Don Camillo und der Unaussprechliche

18.02.2012 Haimo L. Handl

Als mir die Coverabbildung des schmalen Büchleins zugesandt worden war, vermutete ich zuerst eine neue Übersetzung einer Ausgrabung einer der Geschichten von Giovannino Guareschi (1908-1968), des Schöpfers der Romanfiguren Don Camillo und Peppone, die er in seinen Romanen (und Karikaturenbänden sowie Filmen) ab 1948 auftreten ließ, und die alle vom sozialpartnerschaftlichen Versöhnungsdenken der unmittelbaren Nachkriegszeit bestimmt waren, das er von den beiden damals großen Kontrahenten, dem sogenannten «linken» (kommunistischen) und dem «rechten» (christlich-sozialen) Lager, einforderte, um den Wiederaufbau zu ermöglichen und zu beschleunigen.


Guareschi zeichnete ein unrealistisches, liebliches Gartenlaubenbild, das die Wurzeln und Abgründe der sozialen Konflikte verdeckte und über die sympathischen Züge der widerstreitenden Protagonisten die Geschichte amüsant konsumierbar machte; genau der Stoff, den die unbedarfte Masse ersehnte, den sie brauchte. Deshalb auch der weltweite Erfolg.

Der Autor dieses Büchleins ist jedoch Luigi Tonino Vigano; sein Name wird erst auf Seite fünf genannt, da am Titelcover nur der des Herausgebers steht. Nun, was hat L. T. Vigano bewogen, sich an die Figuren von Guareschi anzuhängen? Das Kalkül, dass der kurze Text solchermaßen mehr Aufmerksamkeit erregt, als wenn er «nur» von Vigano wäre und nicht die berühmten Namen trüge?

Ein Aufguss, ein Abklatsch, auch wenn die Geschichte das Zeug hätte interessant zu werden. Die Geschichte folgt anfänglich den Stereotypen, wie wir sie aus den Don Camillo-Romanen kennen. Sie beginnt jedoch nicht mit dem Pfaffen und Bürgermeister, sondern mit einem Professor, einem äußerst belesenen, gescheiten Literaturgeschichtler, dessen Name aber nicht mehr genannt wird, da er anscheinend allen nur Unglück bringt. Nach alter Manier wird daher von ihm nur indirekt gesprochen. Er bleibt der Unaussprechliche.

Die üblichen kleinen Alltagsprobleme (die Gemeinde braucht dringend Wohnungen, im Kloster könnten welche errichtet werden) wären nicht der Rede wert, wenn sie nicht die Folie böten für eine Abweichung, ein bedenkenswertes Vorkommnis. Ein Dokument kommt zum Vorschein, dass der italienische Superstar, der Säulenheilige per se, Dante Alighieri, von dem keine einzige Schrift erhalten vorliegt, im Kloster an geheimer Stelle vergraben sei und im Sarg seine Schriften wären. Die fieberhafte Suche beginnt. Der Professor wird eingeschaltet.

Plötzlich wird der Leser mit einer Problematik in einem Stil konfrontiert, der einen Bruch zum vorigen darstellt. Ich fragte mich verdutzt, ob hier direkt aus Wikipedia oder anderen einschlägigen Seiten herauskopiert wurde. Die Struktur der Geschichte leidet durch diesen Stilunterschied, die befremdliche Gewichtung. Die Dramatik der Frage was geschähe, wenn wirklich Dantes Schriften gefunden würden oder worden wären, steht in krassem Missverhältnis zur betulichen Geschichte, in welche sie eingebettet ist. Die Ausführungen sind zwar interessant, aber passen nicht zum Erzählfluss. Das Thema wird «verheizt». Schade, daraus hätte eine Story entstehen können, die auch ohne Ausleihungen ihre Leser fände.

Luigi Tonino Vigano: Don Camillo und der Unaussprechliche. Aus dem Italienischen übersetzt von Klaudia Blasl, illustr. von Stefan Kahlhammer, hg. von Herbert Galehr. Vindobona, Horitschon 2011, 60 Seiten, € 14,90; ISBN 978385040285-9

  • Cover Don Camillo und der Unaussprechliche

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