Andorranische Impressionen von Klaus Ebner

08.03.2012

Andorra ist ein Kondominat. Kondome werden offen an jeder andorranischen Supermarktskasse angeboten. Aber natürlich hat das eine mit dem andern nichts zu tun. Oder doch? Andorranischer Sex ist Privatsache. Es gibt im ganzen Land keinen Night-Club. «Der Bischof will es so», und er ist einer jener beiden Fürsten, die das Land in einem Kondominium regieren. Ein spanischer und ein französischer Fürst lenken die Geschicke des Pyrenäenstaates, dessen Landeswährung der Euro ist, ohne dass man je der EU beigetreten wäre, das problemfrei mit einem Ausländeranteil von 75 % zurechtkommt und auf dessen Boden seit dem 13. Jahrhundert keine Kriegshandlungen mehr stattgefunden haben - um einige der Besonderheiten der bizarr bezaubernden Republik zu nennen.


Die «Andorranischen Impressionen» sind ein Reise-Essay, kein Touristenlockbuch, das Logier-Bequemlichkeiten oder Must-have-Souvenirs in den Vordergrund stellt. Der Autor, der das Land mehrmals bereist hat und alle drei Sprachen des Landes fließend beherrscht, lässt den Leser reizvolle Streifzüge tief in die Geschichte und Kultur des Zwergstaates unternehmen. Mit Staunen nimmt man die Kuriositäten wahr, die in keinem anderen Flecken Europas denkbar wären.

Dass in den Sechzigerjahren das Exportvolumen des Buchhandels größer war als das jeder anderen Ware, einträglicher als Vieh- oder Holzexport, das Land 1934 neun Tage lang ein russisches Königreich war, sich in Andorra der älteste Buchverlag befindet, und unzählige weitere Faszinosa bilden, gemeinsam mit den mehrsprachigen Überschriften der angenehm überschaubaren Abschnitte des bibliophil gestalteten Bändchens, die Würze einer kompakten Darstellung geografischer, historischer, kultureller, sprachlicher und politischer Gewordenheit. Der Leser fragt sich, wie die Bizarrheiten entstanden sein mögen, und der Autor bleibt die Antwort nicht schuldig.

Nebenbei ist auch eingestreut, was den Vergügungsreisenden erwartet. Das ganze Land ist Raucherzone, raucharme Plätzchen sind rar. Die neuzeitliche Architektur fügt sich in den Gebirgscharakter, was zur Folge haben kann, dass der Hoteleingang fünf Stockwerke tiefer als der Ausgang liegt. Katalanisch/Spanisch/Französisch heißt die Sprachenvielfalt. Gut, wenn man wenigstens eine davon beherrscht und dazu die Besonderheiten der katalanischen Speisekarten. Sonst kann es passieren, dass man eine Forelle bestellt und ein Omelett bekommt. Ein solches Missgeschick lässt sich dann sofort nach Hause berichten, denn trotzdem man sich im Gebirge befindet, gibt es überall Internet-Zugang. Das nationale Suffix der Email-Domains ist übrigens .ad. Solche und andere kleine Hinweise ergeben sich am Rand, z. B., wenn historische Reiseberichte von André Gide oder Josep Pla mit dem gegenwärtigen Erleben verglichen werden. Der Essay beeindruckt aber nicht nur mit faszinierenden Gegebenheiten sondern auch mit als selbstverständlich erwarteten Dingen, die es nicht gibt oder bis vor Kurzem nicht gab. So gab es z. B. bis 1999 kein Schmuggelverbot.

Neben der mit Kuriositäten schmackhaft aufbereiteten Informationsfülle kommt aber auch die ästhetische Aufmachung des Bändchens nicht zu kurz. Ein Schmuckstück im Taschenbuchformat, das für die Tasche viel zu schade ist. Ein harter Farbeinband mit Goldaufdruck und einem kleinen Farbfoto, das einen grafischen Dialog zwischen bildender Kunst und bildhafter Landschaft wiedergibt, umhüllt rund 200 Seiten Text, durchsetzt mit einer Schwarzweiß-Bilderreise durch die Kultur des Landes. Wer Hochglanzfarbfotos für Bergtouren sucht, muss sich woanders umsehen. Die Tourismusbranche ist überschwemmt mit Illustrationen gebirgigen Freizeitvergnügens. Dieses Buch widmet sich zwar auch dem Wandern, aber es wendet sich an einen Wanderer, der die tiefere Begegnung mit dem Land sucht, der sich Zeit nimmt, unter die tourismuspolierte Oberfläche zu tauchen.

Dem entsprechenden Kapitel ist, wie jedem anderen in diesem Buch auch, ein zweisprachiges Zitat vorangestellt:
Quina flaire d´humus penetrani i fecund exhales, paratge tofut, humit i omrívol.
Welch Duft von durchdringender, fruchtbarer Erde du ausatmest, dichter, feuchter, dunkelnder Flur! / Manuel Anglada i Ferran (1918-1998).

Die Literatur ist mit der Landschaft verbunden, wie die Vielfalt des Landes eine verbundene ist, eine, die aus ihrem Zusammenwirken begriffen werden muss, oder ihr Wesentliches bleibt verborgen. In diesem Sinn ist das Bändchen ein Helfer für behutsame Eindringlinge.

Klaus Ebner: Adorranische Impressionen, Wieser Verlag, Klagenfurt 2011; ISBN 978-3-85129-934-2

Franz Blaha

weiterführende Links:

Wieser Verlag

Klaus Ebner, HP des Autors

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