Der Mordbrand von Oernolfsdalur

... und andere Isländer-Sagas hat Tilman Spreckelsen nacherzählt und Kat Menschik mit 25 Grafiken illustriert: In kargen Linien und Flächen erschließt sich ein ferner Insel-Kosmos von ureigener Kraft und archaischer Ehre.


1. Die Story: All dies ist mehr als tausend Jahre her, Geschichten von Menschen, Sippen und Stammesfürsten, die an der Wende vom 9. zum 10. Jahrhundert in See stachen und das unwirtliche, widerspenstige und doch magische isländische Eiland besiedelten. Im 13. und 14. Jahrhundert wurden die Erzählungen aufgezeichnet – ohne den Zuckerguss höfischer Dichtung, der die Ritterepen des europäischen Kontinents überzieht. Gedichtet wurde trotzdem, und es klang so: «Darf ich sprechen, Herr? fragte Egil. Der König nickte. Und Egil sprach Verse von so hoher Schönheit, dass niemand sie wieder vergaß, der sie gehört hatte. Er pries darin Eiriks Tatendurst und seine Streitlust im Kampf. Er beschrieb, wie Eirik nach dem Kampf seine Freunde freigebig belohnt. Und auch seine Überzeugung, dass der König sein Gedicht gut aufnehmen werde. Das war ausgezeichnet, Egil, sagte Eirik, als die Verse verklungen waren, das Schönste, was ich je gehört habe. Ich will, dass dein Gedicht abgeschrieben und überall verbreitet wird. Du sollst fürs Erste frei sein, aber verschwinde von hier und lass dich nie wieder vor meinen Augen oder vor meinen Männern blicken, sonst geht es dir schlecht.»

2. Die Helden: Insgesamt gibt es deren fünf, denn fünf Isländer-Sagas verhandelt das Buch: die Saga von Egil Skall-Grimsson, die von Gudrun Osvifrsdottir, die vom starken Grettir, vom Hühnerthorir und vom weisen Njál. Es ist aber reichlich genug, um in einen zugleich archaisch-fremden, und doch modern-nahen Erzählstrom einzutauchen.

3. Der Sound: Tilman Spreckelsen speist diesen Erzählstrom aus einer zielstrebig die Handlung vorantreibenden, aber nicht überdramatisch sprudelnden Erzählquelle. «Als er auf dem Rückweg über den Breidafjord fuhr, sandte ihm Kotkel einen Sturm, der das Schiff zum Kentern brachte. Thord ertrankt mit allen seinen Leuten. Kotkel und seine Männer aber wurden wenig später ergriffen und erschlagen oder ertränkt. Einige von ihnen standen noch eine Weile als Wiedergänger über ihren Gräbern. Dann hörte auch das auf», so tönt das zum Beispiel. Den Sagas vorangestellt sind kurze Abschnitte moderner Reiseeindrücke, die uns sagen: Der Ort, an dem du heute stehst, ist auch der Ort von damals.

4. Coole Worte: «Sárt ertu leikinn, Sámur fóstri» (Übel geht man mit dir um, mein Freund Sam). In Island zitiert man aus den Sagas wie in deutschen Landen aus dem Faust. Sie sind eben «klassisch, weil jedermann im Land kann diese Literatur genießen», sagte einst Halldór Laxness.

5. Coole Bilder: «Meine Zeichentechnik besteht darin, die gemalten Konturen mit Farbe flächig auszufüllen. Das habe ich früher mit Siebdrucktechnik gemacht. Heute zeichne ich mit Feder und Tusche auf Papier, scanne die Zeichnung ein und fülle dann die freien weißen Flächen am Computer mit Farbe aus.» Ergebnis: sehr schön! Das Buch gibt’s auch als nummerierte und handsignierte Luxusausgabe, die Illustrationen auch als Siebdruck-Originalgrafiken zu erwerben.

6. Zum Nachdenken: «Am Abend ist der Himmel ganz schwarz. Hin und wieder reißt die Wolkendecke auf, und ein breites silbernes Band steht zwischen Himmel und Erde. In solchen Momenten glaubt man der Saga jedes Wort.»

7. Das Buch: Der Mordbrand von Örnolfsdalur und andere Isländer-Sagas. Nacherzählt von Tilmann Spreckelsen, illustriert von Kat Menschik, mit einem Nachwort Arthur Björgvin Bollason. Berlin: Verlag Galiani 2011, 204 Seiten

8. Die AutorInnen: «Längst zählt sie auch als Buchillustratorin zu den Größten im Gewerbe», findet Menschiks FAZ-Kollege und Comic-Fachmann Andreas Platthaus. Recht hat er! Der Erzähler Tilman Spreckelsen arbeitet ebenfalls für die FAZ. Seine fünf nacherzählten Sagas hat unter anderem Felicitas Hoppe vor Drucklegung testgelesen. Menschik wie Spreckelsen haben in Hans Magnus Enzensbergers «Anderer Bibliothek» publiziert. Genug Meriten also!


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