The Social Network

12.10.2010 Walter Gasperi

Die Erfindung von Facebook hat den 1984 geborenen Mark Zuckerberg zum jüngsten Milliardär der Welt gemacht. David Fincher erzählt ausgehend von zwei Prozessen in meisterhafter Rückblendenstruktur multiperspektivisch von der Entstehung des weltweit erfolgreichsten sozialen Netzwerks. – Keine Erfolgsgeschichte, sondern ein kalter und böser Blick auf Zuckerberg und seine Generation.


Von der ersten Szene an wird in diesem Film mit einem Tempo und einer Dichte geredet, dass es einem schier den Atem raubt. Ein heftiges Wortgefecht liefert sich der noch nicht 20-jährige Mark Zuckerberg im Herbst 2003 mit seiner Freundin Erica Albright. Wie Messerstiche treffen die Worte im Sekundentakt. So beschlagen, um sich so ein Gefecht im Alltag zu liefern, wird kaum jemand sein, aber brillant geschrieben sind die Dialoge von Aaron Sorkin zweifellos.

Fincher ordnet sich diesen ganz unter, verdichtet die Szene aber meisterhaft, sodass sich aus dem Nichts heraus vibrierende Spannung entwickelt, bis Erica ihrem Noch- oder schon Ex-Freund mit den Worten «Die Frauen werden nie auf dich stehen, denn du bist nicht nur ein Nerd, sondern ein Arschloch» den Laufpass gibt. Zwei Stunden wird Fincher zeigen, wie wahr diese Aussage ist – und wird sie am Ende durch eine Anwältin korrigieren lassen: «Sie sind zwar kein Arschloch, aber Sie tun alles dafür, dass es so erscheint.»

Dazwischen wird Fincher Zuckerberg nie zusammen mit einer Frau zeigen, wird die Kamera diesen «Milliardär per Zufall», wie Ben Mezrichs dem Film zugrunde liegendes Buch titelt, immer wieder isolieren. Wenn die Korken bei der einen Party knallen und der Champagner spritzt, steht er allein auf der anderen Seite der Fensterscheibe, während einer anderen Party sitzt er allein im Büro. Bei den beiden Prozessen, von denen der Film aus retrospektiv die Geschichte aufrollt, vertieft sich Zuckerberg in den Verhandlungspausen allein in seinen Laptop, bei einem Gespräch zwecks Aquirierung eines Sponsors für Facebook ist er geistig abwesend.

Es ist ohne Zweifel der Clou des Films, dass er den Gründer des weltweit erfolgreichsten sozialen Netzwerks als sozial schwer gestörten, fast schon soziopathischen jungen Mann zeichnet: 500 Millionen aktive Nutzer, grüppchenweise miteinander verbunden als «Freunde» soll Facebook haben, der Facebook-Gründer wird im Film aber selbst seinen einzigen Freund schließlich ausbooten und sich zum Feind machen. Zweifelhaft bleibt dabei sogar, ob dieser Eduardo Saverin (Andrew Garfield) je sein Freund war, oder ob Zuckerberg ihn nicht nur für seine Zwecke geschickt eingespannt hat.

Die Trennung von Erica dient Fincher als Auslöser für Zuckerbergs verstärkte Aktivitäten am Computer. In seinem Blog zieht er über die Verflossene her und legt mit einer Website, auf der man Studentinnen von Harvard bewerten kann, das Netz der Elite-Uni lahm. Dafür muss er zwar vor Gericht, doch ruft seine Aktion auch die reichen Winklevoss-Brüder auf den Plan, für die er ein soziales Netz für die Uni einrichten soll. Zuckerberg klaut kurzerhand ihre Idee und entwickelt, finanziell unterstützt von Eduardo, Facebook.

Ausgehend von Prozessen, die die Winklevoss-Brüder wegen geistigen Diebstahls und Eduardo wegen seines Rauswurfs aus der Firma anstrebten, erzählt Fincher retrospektiv die Ereignisse nach. Meisterhaft lässt er Aussagen bei der Verhandlung in Rückblenden übergehen und wechselt zwischen den Perspektiven der drei am Prozess beteiligten Parteien. Konsequent ausgespart wird dabei Zuckerbergs Vorgeschichte, nichts erfährt man über seine Jugend und seinen sozialen Hintergrund.

Sympathisch ist hier höchstens Eduardo, vernichtend ist dagegen Finchers Blick nicht nur auf den von Jesse Eisenberg wunderbar zurückhaltend gespielten Zuckerberg, sondern auch auf die snobistischen stinkreichen Winklevoss-Brüder, auf Harvard mit seinen elitären Clubs und Aufnahmeregeln, aber auch auf die ausgelassene Party-Szene in Kalifornien oder – in einer kurzen Szene – auf die vornehme europäische Gesellschaft.

So dialoglastig «The Social Network» auch sein mag, so perfekt ist er dennoch im Detail auch auf der visuellen Ebene. Brillant werden hier die verschiedenen Milieus gezeichnet, großartig unterstützt von Trent Reznors fantastischem, sich variantenreich der jeweiligen Szene anpassenden und so Atmosphäre schaffenden Soundtrack. Offen zur Schau gestellt wird diese Meisterschaft aber nie, auf Spielereien verzichtet Fincher, konzentriert sich auf die ökonomische Umsetzung von Aaron Sorkins brillantem Drehbuch.

Dynamisch und ohne Atempause wird die Handlung vorangetrieben, nie lässt die Spannung nach und bissiger Witz verleiht dem Ganzen die richtige Würze. Für Fragen, die im Zusammenhang mit Facebook immer wieder aufgeworfen werden vom Datenschutz bis zur sozialen Vereinsamung der Nutzer interessiert sich «The Social Network» nicht. Offen bleibt auch, inwieweit das Bild das von Zuckerberg hier gezeichnet wird und dem Porträtierten selbst sicher nicht gefallen wird, der Realität entspricht.

Um akribische Rekonstruktion der Wirklichkeit geht es Fincher aber nicht. Ausgangsmaterial scheinen für den 1962 geborenen Amerikaner eher die Fakten zu sein für einen Film, in dem er ein weiteres Mal seine bittere und hoffnungslose Weltsicht künstlerisch zum Ausdruck bringen kann. Bissig zeichnet er ein Bild dieser Generation von Computerfreaks, die in ihrer eigenen Welt leben. Glücklich werden sie so trotz ihres materiellen Erfolgs dennoch nicht, denn wie Finchers bisherige Filme kreist auch «The Social Network» in seinem Zentrum um die Unmöglichkeit des Glücks und die Verdammnis zur Einsamkeit.

Am Ende mag für Zuckerberg zwar ein Vermögen von mehreren Milliarden Dollar stehen, doch ungleich präsenter ist das Gefühl der Einsamkeit, wenn er vor seinem Computer sitzt und auf eine Bestätigung seiner Freundschaftsanfrage an Erica wartet. Da kann man dann mit diesem Computerfreak mit fehlender Sozialkompetenz, auf den Fincher zwei Stunden lang mitleidlos blickte, fast Mitleid haben.

Wird am Mittwoch, den 30.3. um 20 Uhr und am Freitag, den 1.4. um 22 Uhr vom Filmforum Bregenz im Metrokino Bregenz gezeigt (engl. O.m.U.)

Trailer zu «The Social Network»


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