Ein (Trachten)anzug, der allein spazierengeht

26.05.2012

Christian Krachts Roman «Imperium». Der Inhalt darf aufgrund der allseits ausufernden Rezeption als bekannt vorausgesetzt werden, deswegen hier nur eine auf das Wesentlichste beschränkte Inhaltsangabe: Der Aussteiger August Engelhardt aus Nürnberg reist Anfang des 20. Jahrhunderts in die Südsee und kauft dort die Insel Kabakon, damals Teil der wilhelminischen Kolonie Deutsch-Guinea.


Engelhardt ist eine historische Figur, Esoteriker, Vegetarier, Sonnenanbeter, der auf Kabakon mithilfe noch anzuwerbender Gleichgesinnter eine Art paradiesischer Gegenwelt und Gesellschaft errichten will, deren Ernährung ausschließlich auf der, seiner Meinung nach, vollkommensten aller Früchte, der Kokosnuss basiert.

Die nach und nach sich einstellende Jüngerschaft beschert dem Idealisten aber nicht nur Enttäuschungen aller Art, sondern macht ihn, wenn auch aus moralischen Gründen, sogar zum Mörder. Schließlich erregt das exzentrische Treiben auf Kabakon derart das Missfallen des Gouverneurs der Kolonie, dass er Engelhardt nach dem Leben trachtet. Er setzt einen Killer auf ihn an, der ihn jedoch aus Mitleid verschont und seinem Schicksal überlässt. Von allen verlassen fällt Engelhardt in immer abgründigere Verstörung, verspeist im Wahnsinn u.a. seinen leprösen Daumen, und wird, abgemagert und auf jede Weise verwildert, nach Ende des ersten Weltkriegs auf einer weit abgelegenen Insel von amerikanischen Soldaten aufgegriffen. Seine unglaubliche Geschichte wird aufgezeichnet und bildet denn auch folgerichtig Stoff für einen Hollywoodfilm.

Sorgt der geschraubte, an Thomas Mann und Hermann Hesse geschulte Tonfall anfangs auch noch für amüsierte Neugier, wohin denn der Dichter damit sinnvollerweise hinauswill - immerhin ja mal eine Abwechslung zu bekannten zeitgenössischen Literaturstilen - so wird mit fortschreitender Lektüre eines klar: hier waltet nichts als sinnentleerte Eitelkeit, die sich bald in «äolisches Moll» kleidet, bald in einem Heizer den «Demiurgen gegen die Impertinenz der Weltordnung» entdeckt, dergestalt, dass der Leser, von der Selbstverliebtheit eines manierierten Narzissmus angeödet, zunehmend die Geduld verliert.

Gutwillige Bemühungen, das ganze als Parodie aufzufassen, als geistreichen Versuch ästhetischer Ironisierung des Kitsches, verpuffen ebenfalls, da - einzelne Passagen und Formulierungen unbenommen, in denen ein hintersinniger Humor aufblitzt - der Roman doch letztlich um ein paradoxes Zentrum innerer Leere kreist.

Dass Christian Kracht von einem aufmerksamen Lektor vor unsinnigen Formulierungen wie z.b. «blendendes Sfumato» («blendendes» Sfumato, ein Widerspruch in sich, schau nach bei Leonardo da Vinci), oder botanisch unzutreffenden Bezeichnungen wie «glibberiges» Fruchtfleisch der Kokosnuss etc. etc., hätte bewahrt werden sollen, nur am Rande.

Wer dem Autor Rassismus oder unterschwelliges Verbreiten rechten Gedankenguts vorwirft,ist ganz sicher ebenso auf dem Holzweg wie diejenigen, die ihn auf der Suche nach der Blauen Blume der Romantik wähnen, oder Zeitkritisches im Sinne des allmählich heraufdräuenden Faschismus in dem Text entdecken wollen. Hier handelt es sich um nichts als eklektizistisches Posieren, sowohl was Inhalt als auch Stil angeht. Wie völlig dem Autor historisches Fingerspitzengefühl abgeht, oder wie gleichgültig ihm dieses gegebenenfalls ist, zeigt sich schon in der nonchalant hingeworfenen verharmlosenden Formulierung betreffend Hitler als «kleiner Vegetarier mit absurder schwarzer Zahnbürste unter der Nase» etc., als handle es sich beim «Großen Diktator» um eine Art Zwillingsbruder Charlie Chaplins und in vergleichbar unsäglich geschmacklosen Stellen wie die bereits erwähnte «in äolischem Moll düster anhebende Todessymphonie der Deutschen» etc.

Was bleibt, ist der Eindruck einer verschenkten Gelegenheit, die der Stoff durchaus in Fülle böte. Es bleibt der Eindruck einer selbstverliebten Spielerei, die, als bloße Stilübung von gewissem artifiziellen Reiz, zum Roman aufgeblasen aber mangels Substanz letztlich doch enttäuschen muss.

Woran es nun liegt, dass dieses Werkchen ein derart heftiges Rauschen im Blätterwald verursachen konnte, bleibt fürs erste rätselhaft. Da das Thema selbst wohl durchaus Interesse, kaum aber die tatsächlich stattfindende Aufregung rechtfertigt, so bleibt letztlich der von Georg Diez im Spiegel erhobene Vorwurf einer rassistischen Weltsicht nicht nur des Romans, sondern auch des Autors - ein sicherer Garant umfassender Pawlowscher Reflexe sowohl der Bestätigung als auch des In-Schutz-Nehmens davor. Einig ist man sich jedenfalls allseits in der Ortung des Bösen, das da kommet von rechts, einig ist man sich überdies im «rechten» Glauben, der da kommet von links, komme da, was wolle.

Kracht, ein Rassist, «ein Türsteher rechter Gedanken»? Kaum. Auf jeden Fall jemand, der - bewusst oder unbewusst - zielsicher in ein Wespennest der Denkverbote gestochen hat.

Christian Kracht: Imperium. Roman.
Kiepenheuer & Witsch, 2012
gebunden, 256 Seiten, ISBN-13: 9783462041316

Gabriele Folz-Friedl

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Verlagsseite zur Publikation

  • Kracht: Imperium - Cover

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