Scoop - Der Knüller

29.05.2007 Walter Gasperi

Der Ortswechsel nach London hat Woody Allen gut getan. Nach dem bitterbösen «Match Point» legt der 72-jährige New Yorker mit «Scoop» eine luftig leichte Mischung aus rasanter Screwball-Komödie und Krimi vor.


Wie alle Filme von Woody Allen beginnt auch «Scoop» mit schlichten weißen Vorspanntiteln auf schwarzem Grund, doch geändert hat sich wie schon bei «Match Point» die Musik. Statt sanftem Jazz stimmen nun Tschaikowsky und Richard Strauß auf das Kommende ein. Und europäisch geht’s weiter, wenn die Rolle, die New York und speziell Manhattan in Woody Allens früheren Filmen spielte, nun London übernimmt. Mit Lust und Liebe rückt der Amerikaner die Anwesen der britischen Upper-Class mit großzügigem barockem Park und eigenem See, die Pubs, Boutiquen und Backsteinhäuser ins Bild, freilich ohne je in eine selbstzweckhafte Sightseeingtour zu verfallen, denn die Räume und das gesellschaftliche Milieu konstituieren hier die Handlung.

Es beginnt mit dem Begräbnis des legendären Enthüllungsjournalisten Joe Strombel. Während die hinterbliebenen Freunde sich an ihn erinnern, wird er selbst auf der Überfahrt über den Styx ins Totenreich von einer Weggefährtin mit einer letzten Sensation vertraut gemacht: Der adelige Peter Lyman soll der Tarotkarten-Killer sein, der schon zehn Prostituierte ermordet hat – Das wäre noch ein echter Scoop – ein Knüller - für Strombel. Selbst kann er jedoch der Sache nicht mehr nachgehen, aber immerhin entkommt er kurz dem Totenreich um als Geist die Journalismus-Studentin Sondra Pronsky (Scarlett Johansson), die gerade vom kleinen Zauberkünstler Splendini alias Sidney Waterman (Woody Allen) dematerialisiert wird, einen Tipp zu geben.

Zaubern gehört zu Allens Welt: Er selbst ist als Filmregisseur ein Zauberer und auch in seinen Filmen wird immer wieder gezaubert: Von der Filmleinwand stieg ein Schauspieler in «The Purple Rose of Cairo», sich permanent verwandelt hat sich das menschliche Chamäleon «Zelig» und in seiner Episode von «New York Stories» ließ ein Zauberer die Mutter verschwinden, die dann überdimensional über New York schwebte. – Zaubern ist aber auch eine Flucht aus dem faden Alltag wie die Verbrecherjagd, auf die sich Sondra und Splendini begeben

Vom nebelverhangenen, in düsteres Blaugrau getauchten Totenfluss, auf dem sich allerdings die Leichen locker unterhalten und auch Zeit für ein Kartenspielchen bleibt – leicht scheint Allen inzwischen den Tod zu nehmen – hebt sich schon rein visuell das Diesseits stark ab: Keine kalten Farben gibt es hier, der Reichtum strahlt förmlich aus dem goldgelben Licht und den Braun- und Gelbtönen eines London, das kein Regenwetter zu kennen scheint. Wärme und Lebensfreude verbreitet auch das Rot, in das die Szenen von Splendinis Zaubervorführungen getaucht sind. – Elegant und edel ist das in jeder Einstellung.

Muss die junge Sondra - hinreißend Scarlett Johannsen mit Brille und teilweise mit Zahnspange als etwas unbeholfene, naive junge amerikanische Studentin – den ängstlichen Zauberer – Woody Allen wie er leibt und lebt – zunächst mit Nachdruck zu den Nachforschungen bewegen, ändern sich bald die Rollen. Denn während sich Sondra in den des Mordes verdächtigen Lord (Hugh Jackman) verliebt, beginnt Splendini immer fieberhafter und verwegener zu recherchieren.

Locker und gelöst wie in seinen letzten Filmen ist der Erzählton, musikalisch hinreißend instrumentiert. Wie aus der Hand geschüttelt wirkt «Scoop», spürbar ist die Souveränität des Altersmeisters, aber nicht verstaubt, sondern jugendlich frisch kommt dieser Film daher. Da werden brillante One-Liner genau im richtigen Rhythmus gestzt und mit dem Hinweis auf Katharine Hepburn und Rosalind Russell wird ganz nebenbei auf klassische Journalistinnen-Vorbilder in den Screwball Komödien der 1940er Jahre angespielt.

Ganz selbstverständlich wird die rasante Komödien und hinreißende Satire auf die Upper Class langsam zum Krimi. Und wie zuvor Komödien-Vorbilder so zitiert und variiert Allen nun lustvoll mit dem Musikraum neben dem Weinkeller Hitchcocks «Notorious» und «Suspicion», wenn ein Glas Milch als Vorwand eingesetzt wird.

An die Stelle der kulturellen Differenz zwischen New York und dem restlichen Amerika tritt in «Scoop» der Gegensatz von amerikanischem und englischem Lebensstil. Wurde in «Der Stadtneurotiker» über unterschiedliche Verkehrsregeln in New York und L. A. diskutiert, so spielt hier die Linksfahrordnung eine nicht zu unterschätzende Rolle, dem intellektuellen britischen Kultur-Talk wird der amerikanische Banause, für den ein «Rubens» ein Sandwich ist, gegenübergestellt und auch die für einen Woody-Allen-Film fast obligaten Witze über das Judentum («Geboren wurde ich in die hebräische Glaubensgemeinschaft, doch dann konvertierte ich zum Narzissmus») dürfen nicht fehlen.

Hinsichtlich philosophischer Tiefe und brillantem Aufbau mag sich «Scoop» mit «Match Point» nicht messen können, wirkt aber gleichzeitig in vielem wie eine leichtere und verspieltere Variation dieses Meisterwerks. Und großes Vergnügen bereitet diese famose Mischung aus Screwball-Komödie und Krimi allemal.

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