H. G. Adlers poetisches Werk

17.12.2011 Haimo L. Handl

2010 wurde nach jahrelanger Vorbereitung und auf Initiative von Helmut A. Niederle, Herausgeber der Reihe MILO im Drava Verlag, Klagenfurt, von Katrin Kohl und Franz Hocheneder (der 2009 eine Studie zu H. G. Adler vorlegte) unter Mitwirkung von Jeremy Adler die Sammlung der Gedichte von H. G. Adler (2.7.1910-21.8.1988) unter dem Titel «Andere Wege» herausgegeben, versehen mit einem Geleitwort von Michael Krüger, einem längeren Nachwort der Herausgeber, Abbildungen, ausführlichen Quellenangaben und einigen Kommentierungen.


Auf 1195 Seiten findet der Leser nun das lyrische Werk des Autors, das zu seinen Lebzeiten nur zu einem Drittel veröffentlicht worden war. Nun wurde dank finanzieller Unterstützung des Zukunftsfonds der Republik Österreich diese Publikation ermöglicht. Ohne Subvention wäre das Unterfangen nicht möglich gewesen. Ein Lob für Österreich, das in der Rettung des Vergessenen, Vergangenen eine Zukunft sieht! Bravo.

Diese umfangreiche Ausgabe versteht sich aber «weder als Gesamtausgabe des lyrischen Werkes noch auch als historisch-kritische Ausgabe. Nicht enthalten sind früheste und frühe Gedichte, die Adler selbst von seiner gültigen Sammlung der Gedicht ausschloß». Trotzdem findet der Leser vielleicht mehr, als er braucht oder will. Denn die nahezu lückenlose Sammlung bietet eben alles, was vorlag, unabhängig der literarischen Wertung. Die muss der Leser selbst vornehmen - ein Nachteil, für den vor allem literarisch, poetisch Interessierten, ein Vorteil für den nach möglichst vollständiger Dokumentation Trachtenden.

Diese Ausgabe ist, obwohl das Gegenteil behauptet wird, was formal ja stimmen mag, doch eine, die sich nach den Richtlinien einer kritischen vollständigen orientiert, weil die sonst übliche verlegerische, herausgeberische Auswahl entfällt. Die Herausgeber liefern keine Selektion, sondern bieten, sozusagen wertfrei, das gesamte zur Verfügung stehende Material. Das schafft eine Bürde oder Hypothek, und sie lastet auf dem Gesamteindruck. Denn viele Gedichte sind nicht so gut, dass sie unter anderen Umständen von einem Verleger publiziert worden wären.

H. G. Adler ist den meisten als Chronist bekannt; sein Werk «Theresienstadt 1941-1945» (Tübingen 1955 ) erregte Aufsehen und wurde zwischen 1955 und 1960 in 16 Ausgaben, deutsch bzw. Englisch, publiziert. Andere Sachbücher von ihm, alle zum Thema Holocaust, Judenfrage bzw. «Aufsätze zur Soziologie und Geschichte», wurden in den Sechziger- bis Achtzigerjahren veröffentlicht. H. G. Adler trat auch als Herausgeber auf und war Präsident des PEN-Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland.

Neben seinem Prosawerk, aus dem die Romane «Panorama» (1948, übersetzt in drei Sprachen, 18 Ausgaben zwischen 1968 und 2009) sowie «Eine Reise» (14 Ausgaben zwischen 1962 und 2009, 3 Sprachen) sind auch einige kleinerei Gedichtausgaben erschienen. Alle prosaischen oder poetischen Werke haben aber nie ein breites Publikum erreicht, trotz Unterstützung einiger Bewunderer wie Elias Canetti oder Heinrich Böll, um nur zwei Prominente zu nennen. Sein literarisches Werk schlitterte ins Vergessen.

In verschiedenen Kulturen lässt sich das bei vielen Werken vieler verschiedener Autoren beobachten. Es ist müßig, nach Schuldigen zu suchen, Anklagen zu erheben. In den Künsten gibt es, wie überall, keine Gerechtigkeit. Was wäre sie? Man kann keinem Verleger Interesse abfordern oder von keinem Leser zwingend einfordern. Das war nicht einmal in gleichgeschalteten, diktatorischen Gesellschaften erfolgreich. Dennoch versteigen sich die Herausgeber in ihrem Nachwort zu Lamenti, die nicht nur bedauern, dass Adlers Werke lange keine Verlage fanden, sondern die Zensuren austeilend urteilen, verurteilen: «Wenn sein dichterisches Werk zu Lebzeiten nicht die Anerkennung fand, die es verdiente, so lag dies nicht allein an der mehrfach als skandalös bezeichneten Vernachlässigung durch deutsche Verlage. Grund war auch die Einzigartigkeit eines Werks, das abseits vom deutschen Literaturbetrieb über sechs Jahrzehnte hin entstand». «Es erfordert vom Leser Aufgeschlossenheit ...».

Schlussfolgerung: Die Verleger waren bis vor kurzem skandalös desinteressiert und vernachlässigend, die Leser dumm und unfähig, das nötige Feingefühl und die entsprechende Bildung für Adlers Meisterwerke aufzubringen. Eine Merkwürdige Argumentation! Das über einen deutschen Buchmarkt, der mit hohen Übersetzungszahlen glänzt, andererseits durchaus die dunkle Geschichte auch literarisch divergent auf- und abarbeitete. Wo, trotz allem Streit, ein Paul Celan mit seinen Gedichten hohe Auflagen erzielte (er selbst wurde zu einem überstrahlenden Säulenheiligen, sein Werk teilweise sakralisiert), wo schwierige Werke debattiert wurden. Wie passt das zusammen? Wohl nur, wenn man die ideologische Brille aufsetzt und etwas sein muss, wie es sein soll in dieser Perspektive.

Qualität war und ist nun mal nicht das primäre Kriterium für Erfolg am Markt. Nicht einmal für Aufmerksamkeit in der Kritikergilde. Das gilt aber generell und ist nicht ideologisch oder politisch bestimmten Gruppenangehörigen reserviert. Die Problematik mit den Bewertungen nach außerliterarischen Kriterien, also nach Gesinnung in einer Gesinnungskultur, kennen wir vom Kalten Krieg, von der Rezeption der DDR-Literatur in Westdeutschland und vice versa der Westliteratur im Arbeiter- und Bauernstaat. Und aus dem europäischen benachbarten Ausland.

Auch beste Kritiken und höchste fachliche Wertschätzung garantieren keine Publikumserfolge; nicht zuletzt Hermann Broch liefert dafür ein Beispiel. Was, wenn Verleger einfach keinen Gefallen an den Gedichten fanden? Die einfachste Antwort kann leicht übersehen werden, wenn man nur will.

Mich erinnert das an eine ähnliche Argumentation zum Werk von Theodor Sapper. Auch da wurde hervorgehoben, wie Elias Canetti und Hermann Broch es lobten, und es trotzdem keinen weiten Anklang fand.

Dabei weiß man aus dem Werk anerkannter Lyriker und Lyrikerinnen, dass auch große, berühmte Dichter nicht nur Meisterwerke schaffen. Spezialisten argumentieren zum Beispiel im Falle Emily Dickinson, von der zu Lebzeiten nur sieben Poems veröffentlicht worden waren, dass aus ihrem umfangreichen Werk nur ca. 20%, das sind an die 350 Poems, als «gut» bezeichnet werden können, nur 100, 6% als «sehr gut» und gar nur 25, also ganze 1,5%, als Meisterwerke. Nun, dem kann man widersprechen. Aber man würde literarische Argumente anführen müssen und nicht außerliterarische. Im Falle von H. G. Adler habe ich jedoch den Eindruck, dass primär außerliterarische Kriterien strapaziert werden. Das ist bedauerlich.

Während die Debatten um Emily Dickinson rein akademisch bleiben (siehe z. B. «On Editing Emily Dickinson» von Per Winther, University of Oslo, in «American Studies in Scandinavia 11/1979), erhalten sie bei einem Autor wie H. G. Adler mit seiner spezifischen Geschichte, seinem Leiden im und durch den Holocaust, eine derartig tiefe Einfärbung, dass literarische Argumente kaum mehr vorgebracht oder gehört werden.

Dass diese Problematik besteht, kann sogar aus dem Geleitwort von Michael Krüger herausgelesen werden: »Aber als unterschwellige Tonspur ist in diesen Versen zusätzlich eine Kraft spürbar, der eine poetische Ader nicht nachgesagt werden kann: Es ist die Geschichte (und die Ohnmacht vor ihr), die herzzerreißende, böse, zermalmende Geschichte des unseligen 20. Jahrhunderts, die wie eine schwarze Wand vor dem Dichter H. G. Adler steht - und der er nichts entgegenzusetzen hat als ein paar arme Verse.«

Was soll man darauf antworten? Am Besten nichts. Das gerinnt unfreiwillig zur Platitüde, weil das Monierte so banal normal ist, dass das Herausheben peinlich wird. Wer will sich anmaßen zu urteilen, wie intensiv welche Geschichte, welches Zeitalter, auf wen einwirkt? Damit lässt sich keine Literatur bewerten. Da geht's um Moral und Schicksal. Doch Schicksal haben alle. Auch ein Louis-Ferdinand Céline oder ein Samuel Beckett, ein Gottfried Benn oder ein Paul Celan und wer einem noch einfällt.

Oder die Feststellung im Nachwort: »Für Adler war das Dichten Zeit seines Lebens eine sinnlich erfahrene Notwendigkeit und nie versiegende Quelle der schöpferischen Befriedigung." Kennen Sie einen Dichter, für den das nicht gilt?

Im Nachwort führen die Herausgeber kundig aus, in welchen Traditionen sich das Adlersche Werk einbettet, welche Nachbarschaften bestehen, welche Einflüsse. Dieses Nachwort ist ein Essay mit beachtlichem Tiefgang. Umso mehr mag man sich wundern, weshalb Adlers poetischem Werk der Erfolg versagt blieb. Dazu findet sich in den Ausführungen, bis auf die vagen Pauschalierungen, nichts.

Zwei Kostproben:

Herbstabend in der Stadt (1927)

Versteinerter Riese,
Sein Haupt ragt in die Wolken.
Die Menschen gehen heiter
Unter glänzenden Sternen.
Vom Winde gerührt die Wimpel der Stadt.

Die Glocken in ihren Türmen schlafen schon ein.
Der verzückte Reiter auf dem Burgplatz
Aus alt geschwärzter Kupferspeise;
Sein Saitenspiel klingt leise hin
In liebste Dämmernis, die sich verliert.

Die alte Eiche schützt vor jedem Fall
Mit strömendem Gesang am Rande.
Die Hoffnung schwimmt im Dufte aller Früchte.
Friede lächelt
Über den Türmen.

Anders bin ich (1934)

Ich lebe in vielen Welten.
Das wurde vernommen, und zunächst
Sie diesem Ausspruch hinzugefügt:
In einem Rohre auf und ab
Unermesslichen Heerscharen
Mannigfaltiger Gestirne entlang
Kann ich allüberall
Nahe sein mit dem Geiste.
Hier und dort
Ist so vieles erlaubt,
Und jede Meereswelle
Darf ewig gewärtig bleiben,
Mich zu erfahren im Zuspruch,
Im Trost und im Werke;
Nie endet auf diesen Bahnen
Der Glutstrom meiner Vermittlung.
Dennoch: Ewig unnahbar
Zurück ins Innerste gezogen
Überschaue ich das endlose Rohr
Und lächle in Tränen herab
Über die Vielfalt des Wissens,
Wie es gesättigt und hungernd zugleich
Immerzu mich verschlingt und verwirft.

Doch nun anders: Es stimmt,
Daß ich in vielen Welten lebe,
Aber dies ist nur Maß,
Ein zugebilligtes Bild
Und dienliches Verzeichnis;
Es ist auch - was viele
Versuchen - die Deutung
Aller Versuche oder
(Wenn dies gehört wird)
Der Versuch aller Deutungen,
Und also ist dies Leben.
Doch das ist abseitig, gleichsam
Abgefallenes in ungezählten
Spiegeln versammelt befaßt.
Doch dies bin ich nicht:
Ich kenne mich nicht im Leben,
ich weiß nichts davon
Und wußte dies nie,
Doch was ich weiß ist das Leben
Und was ich wußte sind Welten.
Dies ist Erkenntnis, dies ist Gesicht,
Ich bin es nicht. Anders
Bin ich, anders, anders.

Es gibt eine Fülle zu entdecken in diesem dicken Band. Frühe Naturlyrik, Anklänge ans Expressionistische, Einflüsse der konkreten Poetik, sogar Liebeslyrik und die Reflexionen aus der horriblen Gefangenschaft. Eine Fundgrube.

Nachbemerkung: In dem mir vorliegenden Band fehlen die Seiten 769 bis 800. Ich hoffe, das betrifft nur einen Teil der Auflage. Dass die Paginierung auch für rechte Seiten links gesetzt wurde, ist leserunfreundlich.

H. G. Adler: Andere Wege. Gesammelte Gedichte. Herausgegeben von Katrin Kohl und Franz Hocheneder unter Mitwirkung von Jeremy Adler. Mit einem Geleitwort von Michael Krüger. Drava Verlag, Klagenfurt 2010. ISBN 978-3-85435-624-0. Euro 49,80

  • H. G. Adler: Andere Wege; Cover, Drava Verlag

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