Jakobspilgern

21.01.2012

Jörg Schaders Buch über den Jakobsweg reiht sich ein in die Flut an Publikationen, die sich seit einigen Jahren in anschwellender Anzahl mit dem uralten Pilgerweg befassen - und setzt sich gleichzeitig auf wohltuende Weise von den meisten der einschlägigen Produkte ab.


Es handelt sich beim vorliegenden Werk nicht allein um einen von mehr oder weniger esoterisch angehauchter Subjektivität inspirierten Erfahrungsbericht, sondern vielmehr um eine solide soziologische Studie, die ihren Gegenstand - bei aller spürbaren Faszination - ebenso nüchtern wie akribisch in allen Facetten zu beleuchten sucht.

Mit Sympathie und wissenschaftlicher Distanz gibt der Autor Einblick in die verschiedenartigsten Motive der dort aus aller Herren Länder zusammenströmenden Menschen; Auszüge aus vor Ort gehaltenen Interviews plus Zitaten aus der reichlich vorhandenen Camino-Literatur beleben den Text.

Von religiös bis im weiteren Sinn spirituell Bewegten, von Sportlern bis zu auf Egotrip Befindlichen, von durch Lebenskrisen Traumatisierten bis hin zu solchen, die mitmachen, weil es gerade so «in» ist, findet sich so ziemlich alles auf dem mittlerweile fast zu Tode getrampelten Pilgerweg. Dass der jährlich zunehmende Zustrom an Camino-Touristen innerer Einkehr und Beschaulichkeit nicht förderlich ist, liegt auf der Hand.

Dieser Umstand führt geradewegs zum fragwürdigsten und irritierendsten Aspekt der allgemein und speziell auf dem Camino um sich greifenden Pilgerei, dass nämlich diese mittlerweile eine Art eskalierenden modischen Eventcharakter, sowie den Charakter eines blindwütig um sich greifenden Massenphänomens angenommen hat, dessen Wesen und Begleiterscheinungen an einschlägige Studien von Ortega y Gasset und vor allem von Elias Canetti erinnern.

Als bloßes zeitgeistiges Spektakel lässt sich das Phänomen gleichwohl nicht abtun - oder nur in dem Sinne, als es eben gerade als spezifische Zeiterscheinung ganz sicher bedeutsam und vielleicht sogar von tieferer Bedeutung ist. Es scheint sich hier ein elementarer Mangel, ein Bedürfnis, eine existenzielle Unruhe zu manifestieren, die möglicherweise, bei aller Unterschiedlichkeit der Motive, so etwas wie eine Grundströmung der Gemeinsamkeit bilden.

Davon abgesehen stellt das Büchlein auch einen ebenso kenntnisreichen wie kompetenten Ratgeber und Reiseführer dar, der kaum einen konkreten Umstand unbeachtet lässt, seien es nun die hygienischien Bedingungen in Herbergen, das Gerangel um einen abendlichen Bettenplatz in denselben, die Ernährungssituation (das schnelle abendliche Nudelgericht die wahre Pilgerspeise), das Verhältnis zwischen Einheimischen und Pilgern, der Pilger untereinander, typische psychische und physische Erfahrungen in verschiedenen Stadien des Wegs, Ausrüstung etc. etc.

Insgesamt, für alle am Jakobsweg Interessierten - aus welchen Gründen auch immer - eine höchst lesenswerte und auch unterhaltsame Studie.

Gabriele Folz-Friedl

Jakobspilgern. «Wege» zum Weg. Jörg Schader; Projekte Verlag, Halle (Saale) 2011; € 14.50
ISBN: 978-3-86237-668-1

  • Schader: Jakobspilgern - Cover

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