Demokratie und Macht

31.12.2011 Haimo L. Handl

So lautet der Titel der jüngsten Ausgabe 60 von WIDERSPRUCH – Beiträge zu sozialistischer Politik, der schweizerischen Halbjahresschrift. Ein Schlüsselthema, besonders gegenwärtig. Zwei Hauptkapitel bestreiten das Doppelthema: Arabischer Frühling und Wirtschaftsdemokratie einerseits, Fukushima und die Atompolitiken andererseits.


Auf sechs Beiträge soll hier kurz eingegangen werden; viele andere nur zu nennen, bliebe oberflächlich. Die eigene Lektüre des 224-Seiten starken Heftes ist empfohlen.

Samir Amin liefert in seinem Beitrag «Arabischer Frühling?» (das Fragezeichen ist wichtig!) eine konzise, fundierte Darstellung, die, in aller vertretbaren Kürze, auf die Bedingungen und Hintergründe der aufständischen Unruhen eingeht und plausibel die Probleme aufzeigt, mit denen die Veränderungswilligen zu kämpfen haben. In seiner Darlegung äußert sich die prekäre Wahrheit über die reale Macht bzw. die konkreten Mächte, die nicht einfach Veränderungen verhindern oder kanalisieren, sondern sich auch mit tödlicher brute force wehren und «Feinde» verfolgen, zur Strecke bringen. Der Autor pflegt eine realistisch-pragmatische Sicht; seine Kritik erschöpft sich nicht in bekannten Antiamerikanismen und dergleichen, wenn auch einige Erklärungen hinsichtlich des Begriffs «Demokratie» fragwürdig bzw. stereotyp erscheinen.

Neben den historischen Hintergrundbeleuchtungen, dem Aufhellen der Widerstandsschichten von drei Gruppierungen: Jugend, Linke, demokratische Mittelklasse und den ihnen entgegenstehenden Blöcken (Bourgeoisie, die in der ägyptischen Entwicklung eine Kompradoren-Bourgeiosie wurde und eine Armee-AG – société anonyme/armée – Sharika al geish geschaffen hat, kleinbürgerliches Lager als Zulieferer lokaler Monopole, reiche Bauern, die die Hauptstütze des politischen Islam am Land sind). Der veränderungswillige Block hat keine Macht außer der des Aufstands, «der Straße», der reaktionäre hat alle durch den Staat (Polizei und Armee).

Außenpolitisch ist Ägypten vom Westen, vor allem von den USA, abhängig. Die hohe Militärhilfe wird dank eines ausgeklügelten Korruptionssystems abgezweigt und führte zu ungeheuren Bereicherungen von Militärs, die als «Unternehmer» weite Teile des «Marktes» und des öffentlichen Lebens kontrollieren. Diese Abhängigkeit ist Teil der US-Politik im Verbund mit Israel und Saudi Arabien. Keines der Länder hat ein Interesse an Veränderungen, die ihre Machtposition und Kontrolle schwächen.

Innenpolitisch werden die Machthaber, vor allem in der Armee und Polizei, unterstützt vom politischen Islam, vor allem der Muslimbrüderschaft, denen schon von Mubarak wichtige Schaltstellen der Massenbeeinflussung und –kontrolle übergeben worden waren: Erziehung, Justiz, Fernsehen. Die Muslimbrüder pochen auf die Sharia als Rechtsgrundlage und orientieren sich an einer Theokratie, die nichts mit Demokratie zu tun hat, auch wenn sie momentan aus pragmatischen Gründen Verhandlungsbereitschaft mit Oppositionellen betonen.

Der arabische Frühling ist nicht nur national oder regional zu sehen, sondern in den Strukturen der globalen Machtinteressen. Deshalb scheinen die Chancen auf Erfolg so gering, weil namhafte Interessen und reale Mächte dem entgegenwirken. Die Täuschungen darüber werden durch ablenkende Debatten oder Klischierungen von Interessensgruppen erschwert. Die Konfrontation ist schlussendlich eine des Widerstandes gegen die westliche imperialistische Politik, die sich der rigiden Niederhaltungspraxen von religiösen Despotenregimes bedient. Der politische Islam ist so zum Instrument des Westens, vor allem der USA und Israels geworden.

Ergänzung findet der kurze aber interessante Beitrag durch einen Artikel von Nehad Abu El Komsan «Keine Demokratie ohne Beteiligung der Frauen».

Was im Nahen Osten ferne scheint, findet Ähnlichkeiten auch in der Schweiz. Ruedi Graf geht in seinem Beitrag «Wertepolitik und nationalkonservative Hegemonie» auf Christoph Blochers Gotthelf-Rede ein und schält die von Blocher bemühten Werte heraus, die dieser in historische Tradition stellt und seine Politik damit aufwertet und weiter legitimiert.

Blocher ziehe aus Gotthelfs Uli-Roman seine moderne Führungslehre: «Deren Kernpunkte sind: Patronale Führung, Verantwortung des väterlichen Führers für seine Untergebenen, die seine Kinder sind, und Neudefinition der Geschlechterrollen.» Bei Blocher «erscheint Gotthelf, der sich in seiner »konfrontativen Art« »mit Regierenden seiner Zewit« angelegt habe, als zeitloser Kritiker eine »Classe politique«, die nicht für die Politik, sondern von der Politik lebe.» Blocher weiß, wovon er spricht, und er weiß, was wie wirkt: «Werte statt Interessen». Blocher als heimattreuer Garant hoher Werte, die sich gegen unangemessene, demokratische Aufweichungen erwehren müssen, zum Wohle aller, wie es der Patron, der Patriarch weiß und will.

Blocher strapaziere «private Tugenden» und «bewährte Werte»: «Die Werte, die Blocher vorab ins Feld führt, gehören dem Typus der privaten Tugenden an, die meist nur in einer Richtung gelten, von unten nach oben: Treue zum Unternehmen, das einen entlässt, Fleiss in der entfremdeten Arbeit und Sparsamkeit der Unteren. Indem sie als zeitlose oberste Werte statt Interessensausdrücke artikuliert werden, ordnen und entnennen sie zugleich die konkreten Interessensgegensätze.»

Blocher selektiert geschickt, um sein Wertbild einerseits traditionell zu begründen, andererseits es modern zurechtzubiegen, um das eigene kapitalistische Unternehmen nicht der impliziten Kritik auszusetzen. Deshalb fehlt bei Blocher «Gotthelfs radikale Kritik am freigesetzten Individuum» ebenso wie dessen «Vorstellung eines christlichen Staates». Blochers Erfolg beruht aber nicht nur auf dem Rekurs auf Tradition und gewisse Werte, die er bemüht, sondern vor allem auf seiner Orientierung, die Sicherheit bietet. Er nützt Pseudoargumente, die einerseits wie Argumente aufscheinen, sich aber der Kritik, auch der fachlichen, entziehen, weil der Adressat keine fachliche Kritik bewertet bzw. beachtet, sondern in seinem Alltagsverständnis, dem gesunden Menschenverstand, Blochers Werte zu versehen meint. Es ist fast wie bei einer religiösen Operation.

Obwohl der Aufsatz ein immanent schweizerisches Phänomen beleuchtet, taugen die Ausführungen und Schlussfolgerungen für Grundsätzliches: Mündigkeit und Wissen bzw. Handeln daraus.

Die Welt der Erwartungen und Vorstellungen, die ja die Weltanschauung bildet, worin Bilder, Gefühle, als auch Sätze erst ihre Bedeutung gewinnen, beleuchtet Alfred Krovoza in seinem Artikel «Das Subjekt der Psychoanalyse als emanzipative Ressource». Wiewohl der Titel wie aus den Siebzigerjahren des vorigen Jahrhunderts klingt, bietet der Text einige interessante Aspekte und Überlegungen zu Sozialisation des Individuums, seiner die Rolle in der und durch die Familie, den Kulturen, wobei allerdings Ernüchterung sich einstellt ob der Fruchtlosigkeit bisheriger und zu erwartender Bemühungen dieser Richtungen.

«Die unter dem Primat der gesellschaftlichen Objektivität stehende Rezeption und hilfswissenschaftliche Anwendung der Psychoanalyse verkürzt nicht nur diese selber, sondern ist auch angesichts der Krisenqualität des Gegenwartskapitalismus problematisch.» Was will uns dieser Jargon sagen? Wer unter den Lesern weiß sofort den Terminus «gesellschaftliche Objektivität» korrekt zu deuten? Waren oder wären die psychoanalytischen Deutungen ohne diesen Primat von anderer Deutungsqualität? Haben sie früher stimmig gegolten, heute aber nicht mehr, weil sich eine neue Krisenqualität zeigt? Was ist so anders und neu an der gegenwärtigen Krise des Gegenwartskapitalismus?

Der Autor versucht einzuschränken: «Weit davon entfernt auch nur umrisshaft ein Bild des Gesamtgeschehens zu besitzen, möchte ich zwei Beispiele nennen, um den Krisentypus zu kennzeichnen, um den es hier geht. Zum einen möchte ich hinweisen auf die Digitalisierung». Hier spricht er dann die Problematik der «Veränderung von Subjektformen» an. Dann fährt er fort: «Im Falle meines zweiten Beispiels sind es humanspezifische Entwicklungen und Sozialisation sowie Bildung und Qualifikation.» Hier fokussiert er auf «technologische und/oder administrative Einengung und Vorzeichnung dieser Prozesse, ohne Rücksicht auf die konkrete Interaktion am Lernort.»

Er sieht, anders als die frühen Lehrer, die in den Fünfziger- bis Siebzigerjahren des vorigen Jahrhunderts en vogue waren, in der Psychoanalyse doch ein taugliches Instrument: «Angesichts des Selbstlaufs der Entwicklung und der Möglichkeit ihrer Irreversibilität scheint mir eine Blickveränderung respektive –erweiterung auf die Psychoanalyse, was ihre Anwendungsform als analytische Sozialpsychologie angeht, angezeigt». Psychotherapie und Coaching, die sogenannte «therpay culture», als Alternative und Lösung? Kein so neues Argument, wenig überzeugend.

Nach einigen Ausführungen und Nennen prominenter Vertreter sowie Reflexion des Problems der «Zerstückelung von Arbeitsbiographien» folgt eine Art Kritik bzw. Spezifizierung: «Dabei geht es überhaupt nicht darum, das fragwürdige Verfahren fortzusetzen, mit psychoanalytischen Konzepten, häufig auf der Grundlage der Psychopathologie, epochenspezifische und für eine Epoche vermeintlich charakteristische Persönlichkeitstypologien zu konstruieren». Also doch nichts mit therapy culture? «Jedenfalls scheinen nämlich diese veränderten Subjektverfassungen zu anderen, ungewohnten Anfälligkeiten für Ideologien und destruktive Politik zu führen, wie auch zu anderen, vielleicht zunächst als solche schwer zu erkennenden, emanzipativen Vorstellungen und Impulsen. Die derart veränderten Subjekte werden schließlich die Subjekte der Veränderung sein.» Na, das ist deutlich. Oder nicht?

Ich frage mich, was denn da neu und anders ist. Die in horriblem Beamtendeutsch etikettierten «Subjektverfassungen» haben doch seit je Veränderungen erfahren müssen, weil keine gesellschaftliche Veränderung spurlos an ihren Mitgliedern erfolgt. Was also ist oder wäre das Neue daran? Ihr technologischer Grad? Die Globalität? Aber da käme der Autor in Erklärnöte, weil das Individuum, auch das beschädigte, sich zuerst in SEINER Welt erfährt, in seinen Brüchen und Abhängigkeiten, und dann erst, abstrakt, als Teil eines Übergeordneten sieht. Was also ist neu? Die «ungewohnte Anfälligkeit für Ideologien»? Kaum zu fassen! Wovon sprachen denn Soziologen, Psychologen, Politikwissenschaftler seit dem Zweiten Weltkrieg? Von etwas Gewohntem Ungewohntem. Und schließlich kauert noch ein revolutionärer Hoffnungsfunke in der holprigen Ausführung: «Die derart veränderten Subjekte werden schließlich die Subjekte der Veränderung sein.» Klingt wie aus der Polit-Religionsstunde. Meine Allusion auf die Siebzigerjahre hat sich, leider, bewahrheitet: das ist schlimmer als das Alte. Hier blüht im pseudowissenschaftlichen Ton Erlösungsglaube. Ach, er wird nicht helfen.

Wie komplex und schwierig die (nötige) Kapitalismuskritik ist, zeigt auch der Beitrag von Urs Marti auf: «Kapitalismuskritik und distributive Gerechtigkeit», den er mit der wichtigen Frage einleitet: «Kann man den Kapitalismus im Namen der Gerechtigkeit kritisieren?». Gewiss, heißt es zuerst, aber dann folgen Einschränkungen, nicht zuletzt mittels Marx-Zitaten, die er in vier Gruppen oder Gründen anführt.

1. Marx weist den Fokus auf die Verteilung zurück.
2. Er kritisiert das «Verständnis von Verteilung, weil es sich ausschliesslich auf die Konsumtionsmittel bezieht.» Um die Arbeiter aus dieser Abhängigkeit zu befreien, ist nicht eine «bessere» Güterverteilung nötig, sondern eine Neuverteilung der Macht, über wirtschaftliche Ressourcen zu verfügen.
3. Marxens Gerechtigkeitsskepsis beruht auf seinem Verständnis von Gleichheit und Gleichverteilung. «Allerdings geht es in Marx’ Ausführungen nicht um distributive, sondern um kommutive Gerechtigkeit».
4. «Der vierte Grund betrifft den Marx unterstellten Utopismus, die Ansicht, die Prinzipien von Recht und Gerechtigkeit würden in einer Nachknappheitsordnung überflüssig. (...) Seine Konklusion entspricht indes nicht den Vorstellungen des Egalitarismus.»

Es sollte also weniger in Kategorien des Nutzens und Wohlstandes argumentiert werden, sondern in solchen der Freiheit, will nur in Freiheit sich Fähigkeiten entfalten können. «Eine Politik, die soziale Disparitäten vermindern will, muss daher die Aufmerksamkeit auf die Ungleichheit der Fähigkeiten richten, ohne jedoch eine Gleichheit der Fähigkeiten anzustreben.» Eine gewichtige Aussage, nicht nur in den gegenwärtigen Bildungsdebatten! Wir sind gewohnt, Bildung, wie alles, heute abstrakt nach Nutzenkriterien, nach Geld (Profit) zu bemessen und bewerten. Das hat sicher seine Vorteile der globalen Vergleichbarkeit. Wir kennen aber die Problematik: Auch gut versorgte Haushalte garantieren keine Bildungserfolge. Woran liegt es? «Allerdings vermag dieser Ansatz (Bewertung nach monetären Kriterien) nichts darüber zu sagen, ob und wie Menschen monetäre Ressourcen zu nutzen wissen. Fähigkeiten sind nicht kommensurabel, sondern in irreduzibler Weise verschiedenartig; keine Masseinheit sagt etwas darüber aus, ob es besser ist, eine gute Bergsteigerin zu sein oder ein guter Pianist, selbst wenn sich ermitteln lässt, womit mehr zu verdienen ist.»

Es gehe weniger um die Mittel, als um die Chancen. Keine welfare-check-Politik, keine Almosen, sondern Lebensbedingungen, die eigene Entfaltung ermöglichen. Das widerspräche aber den Unternehmensstrategien, als auch den Vorstellungen der Gleichheitsaposteln grünrosaroter Couleurs. Denn diese monieren allein schon die Existenz unterschiedlicher Begabungen als ungerecht. Jedoch: «Fakten wie die Ungleichheit von Begabungen oder Ausgangspositionen sind weder gerecht noch ungerecht, wohl aber ist es die Art, wie Institutionen damit umgehen.»

Auf Vernunft und Einsicht kann man zwar hoffen, aber auch nicht mehr. Damit es nicht beim bloßen Hoffen bleibt, kann emanzipatorische Politik helfen Bedingungen zu schaffen, die sich eben nicht mit Umverteilungen begnügen. Gerade in der Bildung zeigt sich, dass diese nicht verteilt werden kann. Hier greifen nur offene Bildungsbedingungen einerseits, Lebensverhältnisse andererseits, die günstig auf die Motivation einwirken, diese Bedingungen zu nutzen. Niemand kann einem das eigene Leben abnehmen. Es gibt keine Gerechtigkeit, weil es kein Paradies gibt. Auch der gleichgerichtetste Staat, der ein total gleichgeschalteter wäre, könnte nichts dergleichen bewerkstelligen. Er würde nur nivellieren und daran Schaden leiden. Was ja schon geschieht.

Atomenergie, Atompolitik, größtmögliche Täuschungen, Irreführungen, Betrügereien: dafür steht Fukushima nach Tschernobyl als neues Negativsymbol. In acht Beiträgen liefern Autorinnen und Autoren bedenkenswerte, abr auch befremdliche Argumente zur Problemlage und ihrer Debatte. «Tschernofukumühlebyl. Die Atomlobby macht weiter» benennt Oliver Fahrni seinen Beitrag. Der Titel ist kein Beitrag zur Poetik des Horrors, sondern, dargelegt am Schweizer Beispiel, der Beleg der finsteren Machenschaften der Atomlobby und ihrer Helfershelfer. Er führt klar aus, wie es den Atomgangstern möglich wurde, trotz unbestreitbarer empirical facts die Bevölkerung glauben zu machen, Atomstrom sei billig oder rentabel, was ganz und gar nicht der Fall ist. Die Geschichte der Täuschung, die Manöver der Beeinflussung, lesen sich wie ein Krimi – nur mit dem Nachteil, dass es sich nicht um eine Soap handelt, sondern um bittere Realität.

In den anderen Beiträgen werden die Aspekte der Strommarktprivatisierung sowie dezentrale Netze behandelt, die von den Konzernen bislang erfolgreich verhindert werden und jene der Atomausstiegsdebatten bzw. einer neuen steuernden Energiepolitik.

Den Abschluss bildet ein Beitrag von Claudia von Werlhof, Politikwissenschaftlerin an der Universität Innsbruck, von dem man sich wundert, wie er den Weg in diese Zeitschrift gefunden hat, die sich bisher ja nicht mit Elaboraten von Esoterikern oder dümmlichen Ideologen bzw. Ideologinnen auf- oder abgeputzt hat. Werlhofs Artikel «Der Hyper-GAU von Fukushima. Militär-Alchemie, atomare und post-atomare Katastrophen-Technologie» ist völlig inakzeptables Geschwätz, ein Sammelsurium unausgegorener Gedankenfetzen, Ängsten und Beschwörungen, wie sie vielleicht in einem Sektenblättchen Platz finden mögen, wo sich geängstigte Untergangsstimmler ihrer Verschwörungs«theorien» erfreuen und Belzebub überall am Werk sehen. Der Ausweis, man sei Professorin an einer Uni, reicht nicht aus für die beanspruchte Wissenschaftlichkeit oder Vernünftigkeit.

Wenn der WIDERSPRUCH sich künftig mehr solche Ergüsse leistet, disqualifiziert er sich als ernstzunehmendes Organ. Offenheit wird nicht dadurch unter Beweis gestellt, indem obstruses Gequassel publiziert wird.

Nicht nur der Ton von Werlhof empört in seiner tantenhaften, sektiererhaften Vagheit, sondern die freche Anmaßung, dies als Argument hinzustellen. Jede Auseinandersetzung, auch meine hier, notgedrungen, wertet den Artikel ungebührlich auf. Eigentlich sollte man ihn übersehen, weglegen. Ich leiste mir die Inkonsequenz, weil es auch um das Fänomen geht, dass eine sozialistische Zeitschrift sich solchem Geschreibsel öffnet.

Werlhof beginnt mit einem quasi historischen Rückblick der männlichen Alchemie und den Omnipotenzwünschen: «Der Vater ohne Zutun einer Mutter ist die Fiktion des Alchemisten.» Dann sieht sie die Atomisten, jene, die die Kernkraft nutzbar machten und einsetzen, gleich ob kriegerisch waffentechnisch oder «friedlich» zur Energieversorgung, als todesfanatische Alchemisten, die die «patriarchale Perversion» befolgen: «Fürchtet euch nicht vor dem Tod, vor allem nicht dem künstlichen, z. B. dem Atomtod, denn er schafft eine neue, bessere Welt!» Sie stellt das Atomprogramm als «Schöpfung aus Zerstörung» dar und behauptet: «Das typische an der Verwendung der Atomkraft ist ihre »alchemistisch« betriebene Nutzung, die sogenannte »Nuklearalchemie«.»

Nun, die Nuklearindustrie, die Atomkraft, der Atomkrieg, haben zu Recht viele Kritiker gefunden. Aber was taugen sich als Kritik gebende Lamenti mit Hinweis auf Alchemisten, unabänderlich innewohnende tödliche maskuline Perversion und alte religiöse Warnungen, uralte Mythologie? Was hier religiös oder vage atavistisch, fast wie in einem Blut und Boden-Mythos beschworen wird, lässt sich trockener politisch, soziologisch und ökonomisch erklären. Nur, weil vieles nicht vernünftig plausibel erscheint, muss es nicht einfach dem irrational Bösen oder Perversen einer alten Alchemistensucht zugeschrieben werden.

Aber es geht weiter. Die Autorin versteigt sich zur Annahme einer Verschwörung. Sie operiert wie Gläubige, die an einen Gott glauben, weil nicht beweisbar ist, dass es ihn nicht gibt, und ebenso, dass es ihn gibt. Doch Glaubenssätze sind jenseits des Wissens, der Wissenschaftlichkeit. Sie sind unüberprüfbar. Sie sind jenseits von wahr oder falsch. Mit ihnen lässt sich nicht argumentieren. Aber Werlhof tut so, als ob sie argumentiere. Sie ist inkonsequent. Sie nutzt ihre Stellung als Universitätsangehörige zur Politur ihrer Aussagen. Aber die sind Tinnef. Sie sind eine Gemelage aus Annahmen und Vermutungen im Kleid plausibler empirischer Behauptungen. Eine Täuschung und Irreführung, eine Unlauterkeit, außer es wäre von vornherein klar, dass die Esoterikblüten, das Sektengerede als solches gelesen und verstanden werden soll. So aber...

Sie sieht eine enorme Gefahr: «Wir können, nicht mehr wissen, welche Naturkatastrophen natürliche und welche künstliche sind, ja seit Jahrzehnten waren. So ist seit den 1970er Jahren eine Verzehnfachung von Naturkatastrophen allgemein und 2010 z. B. eine Verdreifachung von Erdbeben – und zwar abnormer Größe – gegenüber dem Vorjahr festgestellt worden.» Und weil sich das Frau Werlhof nicht erklären kann, muss ihr Nichterklärenkönnen kaschiert werden mit einem Ersatz, der aber als Erklärung auftritt, obwohl sie selbst Eingangs bemerkte, man könne nicht wissen, und gibt nun vor, zu wissen, indem sie eben Ersatzerklärungen sucht, findet und bietet: Es sind die Militärs verantwortlich für X Erdbeben und Naturkatastrofen, die künstliche sind, also keine Naturkatastrofen, die nur so genannt werden. Weitere Folgerung: Die Atomnutzung, der Einsatz von Skalarwellen usw. führt nicht nur zu klimatischen Störungen, sondern zu Erdbeben, Tsunamis usf. Die Alchemie der perversen Männergesellschaft tötet Mutter Erde!

Ich kann ja verstehen, dass man Unbekanntes, Nichterklärbares irgendwie in den Griff kriegen will. Der Mensch will Antworten. Vernunft zeichnet sich gegenüber Glauben aber dadurch aus, dass sie, Schritt für Schritt, nachvollziehbare, prüfbare Kriterien einsetzt, prüft und misst, um zu ebenfalls nachvollziehbaren, prüfbaren Ergebnissen zu finden. Dabei beansprucht keine Wissenschaft Absolutheit oder Endgültigkeit. Im Gegenteil, weil Wissenschaft auf Vorläufigkeit und Relativität (jetzt, hier oder dort, unter gegebenen Umständen etc. gilt nach Kriterien X und Y dieses oder jenes bzw. gilt nicht. Diese Ergebnisse sind jederzeit überholbar, werden durch neue Ergebnisse außer Kraft gesetzt. DAS ist der Lauf der Wissenschaft. Vermutungen und Mutmaßungen mögen eine Motivation, ein Motor sein, das eigentliche Forschen arbeitet jenseits dessen) pocht, taugt sie für alle jene nicht, die Sicherheit wollen. Aber Wissenschaft liefert nur temporäre, kurzlebige Sicherheiten; ihre Fragen produzieren mehr weitere Fragen als Antworten. Nur Religionen offerieren finale Antworten und (vermeintliche) Sicherheiten.

Deshalb finde ich es verwerflich, dass Frau Werlhof Etikettenschwindel betreibt. Sie will nicht wissenschaftlich argumentieren, sie will Glaubenssachen abhandeln. Und leider gibt ihr der WIDERSPRUCH ein Forum.

Was soll man ernsthaft mit Behauptungen wie folgender anfangen: «Hinsichtlich Japan gibt es daher Vermutungen, dass das Monsterbeben vor Fukushima keines natürlichen Ursprungs war, sondern entweder durch eine Kette von unterirdischen Atomexplosionen, den Einsatz elektromagnetischer ELF-Wellen, oder gar den von Skalarwellen verursacht wurde.»

Eigentlich nichts. Weglegen. Weil es aber im WIDERSPRUCH steht, muss es zurückgewiesen werden.

Werlhof versteigt sich weiter: «Wie also, wenn im Falle von Japan zum vielleicht ersten Mal ein Zusammenwirken von atomaren und nicht-atomaren Massenvernichtungs-Technologien vorliegen würde? Niemand kann es beweisen, aber auch das Gegenteil ist nicht auszuschließen!»

Aha. Also, niemand kann beweisen, dass Frau Werlhof nicht eine Agentin von Luesermars ist, von Außerirdischen bei einer jüngsten Mission in Nevada abgesetzt, die uns, aus Erbarmen der höheren kosmischen Intelligenz, als eine Art weiblicher Messias, vor der teuflischen Alchemie erretten will. Aber das Gegenteil ist nicht auszuschließen.

So hat man früher gegen Hexen geredet und gehandelt, so wurden Untermenschen als Ungeziefer «entsorgt», so soll das böse Untergangswerk atomarer und nicht-atomarer Massenvernichtungsschläge, die zu enormen Erdbeben führen, angeklagt und verfolgt werden. Man kann es zwar nicht beweisen, aber, weil das Gegenteil auch nicht beweisbar ist, sollen wir trotzdem handeln. Wie? Bürgerkrieg, Terror, Selbstmordkommandos im Namen Gottes oder einer Göttin, damit auch die Feministen motiviert werden können?

Würde die Autorin in Teilen zumindest die Rationalen ihrer Annahmen hinsichtlich möglicher politischer Szenarien und Handlungen hinterfragen, müsste sie auf Ungereimtheiten kommen. In der gegenwärtigen weltpolitischen Situation hätten z. B. die USA kein Interesse, Manöver durchzuführen, die z. B. zu einem Erdbeben mit Tsunami führten, wie vor Fukushima. Gesetzt den hypothetischen Fall, so eine Aktion wäre technisch möglich (die dann von tausenden von Seismographen gemessen und gemeldet würde!), welcher Logik entspräche sie? Japan ist ein Verbündeter der USA, jede Schwächung entspräche einer Schwächung des amerikanischen Partners. Bleiben andere Mächte. Welche hätten die möglichen Mittel? Da gibt es nicht viele. Aber auch hier: Nach welcher Rationale wäre das annehmbar? Die Hintergrundfrage «cui bono» scheinen sich «Wissenschaftlerinnen» wie Frau Werlhof nie zu stellen. Aber zwischen Selbstmordfanatikern und Weltmachtstaaten und ihren Militärs existieren sehr wohl Unterschied, auch wenn Leute wie Werlhof alles unter perverse maskuline Alchemisten subsumieren wollen, und wenn auch das Atomkriegsprogramm abscheulich inhuman und global unsicher ist.

Einst hatte Hitler einen Sündenbock gebraucht für die Übel der Welt und für Deutschland. Er fand ihn in den Juden. Was wurde nicht alles angeführt, um in ihnen den Kern des Bösen zu finden. Es war nicht zu beweisen. Aber auch das Gegenteil nicht. Allein der Verdacht genügte für ihre Vertilgung. Nicht, dass Frau Werlhof für einen Krieg gegen die Alchemisten aufruft, vergleichbar der Endlösung. Aber ihr Denken folgt den gleichen vereinfachten, kruden Voraussetzungen. Es gibt sich mit Annahmen und Ängsten zufrieden, stört sich nicht an fehlenden Beweisen. Denn, wie bei Gott und Glaubensfragen, es könnte ja sein...
Nein.

WIDERSPRUCH 60, Beiträge zu sozialistischer Politik, 31. Jg. 1/2011, 224 Seiten, Sfr 25,00; EUR 16,00

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