Eiffelturm, Seine und Montmartre - Paris im Film

14.06.2016 Walter Gasperi

Paris – das ist nicht nur die Stadt der Liebe, sondern nach New York wohl auch der beliebteste Schauplatz der Filmgeschichte. Nicht nur zahllose französische Filme spielen in der Seine-Metropole, sondern auch internationale Regisseure, vor allem amerikanische, lassen ihre Helden immer wieder davon träumen.


Einen Eindruck von Paris als Filmkulisse vermittelt schon der Umstand, dass Rüdiger Dirk und Claudius Sowa in ihrem 470-seitigen Buch «Paris im Film» 600 «Parisspielfilme» vorstellen. Zu allen Zeiten war die französische Hauptstadt bei Filmemachern beliebt, bot ebenso den Hintergrund für Alltagsgeschichten wie für Krimis - und natürlich für Liebesfilme.

Von Paris als dem Ort des verlorenen Glücks träumen Humphrey Bogart und Ingrid Bergman in «Casablanca» (1942), Projektion eines Neubeginns und eines Ausbruchs aus der kleinbürgerlichen amerikanischen Enge und Uniformität ist Paris für Kate Winslet in «Revolutionary Road» (2008).

Entscheidend geprägt hat für die Amerikaner das romantische Bild von Paris wohl Vincente Minnelli klassisches Musical «An American in Paris» (1951), in dem sich ein mittelloser amerikanischer Maler in der Stadt der Liebe verliebt. In Nachfolge dieses Erfolgs ließ Stanley Donen fünf Jahre später in «Funny Face» (1956) Fred Astaire als Modefotograf und Audrey Hepburn die Schönheiten der Seinemetropole entdecken.

Während Richard Linklater in «Before Sunset» (2004) Ethan Hawke und July Delpy Romantik in den Spaziergängen am Seineufer und durch verschlafene Gässchen entfaltet, bedient Woody Allen in «Midnight in Paris» (2011) lustvoll die Klischee-Bilder, spielt aber auch mit ihnen und lässt seinen amerikanischen Protagonisten in die vermeintlich Goldene Zeit der späten 1920er Jahre eintauchen und Berühmtheiten von Hemingway bis Bunuel, von Scott Fitzgerald bis Picasso treffen.

Während der Episodenfilm «Paris, je t´aime» (2006) den Blick internationaler Regisseure auf verschiedene Arrondissements bietet, sieht man in Cédric Klapischs «So ist Paris» (2008) die klassischen Sehenswürdigkeiten höchstens in der Ferne. Ins Zentrum rückt der Franzose vielmehr die Welt der einfachen Leute von einem herzkranken Tänzer über eine Sozialarbeiterin bis zu einer Bäckerin und Marktarbeitern und verknüpft beiläufig und nur am Rande ihre Geschichten.

Auf diesen Alltag blickte freilich schon René Clair 1930 in «Sous les toits de Paris», während Jean-Pierre Jeunet in «Le fabuleux destin d´Amélie Poulain» (2001) die Welt märchenhaft verklärte. Drastischer Realismus und romantische Liebe prallen auch in Leos Carax´ furiosem «Les amants du Pont Neuf» (1991) aufeinander.

Völlig in die Welt der Randständigen tauchen dagegen Mehdi Charef mit «Le the au harem d´Archimedes» (1995) und Mathieu Kassovitz mit «La Haine» (1995) ab. Mit drastischem Realismus schildern diese Filmemacher jenseits aller Schönfärberei und abseits aller Touristenattraktionen die soziale Not und die Gewalt in den Banlieues.

Kontrast dazu bieten wieder die postmodernen in Neonfarben getauchten cool-stilisierten Gangsterfilme der 1980er Jahre von Jean-Jacques Beineix und Luc Besson. Jeder Realität enthoben sind Kinomärchen wie «Diva» (1981) oder der teilweise in der Metro spielende «Subway». An Künstlichkeit übertroffen werden diese Filme nur vom Musical «Moulin Rouge» (2001), in dem Baz Luhrman mit einem Feuerwerk an optischen und musikalischen Effekten eine tragische Liebesgeschichte aus dem Paris des Fin de siecle erzählt.

In diese Zeit entführt auch Jean Renoir in seinem mitreißenden «French Can-Can» (1954), während Marcel Carné in «Les enfants du paradis» (1943-45) die Atmosphäre der Theaterwelt des 19. Jahrhunderts evozierte. Beklemmend schilderte dagegen Francois Truffaut in «Le dernier métro» (1980) die Stimmung der deutschen Besatzung während des Zweiten Weltkriegs.

Diesen Rückblicken steht die Beschwörung der aktuellen Zeitstimmung in Marcel Carnés «Hôtel du Nord» (1938) und «Le jour se léve» (1939) gegenüber, in deren Fatalismus die Atmosphäre unmittelbar vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs greifbar ist.

Ganz anders fingen dagegen die jungen Regisseure der Nouvelle Vague die franzosische Hauptstadt ein. Mit Handkamera filmte Jean-Luc Godard die Gangstergeschichte von «A bout de souffle» (1959) auf den Straßen, Agnes Varda folgte in «Cléo de 5 à 7» (1961) zwei Stunden ihrer Protagonistin, die glaubt an Krebs erkrankt zu sein, durch die Stadt.

Unterkühlt und stilisiert wiederum ist das Paris in den Gangsterfilmen von Jean-Pierre Melville, melancholisch die nächtliche Stimmung in Louis Malles «L´ascenseur pour l´echafaud» (1958). Und auch als Kulisse für spektakuläre Actionszenen kann man die Seinemetropole und ihre Sehenswürdigkeiten bestens nutzen: Grace Jones darf in «James Bond – For Your Eyes Only» (1981) zum kühnen Sprung vom Eiffelturm ausholen, und fast an der Tagesordnung sind schließlich spektakuläre Verfolgungsjagden über breite Straßen, enge Gassen und holprige Treppen in Actionfilmen wie «Die Bourne Identität» (2002) oder «96 Hours» (2008).

Paris ist eben nicht nur die Stadt der Liebe - sondern eine Stadt, die sich mit ihrem Charme und ihren Sehenswürdigkeiten für unterschiedlichste Filme als Kulisse eignet.

Buchtipp: Rüdiger Dirk / Claudius Sowa, Paris im Film, Bertz & Fischer Verlag 2002, 472 S., 29 Euro

  • Sous les toit de Paris (Rene Clair, 1930)
  • L´ascenseur pour l´echafaud (Louis Malle, 1948)
  • An Amerikan in Paris (Vincente Minnelli, 1951)
  • Before Sunset (Richard Linklater, 2004)
  • Midnight in Paris (Woody Allen, 2011)
  • Les amants du Pont Neuf (Leos Carax, 1991)
  • Diva (Jean-Jacques Beineix, 1981)
  • La Haine (Mathieu Kassowitz, 1995)

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