machen, dieser Maxime scheinen Klaus Ebners in loser Folge aneinandergereihte Essays verpflichtet, die in entspanntem Plauderton das geneigte Publikum an den Erlebnissen eines leidenschaftlich Reisenden teilhaben lassen wollen.


Dass dadurch so ganz nebenbei abundante Kenntnisse von Land und Leuten vermittelt werden, nicht nur kulturelles und geschichtliches Allgemeingut, sondern vielmehr «abseitiges» Spezialwissen – Abseitiges ist ja häufig besonders interessant und aufschlussreich - macht die Lektüre zeitweise regelrecht spannend. Es wird nicht viele literarisch Interessierte geben – oder höchstens die, die den «Don Quichotte» mit größtmöglicher Aufmerksamkeit gelesen haben - die schon einmal von Joanot Martorell und seinem Roman «Tirant lo Blanch» gehört haben, und noch weniger, die dessen Bedeutung für Cervantes Roman zu würdigen wussten. Ob diese «Ausgrabung» uns heutige Leser tatsächlich ansprechen würde, mag dahingestellt sein, immerhin jedoch umgibt sie der sagenhafte Nimbus einer bereits im Niedergang begriffenen ritterlichen Kultur, deren letztes Wetterleuchten in Cervantes gleichzeitig romantisch und parodistisch gefärbtem Werk aufscheint.

Jedenfalls demonstriert auch diese Darstellung die besondere Liebe des Autors zur katalanischen Literatur und Kultur, die er nicht müde wird, dem Leser nahezubringen, u.a. auch durch Erwähnung unübersetzter, in der katalanischen Heimat gleichwohl berühmter Literaten wie Josep Pla i Casadevall, Mercè Rodoreda und Montserrat Roig.

Generell scheint Reiseliteratur dieses Genres, die Persönliches so gekonnt und mühelos mit Allgemeinem verbindet, einigermaßen aus der Mode gekommen zu sein. Auch der scheinbar leichte Ton entzieht sich herkömmlichen Kategorien und hat aktuell wenige Beispiele. Hin und wieder erinnern Stil und Diktion Ebners an einen inzwischen fast vergessenen «Reiseschriftsteller» namens Richard Katz, Deutschprager, Zeitgenosse und Freund etlicher heute bekannter, und im Fall Kafkas, weltberühmter Schriftsteller, der im selben beiläufigen Plauderton dem Publikum seine Weltreisen und – betrachtungen zu Gemüte führte (wenn auch vielleicht nicht im selben Ausmaß mit der Bildung Ebners ausgestattet).

Ebner vermittelt jedoch nicht nur historisches – und spezifisches Fachwissen (ein ganzes Kapitel vermittelt z.B. interessante Einblicke in die Mühen des Übersetzers), auch ganz aktuelle Zeitbezüge fehlen nicht. Sie zeigen sich beispielsweise in den mit aller Ernsthaftigkeit vorgetragenen Reflexionen zum gegenwärtigen Verhältnis der westlichen Welt zum Islam, oder auch betreffend die in North Carolina erlebte nach wie vor zwar nicht gesetzlich aber real vorhandene Rassendiskriminierung.

«Dort und Anderswo», zwanzig Essays im Stil eines Reisetagebuchs, die den Leser in unaufdringlicher Art an die Hand nehmen und mit dem Gefühl zurücklassen, auf unterhaltsame Art belehrt und bereichert worden zu sein.

Klaus Ebner: Dort und anderswo. Essays. Gebunden, 185 Seiten,
Mitterer Verlag, Wels 2011? ISBN 987-3-9502828-9-4

Gabriele Folz-Friedl

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