Babel oder die Kunst des Übersetzens

27.04.2011

27.04.2011 bis 30.04.2011  Theater am Saumarkt

Obwohl die literarische Übersetzung nur einen kleinen Teil des Übersetzungsmarktes ausmacht, ist sie doch mehr beachtet und ungleich relevanter für den interkulturellen Austausch als Gebrauchstexte, da sie Einblicke in fremde sprachliche und kulturelle Entwicklungen und Identitäten gibt. Initiativ für die deutschsprachige Übersetzertätigkeit war die Auseinandersetzung mit fremden Kulturen in der Romantik. Schlegel-Tieck beispielsweise lieferten die noch häufig benutzte Shakespeare-Übersetzung, was immer wieder zu Kritik führt.


Wie kann eine solche Übersetzung heute noch Gültigkeit haben, wo eine gelungene Übersetzung doch nicht allein mit der Quell- sondern auch mit der Zielsprache zu tun und diese sich im Laufe von 150 Jahren verändert? Was bzw. wen lesen wir, wenn wir einen Autor in Übersetzung lesen? Wie viel Freiheit darf sich der Übersetzer erlauben? Gibt es unübersetzbare Texte, die dem anderssprachigen Leser für ewig verschlossen bleiben? Diese und andere Fragen werden bei den Literaturtagen 2011 erörtert und diskutiert. Die Veranstaltungen richten sich an sprachlich und literarisch interessierte Menschen mit dem Versprechen, tiefere Einblicke in die Werkstatt des Übersetzens und das Wesen der Sprache zu gewinnen.

Mi. 27. April 2011
19.30 Uhr: Günther J. Wolf, Vernissage «Hemingway und das Montafon»

Ausstellung über die beiden folgenreichen Aufenthalte von Ernest Hemingway im Montafon. Im Winter 1924/25 hatte der spätere Nobelpreisträger dort seinen Roman «Fiesta» geschrieben, der ihm den Durchbruch brachte. Aber auch während seines Vorarlberg-Aufenthalts im darauffolgenden Winter 1925/26 stellte ihm das Leben existenzielle Weichen.

20.15 Uhr: Hans-Peter Rodenberg, Vortrag «Hemingway – Schaffung einer Legende»

Vor 50 Jahren starb Ernest Hemingway. Sein Leben war ein einziger Mythos, an dessen Konstruktion und Pflege der Autor selbst zeitlebens aktiv beteiligt war. Hans-Peter Rodenberg, Verfasser der bei Rowohlt erschienenen Hemingway-Monografie, gibt uns als profunder Kenner der Materie Einblick in die Vorgänge um die Schaffung und Kultivierung dieser Schriftsteller-Legende. – Zur Sprache kommt auch die Übersetzungs-Problematik: Der von Hemingway begründete und geprägte journalistische Stil der absoluten Verknappung auf das Wesentliche stellt an die adäquate Übertragung in andere Sprachen eine ganz besondere Herausforderung dar; zumal die englische Sprache, unter anderem durch ihre relativ einfache Grammatik, im Ausdruck oft große Prägnanz zulässt.

Hans-Peter Rodenberg, geboren 1952 in Bremen, Studium der Kunstgeschichte, Philosophie und Amerikanistik, Autor und Regisseur kulturhistorischer Dokumentationen bei ARD u.a., zahlreiche Publikationen, Prof. für Film, Neue Medien und Kulturgeschichte der USA an der Universität Hamburg.

Do. 28. April 2011
20.15 Uhr: Peter Waterhouse, Lesung & Gespräch «Der Honigverkäufer im Palastgarten und das Auditorium Maximum»

Ein Schriftsteller und Übersetzer, einer Einladung folgend, reist in ein unwegsames Tal nach Tirol und weiter in seinem Kopf der Sprache folgend von Shakespeare über Dickens bis ins Auditorium Maximum und anderen modernen Schauplätzen, an denen mittels Sprache Politik gemacht wird. Die Leerräume haben seine besondere Aufmerksamkeit und wie sind diese zu übersetzen?

Peter Waterhouse, geboren 1956 in Berlin, lebt in Wien. Gedichte, Essays, Theaterstücke, Übersetzungen (Michael Hamburger, Andrea Zanzotto u.a.m). Zahlreiche Publikationen und Auszeichnungen u.a. H.C.-Artmann-Preis der Stadt Wien 2004, z.Zt. Translater in Residence an der Universität Wien

anschliessend: Udo Kawasser, Lesung & Gespräch «Raul Zurita – Chiles kontroverse Stimme»

Einer der großen zeitgenössischen chilenischen Dichter, unter der Diktatur gefoltert und verfolgt, schrieb Gedichte, die von Udo Kawasser übersetzt und an diesem Abend gelesen werden.

Udo Kawasser, geboren 1965 in Vorarlberg, lebt in Wien. Tänzer, Choreograph, Dichter, Übersetzer spanischsprachiger Literatur. Veröffentlichungen: Gedichte, Essays, Übersetzungen. Zahlreiche Stipendien (Staatsstipendium für Literatur) und Preise (dulzinea-Lyrikpreis), Teilnahme an internationalen Poesiefestivals zuletzt in Medellin/Kolumbien.

Fr. 29. April 2011
20.15 Uhr: Burkhart Kroeber, Vortrag «Allessandro Manzonis Napoleon-Ode und ihre deutschen Übersetzungen seit Goethe»

Nach Napoleons Tod am 5. Mai 1821 schrieb der italienische Dichter Alessandro Manzoni eine Ode, die zu den großen klassischen Dichtungen der italienischen Literaturgeschichte gehört. Goethe war von ihr so begeistert, dass er sie spontan ins Deutsche übertrug. Seine Übersetzung ist jedoch bis heute umstritten, jedenfalls folgten ihr viele weitere Übersetzungsversuche. Kroeber stellt die Ode vor, diskutiert die deutschen Versionen und entwickelt an diesem exemplarischen Fall seine Vorstellung vom Übersetzen.

Burkhart Kroeber übersetzt seit 35 Jahren aus dem Englischen bzw. vorwiegend aus dem Italienischen, hauptsächlich die Werke von Umberto Eco seit Der Name der Rose und Italo Calvino seit Ein Reisender in einer Winternacht. Für sein Engagement für die Sprache und Übersetzung erhielt er mehrfach Preise. Gastprofessur für Poetik der Übersetzung an der Freien Universität Berlin.

Sa. 30. April 2011
19.30 Uhr, Johanna Borek, Vortrag «Ich glaube, das übersetzen ist eigentlich mehr ein Geschäft für Frauen als für Männer, gerade weil es uns nicht gestattet ist, etwas eigenes hervorzubringen. Metaphorik des Übersetzens, Wirklichkeiten von Übersetzerinnen seit dem 17. Jahrhundert.»

«Eine Übersetzung wird immer mit dem sogenannten Original verglichen. Das heißt, die Übersetzung ist eine Zweitschrift. So wie die Frau eine Zweitschrift ist, historisch gesehen. Viele Überlegungen zum Übersetzen bewegen sich, ohne dass das den Leuten bewusst ist, in diesem Umkreis, das heißt, auch metaphorisch erscheint das Übersetzen sehr weiblich. Der Übersetzer wird dazu aufgefordert, dem Original gegenüber treu und demütig zu sein, die Übersetzung ist eine dienende, also eine weibliche Tätigkeit dem Original gegenüber.» Johanna Borek im Interview im Der Standard, 4. Mai 2010

Johanna Borek, a.o.Prof.in für romanistische Literaturwissenschaft und Translatorik an der Universität Wien und Übersetzerin, u.a. von Gide, Diderot, Pirandello. Publikationen zur Literatur und Philosophie der europäischen Aufklärung (u.a. Denis Diderot), zur italienischen Kultur und Politik im 20.Jahrhundert (Gramsci,Pasolini) und zur Kulturtheorie und Geschichte des Übersetzens. Österreichischer Staatspreis für literarische Übersetzung 1994.

20.15 Uhr: Podiumsdiskussion «Ist übersetzen mehr als eine »feminisierte« Tätigkeit?»

Übersetzen gilt als dienende Tätigkeit, als «mindere Tätigkeit», wie die Wissenschafterin Johanna Borek meint. Sie wird auch entsprechend schlecht bezahlt. Wie sehen das die ExpertInnen? Es diskutieren die ReferentInnen Hans-Peter Rodenberg, Peter Waterhouse, Burkhart Kroeber und Johanna Borek. Moderation: Udo Kawasser

Begleitprogramm:
Das TaS-Kino, die Programmschiene des Theaters am Saumarkt im Kino Namenlos in Feldkirch präsentiert: «Die Frau mit den 5 Elephanten». Vadim Jendreyko, Schweizer Filmpreis 2010: Bester Dokumentarfilm
Swetlana Geier galt als die größte Übersetzerin russischer Literatur ins Deutsche. Kurz vor ihrem Tod im Dezember 2010 hat sie für den Zürcher Ammann Verlag ihr Lebenswerk beendet : die Neuübersetzung der fünf großen Romane von Dostojewskij - genannt die fünf Elefanten. Dafür wurde sie mit dem Übersetzerpreis der Buchmesse Leipzig geehrt.

4. Mai 2011, 19.30 Uhr
5. Mai 2011, 21.30 Uhr


Feldkircher Literaturtage 2011
Babel oder die Kunst des Übersetzens
27. bis 30. April 2011

Theater am Saumarkt
Mühletorplatz 1
A-6800 Feldkirch
T: 0043 (0)5522 72895
E: office@saumarkt.at
W: http://www.saumarkt.at
  • Pieter Brueghel der Ältere: Der Turmbau zu Babel
  • Ernest Hemingway, 1923

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